Wirion, Jacques: Häretismen

Aus der Zeit gefallen

d'Lëtzebuerger Land vom 03.04.2015

Dieses Buch fällt aus der Zeit: auf zweihundert Exemplare limitierte Auflage auf schwerem Büttenpapier, handgesetzt, handgedruckt und handgebunden in der Werkstatt des Musée de l’Imprimerie in Grevenmacher, dessen Förderverein als Verleger zeichnet. In dieser kostbaren Aufmachung präsentieren sich Jacques Wirions Häretismen, eine Sammlung von Aphorismen, die sich schwerpunktmäßig mit einer aufgeklärten Abkehr vom Glauben auseinandersetzt, die sich aus ihrem dialektischen Rückbezug auf Gott noch nicht befreit hat: „Eine Gottlosigkeit, die ihren Gott nicht los wird“, lautet einer der ersten Sinnsprüche des Bandes; er benennt in nuce das Thema, dem Wirion in den etwas mehr als dreihundert Aphorismen nachgeht.

Die geistige Haltung, die der Sammlung ihre Prägung verleiht, könnte dabei entschiedener kaum sein: Sie besteht in der konsequenten Ablehnung aller theistischer Modelle zur Begründung von Moral oder einer Erklärung der Welt. Der Glaube erscheint hier als fadenscheinige Denkverweigerung. „Religiöses Wissen“ ist dem Autor das „Muster eines Oxymorons“, ein widersprüchliches Konzept, das sich der Herausforderung des Denkens, nämlich eine Welt ohne Gott auszuhalten, nicht stellt. Dabei legt Wirion nicht nur, wie er in Bezug auf Caravaggios Darstellung des ungläubigen Thomas sagt, „die Finger in die Wunde des Glaubens“, indem er traditionell vorgebrachten religionskritischen Fragen eine eigene Formulierung verleiht. Seine Pointen nehmen auch kritische Gestalt an. Sie rechnen dem Gläubigen die epistemischen Defizite vor, die er in Kauf nimmt, wenn er glaubt, also so „tut, als ob er wüsste“, wie Wirion in Anlehnung an das bekannte luxemburgische Sprichwort schreibt. Dass er sich keiner falschen Toleranz hingibt, indem er Verständnis für Geisteshaltungen heucheln würde, die er in Wahrheit verwirft, macht eine der Stärken des Bandes aus. Im freiheitlichen Denken ist daher auch Spott erlaubt, eine Tradition, die Wirion im Anschluss an einige der berühmtesten Aphoristiker (Lichtenberg und Co.) durchaus pflegt. „Wenn Religion als gesundheitsfördernd angepriesen wird“, heißt es da zum Beispiel, „denke ich an Placebos.“

Eine weitere sympathische Seite des Buches besteht darin, dass Wirion, obwohl er mit seiner Religionskritik offensichtliche normative Ansprüche verfolgt, nicht als Besserwisser vor den Leser tritt. Immer wieder nimmt er – wie beiläufig – seine Sprecherrolle ins Visier, sowie die Möglichkeiten des Aphorismus, überhaupt als Ausdrucksform von etwas Wesentlichem zu gelten („Es gibt Aphorismen, die kurz und geschwätzig daherkommen.“). Den Zweifel, dem er den Glauben aussetzt, wendet er auch auf sich selbst und seine Überzeugungen an. Wo sich der Autor einerseits dem Platonismus verschreibt („Philosophen, welche den Begriff über die Metapher stellen, übersehen etwas.“), empfiehlt er andererseits die „Vorstellung, dass die Sonne außerhalb von Platos Höhle ihrerseits in einer Höhle scheint“, also eine gewisse Demut im Denken, eine prinzipielle Skepsis, ob man die Wahrheit oder das Wesen der Dinge wirklich und letztgültig erkennen kann. Auch der Platonismus kann zu einem „Idealgefängnis“ werden, wo er sich selbst nicht mehr reflektiert und hinterfragt. Die eigenen Überzeugungen dürfen insgesamt kein Glaube sein, zu dem der Leser bekehrt werden soll: „Nicht überzeugen wollen, Denkwege öffnen“, heißt die Vorgabe, die sich der Autor selbst vorschreibt.

Das Bestreben, dem Leser Denkwege zu öffnen, mag auf die Auswahl der Zitate und Bildungshintergründe eingewirkt haben, auf die Wirion in seinen Aphorismen anspielt. Es handelt sich gemeinhin um Zitate aus dem bildungsbürgerlichen Fundus, die sich einem Leser mit klassischer Schulbildung ohne Weiteres erschließen. In diesem Duktus ist auch die Verwendung von Gemeinplätzen zu verstehen, die Wirion gerne mit einem originellen Twist versieht, etwa wenn er schreibt: „Die Zeit heilt alle Wunder.“

Vor dem Hintergrund der Terrorattacken in Paris oder der Aufmärsche von Pegida in Dresden gewinnen die Aphorismen, die Wirion bereits 2011 verfasst hat, an Aktualität. In diesem Zusammenhang bezeugen manche Sätze die Klarsicht des Autors: „Was nun mit der Religion zurückkehrt, ist alles andere als ihre Friedens- oder gar Feindesliebe.“ Vor vier Jahren hätte man die Glaubenskritik der Häretismen vielleicht als altbacken oder unzeitgemäß abgetan. Das heute zu tun, hieße zu vergessen, in welchem Ausmaß auch die westliche Schuldbildung nicht vor blinden Vorurteilen schützt. „Tolle lege.“ – Wahrlich ein schöner Spruch, wie Wirion anmerkt. Problematisch wird er aber nicht nur, „wenn der Angesprochene nicht lesen kann“, sondern vor allem, wenn er nicht lesen will.

Jacques Wirion: Häretismen. Aphorismen. 80 S. Amis du Musée de l’Imprimerie, Grevenmacher 2014.
Elise Schmit
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