Autofestival 2010

„Öko“ soll‘s richten

d'Lëtzebuerger Land du 28.01.2010

Als vor zwei Jahren die Autohändlerverbände Adal und Fégarlux zum traditionellen Empfang 14 Tage vor Beginn des Autofestivals 2008 eingeladen hatten, meinte Adal-Präsident John Kaysen: „Es soll nicht sein, dass über den Weg der CO2-Emissionen der Lebensstil des Luxemburgers, des Europäers bestimmt wird.“

Es war die Zeit, als neben hohen Spritpreisen die CO2-abhängige KFZ-Steuer die Nation beschäftigte, und obendrein hatte die EU zwei Monate zuvor, auf dem Klimagipfel von Bali, neue Anstrengungen zur Treibhausgasreduzierung versprochen.

Heute ist die Lage anders. Die Spritpreise sind wegen der anhaltenden Krise noch immer niedrig, die neue KFZ-Steuer so erdrückend längst nicht. Wie es weltweit mit dem Klimaschutz weitergehen wird, weiß niemand so genau – und dennoch lautet die Marketing-Formel, der die Garagisten fürs Autofestival 2010 vertrauen, ausgerechnet Öko: „Gottseidank“, sagt Fégarlux-Präsident Ernest Pirsch beim Empfang 2010 der beiden Verbände, habe die neue Juncker-Asselborn-Regierung die Umweltprämien verlängert, die 2007 die alte Juncker-Asselborn-Regierung eingeführt hatte. Dafür würden ihr „nicht nur die Betriebe, sondern auch die Umwelt Danke“ sagen.

Die Regierung unterstützt den Vorstoß argumentativ. Der stellvertreten­de Direktor der Société nationale de contrôle technique rechnet vor, wie sprunghaft die Zahl neu zugelassener Unter-120-Gramm-PKWs angestiegen sei, seitdem es dafür 750 Euro vom Staat gibt: 6 107 waren es 2007, dagegen 9 376 im Jahr danach und 12 329 im Jahr 2009 – was 26 Prozent aller Neuzulassungen entsprach. „2009“, spinnt Nachhaltigkeitsminister Claude Wiseler (CSV) in seiner Ansprache den Faden weiter, „das war das Jahr, in dem erstmals von einem größer gewordenen Fuhrpark weniger CO2 ausgestoßen wurde als 2008 von einem kleineren Fuhrpark“.

Eben das ist die Entwicklung, von der die Händler hoffen, dass sie sich fortsetzt: Weniger Emissionen aus ei­nem Fuhrpark, der größer wird, weil mehr verkauft wurde. Was gar kein Widerspruch ist zum Wunsch des Adal-Präsidenten von vor zwei Jahren: Der „Lebensstil des Luxemburgers“ soll sich ja nicht durch Lust am Verschmutzen auszeichnen, sondern durch Lust am Autofahren.

Eine automobile Perspektive zu beschwören, die energieeffizienter und schadstoffärmer ist, erscheint plausibel, weil immer mehr Hersteller zumin­dest bis zur Kompaktklasse Niedrig-Emissionsmodelle unter 100 Gramm pro Kilometer anbieten (siehe auch den Beitrag auf Seite 4/5). Und gelingt es ihnen, ihre Ankündigungen wahr zu machen, dann werden noch in diesem oder spätestens im kommenden Jahr von großen Herstellern wie Renault, Nissan oder Citroën Zero-Emission-Elektromobile auf den Markt kommen, die in Leistung und Preis gegenüber konventionellen PKWs konkurrenzfähig sein sollen.

Als Absatzstimulus zum Autofestival wird „Öko“ aber auch betont. 2009 war für die Händler ein schlechtes Jahr. Die Zahl der PKWs stieg zwar um knapp 2 500. Aber so europarekordverdächtig das Verhältnis von insgesamt 331 513 Autos auf eine knappe halbe Million Einwohner nach wie vor ist – 2009 wurden fast zehn Prozent weniger PKWs neu zugelassen als 2008. Dem staatlichen Statistikamt Statec zufolge lag die Zahl der Neuzulassungen nur im Oktober und im Dezember etwas über der im jeweiligen Vorjahresmonat.

Dabei waren Privatleute auch 2009 kauflustiger gewesen als 2008: Zwei Prozent mehr Privat-KFZ wurden neu zugelassen. 2008 hatte das Plus bei 2,9 Prozent gelegen. Den großen Einbruch gab es im Geschäft mit Firmenkunden. Ausgerechnet in jener Sparte also, in der der Autohandel über Jahre hinweg immer weiter gewachsen war und 2008 schließlich 44 Prozent aller Neuzulassungen ausmachte. 2009 wurden auf einen Schlag 25 Prozent weniger Firmenwagen neu immatrikuliert. Viele Leasingverträge mit den Händlern wurden verlängert, und Autovermieter wie Europcar und Hertz verkleinerten ihre Flotten um bis zu 20 Prozent (Luxemburger Wort, 22.8.2009).

Marktbelebung winkt, weil die Regierung schon im vergangenen Jahr die Abwrackprämie zu verlängern beschloss: Bis Ende Juli, damit Altwagen, für die beim Festival 2010 Ersatz erworben wird, sich noch mit Bonus verschrotten lassen können. Bis Ende Juli gibt es auch weiterhin 750 Euro für Neuwagen unter 120 Gramm pro Kilometer – ab 1. August gilt dieses Emissionsvolumen als „technischer Standard“ und die Prämie wird dann erst für weniger als 110 g/km gezahlt. 1 500 Euro gibt es bereits jetzt beim Kauf eines Wagens mit einem Ausstoß von unter 100 g/km. Vielleicht lässt der Markt sich ja in der größer werdenden Öko-Nische noch etwas strapazieren?

Womöglich klappt das auch deshalb, weil die Luxemburger Autobesitzer allem Anschein nach noch keine ausgeprägte Vorliebe für Low-cost-Modelle entwickelt haben.

Ende Dezember 2009 veröffentlichte Cetelem, die Kredit-Filiale von BNP Paribas, in ihrem Observatoire Cetelem 2010 die Ergebnisse der Studie Automobile: la low-cost attitude? Untersucht wurden die Haltungen der Autokäufer in den fünf bevölkerungsreichsten EU-Mitgliedstaaten Westeuropas und in Portugal.

Resultat: Low-cost-Modelle genössen mittlerweile ein „gutes Image“. 53 Prozent der in repräsentativen Erhebun­gen Befragten würden einem Auto, das zwischen 8 000 und 10 000 Euro kostet, „volles Vertrauen“ entgegenbringen. 57 Prozent erklärten sich be­reit, einen Billigwagen aus China oder Indien anzuschaffen, sobald diese erhältlich sind. Cetelem schloss, die Tendenz zum Low cost habe damit zu tun, dass Kauf und Unterhalt eines KFZ immer teurer zu stehen kommen: In den sechs untersuchten EU-Staaten seien zwischen 1998 und 2008 die Katalogpreise der Autos mit einem jährlichen Plus von 3,2 Prozent deutlich schneller gestiegen als die Inflation mit im Schnitt 2,3 Prozent im Jahr. Gleichzeitig habe der Unterhalt der Fahrzeuge sich um 4,6 Prozent jährlich verteuert – insbesondere der Spritpreisentwicklung wegen.

Für Luxemburg fehlen Untersuchun­gen dieser Art. Die Entwicklung der Auopreise wird nicht einmal vom Statec näher analysiert. Aber falls die Neuzulassungen der preiswerten Dacia-Modelle hierzulande als Indikator für Low-cost-Neigungen taugen, dann müssen die Verkäufer der etablierten Marken sich noch keine Sorgen machen: Mögen die Dacias im Ausland auch schon einen neuen Trend begründet haben (siehe S. 6/7) – vom Dacia Logan wurden 2007 in Luxemburg 158 Stück neu immatrikuliert, 164 Stück im Jahr 2008 und 167 im Jahr 2009. Wenn Anfang 2009 insgesamt 296 Dacias zugelassen waren, dann war den Autos der rumänischen Renault-Tochter ein ähnliches Nischen-Dasein beschieden wie den 279 Daewoos. Und wie am anderen Ende der Preisskala den 218 Maseratis, den 168 Bentleys oder den 367 Ferraris.

Mit einer noch einmal verlängerten Abwrackprämie in Verbindung mit Öko-Marketing den Absatz kurzfristig noch einmal zu stimulieren, gibt allerdings keine Antworten auf die Frage, was „danach“ kommen soll. Sättigungstendenzen zeigen sich auf dem Luxemburger Automarkt seit Jahren schon, und dass hierzulande ein neu erworbenes Auto im Schnitt nach etwas mehr als fünf Jahren schon weiterverkauft wird, zeigt nur, wie weit verbreitet der materielle Überfluss noch ist. In einem vernünftigen Verhältnis zur Lebensdauer der Fahrzeuge steht es nicht: Langlebige Produkte herzustellen und so ein der Nachhaltigkeit verpflichtetes, Ressourcen schonendes Wirtschaften zu demonstrieren, ist seit den Neunzigerjahren ein wichtiges Entwicklungsziel der Autoindustrie.

Peter Feist
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