Jahreswechsel in Wien

Friede den Hütten!

d'Lëtzebuerger Land vom 20.01.2011

Hier wird für einen guten Zweck gesoffen. Marille, Mozart, Turbo. Für Kinder und SäuferInnen, mehr Diversität gibt es nicht, an komplexere Bevölkerungsgruppen wagt man sich noch nicht heran. Wenn die Last-Minute-Herumtreiber noch ordentlich bechern, dann wird es vielleicht wirklich für ein Urwaldhospital oder eine Schule in den Balkanbergen reichen.

Einer muss noch immer schon wieder home for Christmas. Daran ist der Straßenmusikant schuld, der zwischen Schneeelendshäufchen die Gitarre bearbeitet. Die sich dezent einsam Betrinkenden schauen betont versonnen oder fixieren ein über ihren Köpfen drohendes weihnachtsglamouröses High Light. Ein zottelhaariger Grauschopf bewegt sich mit seinen Plastiktüten auf einen einsamen Zecher zu und hypnotisiert dessen Becher. Teuer gestiefelte, langmähnige Russinnen mit ihren übermütigen Begleitern übersehen gekonnt die frierenden Kids in den Buggys, über deren resignierten Gesichtern sie sich zuprosten. Eine Hundesphinx, Skulptur aus Würde und Anmut, zu Füßen des seiner Dame zuprostenden Herrchens. Ein zackiger Dobermann betritt die Bühne. Augenblicklich verwandelt sich die Sphinx in einen spastisch bebenden Köter.

Der Straßenmusikant ist jetzt hardcore auf „o Tannenbaum“ umgestiegen, dann wird er von verzweifelter Verwegenheit ergriffen und jault „Augustin, o du lieber Augustin“. Für dieses schauerliche und radikale Aufheulen und Anheulen der gleichgültigen Trinker und der gleichgültigen Weihnachtsbeleuchtung verdient er meinen Respekt und meine letzten Groschen.

Die Stimme der Sängerin, die in bonbonbunten Klamotten auf der Bühne herumwirbelt, windet sich qualvoll, der aufgerissene Mund der Sängerin füllt die Leinwand in der Mitte des Stefansplatzes aus. Die Jugendlichen mit den Hasenohren und den Schweinsnasen, die über den Platz hetzen auf der Suche nach der wahren action, steigen übermütig in die halsbrecherischen Darbietungen ein. Die Böller, Knallkörper und Sprengköpfe, die den Stefansplatz jedes Jahr schon am frühen Abend in ein nur Desperados und Desperadas vorbehaltenes Kriegsgebiet verwandelt haben, sind verboten. Operette statt Krieg! Der Frieden ist ausgebrochen, die Sängerin verrenkt sich die Stimmbänder, sprengt ihren Kehlkopf.

Unter den imposanten, eiskristallenen Leuchtern des Grabens reiht sich Hütte an Hütte. Dem neuen Jahr wird offensiv entgegen gesoffen. Benvenuto, Welcome! Kein Willkommen in einer asiatischen oder einer sla­wischen Sprache, obschon vor allem Menschen aus diesen Sprachräumen diese Nacht bevölkern. Wandelnde, hochgereckte Handy-Kameras filmen wandelnde, hoch gereckte Handy-Kameras. Hasenohren flimmern fiebrig, Schweinerüssel grüßen solide klassisch, Weihnachtsmannmützenlämpchen blinken immerrot.

Zu Bill Haley zappeln hier sonst nur die Puppen der Marionettenspieler. Einem Denker mit moderesistenter Kappe fährt er jetzt – aber hallo! – in die Gebeine. Er schiebt den Kiefer vor, zuckt, ruckt und rockt, dass seine friedlich malmende Gefährtin den abwesenden Blick bekommt. Ein wandernder, rot-weiß-rot beflaggter Christbaum posiert neben possierlichen Touristinnen. Mini-Rock-Mädchen mit Beinen in allen Variationen: Catwalk via Kater. Vor der Konditorei Demel lassen Bilderbuchbäcker Schokoladenbäche über Mini-Torten fließen, die sich chinesische Geschäftsleute, tschechische Buchhalterinnen, französische Lehrerinnen andächtig zu „Coming Home, Alabama“ einverleiben. Der Anwalt aus Mailand walzt folgsam mit seiner herben Zahnärztin. Es schneit auch brav ein bisschen in die Kulisse.

Von den Saiten einer Harfe perlen Tränen, die sofort gefrieren. Weißblonde Frauen mit Frisuren, die diesen Namen noch verdienen, legen Balanceakte auf rekordverdächtigen Stilettos hin: kostbare Accessoires an den Armen hoch gewachsener, weißhaariger Männer. Am Hof ergießen sich steinerweichende Steinzeit-Hits in die Schweins- und Hasenohren. Auf der Freyung katzenjammert das Wienerlied.

„Das war doch deine Idee!“ In den Nebengassen fliegen die Wortfetzen in allen Sprachen, entladen sich in der schussfreien Silvesternacht die zwischenmenschlichen Früste und Fröste. Ein paar Bullen haben einen Fang gemacht: einen glitzerhütigen Jüngling, der das Friedensverdikt ignoriert hat.

Schützengräben, Hinterhalte, Terrorkommandos. Gott sei Dank ist wenigstens am Schwedenplatz die Hölle los, muss man sich an Draufgängern und Piraten vorbei ins funkelnde, nagelneue Jahr schmuggeln.

Michèle Thoma
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