Big Love

Plurales Eheleben

d'Lëtzebuerger Land vom 06.05.2016

„Armer Bill Paxton“ – das war der Kommentar eines Freundes zu dieser Familiengeschichte, die sich über fünf Staffeln zieht. Und es stimmt ja: In Big Love spielt Bill Paxton den Familienvater und Unternehmer Bill Henrickson, der als Selfmademan den amerikanischen Traum für sich zu realisieren versucht. Er ist einer, der sich vom Straßenkind hochgearbeitet hat, der ständig kämpft und keine Limits zu kennen scheint. Sei es, dass er in der Familie Konflikte lösen muss, sei es, dass er für den Ausbau seines wachsenden Imperiums ackert.

Das Leben fordert viel von Bill. Das Leben und seine drei Ehefrauen. Ja, drei Ehefrauen.

Bill ist Mormone. Besser: zivilisierter, fundamentalistischer Mormone. Fundamentalistisch, weil er an der Vielfrauenehe als religiösem Prinzip getreu der Lehre Joseph Smiths festhält. Zivilisiert, weil er dieses principle im Respekt für die Frauen, ihre Wünsche und Ziele leben möchte.

Bill ist ein lost boy. Er stammt aus einer jener Sekten, die im Verborgenen immer noch so leben wie zu Joseph Smiths Zeiten. Einer Gesellschaft, in der Mädchen an alte Männer verheiratet werden und ein selbsternannter Prophet die Geschicke seiner Gemeinde zu seinem eigenen Vorteil lenkt. Mit 15 Jahren wurde Bill einfach von seinem Vater an einer Straße ausgesetzt. Und obwohl er sich eine eigene Existenz aufgebaut hat, zieht ihn seine Herkunft immer wieder in diesen Sumpf zurück.

Big Love schafft es, beim Zuschauer Abscheu und Verständnis für die Polygamie hervorzurufen. Mit der modernen Art von „pluraler Ehe“ (plural marriage) könnte man als Zuseher noch leben, doch was sich in der Kommune von Juniper Creek an chauvinistischer Weltanschauung, gepaart mit krimineller Machterhaltungsenergie abspielt, ist kaum zu ertragen.

In den Persönlichkeiten seiner drei Frauen spiegeln sich sehr unterschiedliche Aspekte der US-amerikanischen Gesellschaft. Barbara (Jeanne Tripplehorn), Bills erste Frau, kommt aus einer gutangesehenen Familie der Kirche der Heiligen der Letzten Tage, der offiziellen Mormonen-Kirche, die Polygamie nicht mehr akzeptiert. Barbara steht für jene Amerikaner, die tief in ihrem Glauben verwurzelt sind und naiv versuchen, ein aufrichtiges Leben zu führen. Zu Beginn ihrer Ehe hätte sie nicht damit gerechnet, dass sie eines Tages mit zwei „sister-wives“ würde leben müssen. Doch was sollte sie tun, wenn der Ehemann und „Priesthoodholder“ der Familie plötzlich durch eine Art Offenbarung auf den rechten Weg geführt wird?

Nicolette Grant (Chloë Sevigny), Ehefrau Nummer zwei, stammt wie ihr Mann aus Juniper Creek. Sie kann ihre Vergangenheit nie richtig abschütteln und kämpft daher mit sich und der Welt. An ihr zeigt sich, wie ein erdrückendes System einen Menschen ruinieren kann.

Und dann ist da Margene (Ginnifer Goodwin), die über den Umweg Babysitter in die Familie gekommen ist. Sie steht für den Typus white trash. Verloren klammert sie, die mit Religion gar nichts zu tun hat, sich an diese Familie und an diesen Mann. Da findet sie den Halt, den die etablierte Gesellschaft ihr nicht bieten konnte.

Big Love von Mark V. Olsen und Will Scheffer ist mehr als eine Analyse vom Familienleben in Polygamie. Die Serie stellt die Ideale des American Way of Life in Frage, diskutiert Machtverhältnisse und Unterdrückungsmechanismen quer durch alle Ebenen einer Gesellschaft.

Damit überzeugt die Serie vor allem in den ersten drei Staffeln. Danach überspitzt und spaltet sich die Story ein wenig – zu viele Fronten für Bill und seine Frauen. Trotzdem lohnt es sich, diesem geplagten Mann bis zum Ende zuzusehen, der einfach nicht aus seiner Haut kann und immer er selber bleibt. Ganz anders als seine Frauen. Das eigentlich Spannende sind diese drei Figuren, denn sie legen einen beachtlichen Weg zurück und spielen das großartig.

Jutta Hopfgartner
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