Die kleine Zeitzeugin

Die Nacht des Monsters

d'Lëtzebuerger Land vom 20.04.2018

Freitag Nacht auf CNN, gegen drei Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit: Die Moderatoren schauen ernst, es scheint ernst zu sein, ernst zu werden, Mr. President werde zum Volk sprechen, verkünden sie. Entgegen der Sitte, wertvolle Werbezeit zu nutzen und Volk noch ewig lang albanische Küsten oder türkische Airlines anstarren zu lassen, erscheint Mr. President alsbald und kündigt ohne großes Brimborium den Schlag gegen Syrien an. Der Schlag richte sich gegen ein dort wütendes Monster, wird ausgerichtet.

Monster also. Kein Mensch, ein Monster. Die in Mitteleuropa der kargen Präsidentenshow Beiwohnende wird von Bildern befallen, ein Bilderbefall, ein Fernsehbilderbefall stellt sich ein, Déjà vus nennt man so was wohl. Die Monstergalerie der vergangenen Jahre. Die Monster-Kür, die, wie internationale Beobachterinnen wissen, meist bald zum schaurigen Ende plötzlich oder allmählich in Ungnade Gefallener führt. Gaddafi, der irre lustige Kumpel im Transvestiten-Look mit der großen Sonnenbrille und der Girlie-Garde. Der vor dem Elysée campiert und in Rom einer Jungfrauenherde aus dem Koran vorliest. Der an europäischen Höfen hofierte Gast, dessen schillernde Schrägheit irren Glitter verleiht. Dessen Gesicht unter der Löwenmähne zunehmend das eines erloschenen Käfiglöwen wird. Irgendwann, statt nur brav seine Küste zu bewachen und ein paar schräge Show-Elemente zu liefern, tanzt er definitiv zu weit aus der geopolitisch opportunen Reihe. Dann Abfluss, dann Abschuss.

Gaddafi in einem Abflussrohr, dann als dem Volk dargebotene Trophäe, ein geschundener Kadaver auf einer blutgetränkten Matratze in einem Einkaufszentrum. Der bärtige, zerzauste Saddam Hussein in einem Erdloch, mit der seltsamen Würde eines irren Heiligen. Für alle, die der Erlegung des Monsters beiwohnen wollen, läuft die Hinrichtung des Tyrannen auf diversen Fernsehkanälen. Der Skalp von Bin Laden wird dem Fernsehpublikum nicht hingeworfen, das Bild, das sich im kollektiven Bewusstsein eingräbt, ist das der in atemloser Spannung vor dem Bildschirm den Killer-Thriller mitverfolgenden Crew um den amerikanischen Präsidenten.

Was demonstriert uns das Monster, warum brauchen wir es? Warum erschaffen wir es? Die Dämonisierung Hitlers, seit Generationen das Lieblingsmonster deutscher Fernsehkanäle, Hitler als Non-Stop-Hit und Serientäter mit der höchsten Quote, ersparte lange Zeit die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Das Ungeheuer als das vollkommen Andere, das vollkommen Fremde, das nicht mehr zu erfassen ist mit unseren Maßstäben, als das total Maßlose, von dem wir uns bequem abgrenzen können. Ein Getüm jenseits aller menschlichen Dimensionen, ein Ungetüm, etwas, was sich außerhalb des Koordinatensystems des Humanen befindet, ein Dämon, auf den Mensch alle Urängste projizieren kann. Ein mythisches Wesen beziehungsweise Unwesen, das nur mit allen Kräften und am besten mit Gott im Bunde besiegt und vernichtet werden kann. Oder muss. Ein Monster, das man nicht anbetet, muss vernichtet werden.

Ein Monster, kein Mensch, verkündet der Präsident an einem Wochenendabend um neun seinen Landsleuten. Wieviel Gewicht hat die Aussage eines Clowns, der Ungeheuer sieht? Aber schon ist die Jagd eröffnet, das Terror-Trio macht sich auf, den Gift speienden Drachen mit dem Reptilkopf zu besiegen, der Schlangenköpfige aus Russland schaut zu, noch, die Tarotkarten verheißen Blitz und Skelette hoch zu Ross. Oder alles anders, alles doch nicht, doch nicht so schlimm, noch immer nicht Weltuntergang? Putin schläft friedlich, wir reiben uns die Augen, es ist Samstag, ein schöner Tag. Noch immer nicht Weltkrieg. Irgendwas wurde getroffen, nichts Schlimmes, nur symbolisch, vielleicht sogar etwas, das es nicht gibt. Nur ein Mahnen, pädagogisch wertvoll: Aber nächstes Mal ...!

In den Kommentaren scheint Ratlosigkeit auf, alles kann, nichts muss, vielleicht war alles nichts, oder dieses Nichts schon zu viel. Was sagt Putin? Erst mal nichts.

So, lese ich in einem Zeitungskommentar, kommt man einem Monster nicht bei. Da muss man schon mit schärferer Munition rangehen.

Michèle Thoma
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