Sicherheit

Ganz ruhig bleiben!

d'Lëtzebuerger Land vom 28.01.2010

„Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit Ihrem Motorrad und werden von einem Auto überholt. Dabei fährt das Auto sehr dicht und schnell an Ihnen vorbei. Wie reagieren Sie?“ Das ist eine der Fragen, die der Psychologe Georges Steffgen von der Uni Luxemburg vor ein paar Jahren 126 Motorradfahrern vorlegte. Zur Antwort konnten sie zum Beispiel „Ich fühle mich persönlich angegriffen“ ankreuzen oder auch „Beim Motorrad fahren muss ich oft fluchen“. Das Ergebnis der Studie: „Hoch narzisstische Fahrer mit geringer Selbstkonzeptklarheit“ neigen zu starken Ärgerreaktionen, Vordrängeln und rücksichtslosem „Ausleben von Überlegenheitsgefühlen“. Ob Wut in Aggression umschlägt, hänge von „erlernten Emotionsregulationsmechanismen“ ab. Steffgen empfiehlt bessere Ausbildung und Sicherheitstraining.

Kein Zweifel, starke Gefühle wie Zorn, Angst, Euphorie oder auch Trauer können Fahrzeuglenker vom rechten Weg abbringen. Zur Abhilfe setzen die Hersteller der Gefährte aber weniger auf Fahrschulen, sondern mehr auf Technik. Beispielsweise befragen in Niedersachsen Psychologen der VW-Forschung Unfallopfer, um das „typische Verhalten des Autofahrers in kritischen Situationen“ zu ermitteln. Mit den Erkenntnissen sollen Systeme zur Nachtsicht-, Abstands- und Spurassistenz verbessert werden.

Zumindest mangelndes Temperament können Automaten bereits recht gut erfassen. Nach ersten Versuchen in Österreich testete im vergange­nen Jahr auch die Autobahnpolizei Osnabrück einen Pupilloma­ten, der an der Augenklinik Tübingen entwickelt wurde: Das Gerät misst mit Infrarot-Technik den sich ständig ändernden Durchmesser der Pupille. Die Reaktion zwischen Verengung und Erweiterung fällt umso heftiger aus, je müder der Fahrzeuglenker ist.

Die Ergebnisse sind rechtlich nicht bindend: Lastwagenfahrer dürfen sich übermüdet ans Steuer setzen, sie müssen bloß nachweisen können, dass die Ruhezeiten eingehalten wurden. Die Polizisten waren aber von dem Schlafmützen-Detektor sehr angetan. Die bislang erhältlichen Warnsysteme gegen Sekundenschlaf taugen dagegen noch nicht viel, fanden Neuroinformatiker der Fachhochschule Schmalkalden heraus: An Signaltöne, die bei mangelnder Spurtreue ausgelöst werden, Gurtrüttler oder im Armaturenbrett aufleuchtende Kaffeetassen-Symbole gewöhnen sich die Fahrer einfach – und dösen unbeeindruckt weg.

Die Kommunikation Mensch-Maschi­ne lässt sich noch stark verbessern. Genau das will das Forschungsprojekt „Psychobionik“ der Universität Lüneburg. Gefördert mit 800 000 Euro aus der Volkswagenstiftung soll dort bis zum Jahr 2013 untersucht werden, wie Computer und Senso­ren menschliche Gefühle erkennen und interpretieren können. Dazu werden Testpersonen in bestimmte Stimmungen versetzt, etwa an schöne Erlebnisse erinnert oder durch rüpelhafte Behandlung verärgert. Sitzen sie dann im Fahrsimulator, werden zum Beispiel ihre Pulsfrequenz, die Hautfeuchtigkeit an der Fußsohle und der Händedruck am Lenkrad gemessen. Zeitigleich mit der Auswertung der Fahrweise beobachtet eine Kamera das jeweilige Gesicht. Diese Aufnahmen werden abgeglichen mit Mimik-Beispielen für bestimmte Gefühlszustände, die mit einer Schauspielerin aufgenommen wurden.

Das Ziel der Lüneburger Psychologen, Informatiker und Automatisierungstechniker ist „eine effizientere, siche­rere und humanere Steuerung des komplexen Systems Mensch-Fahrzeug“. Professor Hans-Rüdiger Pfister kann sich zum Beispiel vorstellen, dass Autos ihren Fahrern eine „emotiona­lemphatische Rückmeldung“ geben, wenn Sensoren erhöhten Wutpegel oder andere Verstimmungen fest­gestellt haben. Möglicherweise wird eine sanfte Navigatorstimme auf den Chauffeur einreden und empfehlen, sich vor dem Losfahren erst einmal zu beruhigen. Oder sicherheitshalber gleich den Motor ausschalten.

Umgekehrt soll die Übertragung von psychologischen Erkenntnissen auf technische Einrichtungen erreichen, dass auch der Mensch sein Fahrzeug besser versteht: Die Maschine soll den Lenker über ihre Zustände „besonders effektiv“ und „in emotiona­lem Format“ informieren. Vielleicht wird der Kraftwagen der Zukunft wie ein Kleinkind quengeln, wenn er getankt werden will? Oder man setzt sich an einem kalten Wintermorgen rein und das Auto stöhnt: „Ich fühl‘ mich heute irgendwie nicht gut.“

Institut für Experimentelle Wirtschaftspsychologie der Universität Lüneburg: www.leuphana.de/institute/luenelab.html
Martin Ebner
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