Wegen Ostern

Kreuzweg der Touristen

d'Lëtzebuerger Land vom 10.04.2015

Sie irren frierend umher, auf der Suche nach Toiletten und etwas Essbarem. Sie flehen um ein Getränk, freuen sich über jedes noch so winzige Lächeln. Sie kommen in Schüben, Wellen, in Reih und Glied, aneinandergeklammert wie Ertrinkende. Sie schieben und schleppen, Taschen, Säcke, Koffer, Kinder, Beutel. Sie stehen an Straßenecken, an jeder Straßenecke ist eine Entscheidung fällig, vielleicht auch eine Scheidung, a hard wind is blowing, die Kinder werfen sich aufs harte Pflaster, wo sie beinahe von einer Kutsche oder einem City-Hophop-Bus zermalmt werden, und flehen um Gnade. Bittebitte. Es ist so kalt. Der Regen peitscht sie wie arme Sünder. Wie lange haben sie nichts mehr gegessen? Wie lange sind sie schon auf der Flucht?

Sie stolpern leeren, ein bisschen irren Blicks umher, überall gibt es Kirchen, die sich ihnen in den Weg stellen, steinerne Typen, die ihrem Pferd die Sporen geben, und vor allem solche wie sie.

Es ist komisch, man kümmert sich um alle möglichen verwirrten Menschen, aber für sie ist niemand zuständig. Keine Menschenrechtsorganisation, die sie schützen würde, vor sich selber, vor diesem fatalen, selbstzerstörerischen Fluchttrieb, Fluchtbetrieb, der sie zumindest an hohen christlichen Feiertagen heimsucht und sie zwingt, zumindest europäische Metropolen heimzusuchen, um dort mit ihresgleichen Kämpfe auszufechten. Um den am wenigsten zugigen Platz, um ein Bier, ein Bett, eine kleine Zuwendung, ein Foto, tausend Fotos, die niemand sehen will. Um einen Arzt, denn Frostbeulen und Hitzeausschläge und Durchfälle befallen sie rituell, der Vorhof flimmert, die Augenlider zucken. Ach, Zupfen am ersten Frühlingsgrün im Garten!

Stattdessen Selbstverschleppung in ein feindseliges Land mit habgierigen und brutalen Eingeborenen. Die es nicht mal gibt. Die sind natürlich weg. Die haben auch die Flucht ergriffen, vor ihnen, wie es ja umgekehrt der Fall ist, ein urbaner Blutaustausch hat stattgefunden, alle Pariser sind aus Paris geflüchtet, alle Londonerinnen aus London, irgendwohin, bloß weg, Bosporus oder Berlin.

Gottseidank sind die meisten abgehärteter, als es den Anschein hat. Den Piloten haben sie überlebt, kein Terrorist wollte sie ermorden. Bisher. Immerhin. Und es gibt wirklich viel viel Schlimmeres als Hagelkörner, die auf Pommes prasseln, wenn man vor einer Sehenswürdigkeit steht, die sich würdig in einen Regentropfenschleier hüllt. Das ist auch schön, liebe Kinder!

Die Türsteher im Eingangsbereich der Dome, die ausschauen und schauen wie in extra brutalen Russenfilmen, lassen sich nicht rumkriegen. Vielleicht sollte man sie bestechen, was ein kulturell viel höher stehender Brauch ist als der des Erstechens. Die Mühseligen und Beladenen, denen es durch ein Wunder gelingt, in Gottes Haus einzudringen, brechen zusammen unter der Last von käuflich Erworbenem. Auf harten Bänken vor Seitenaltären, wo sie gnadenlos von jungen Asiat_innen fotografiert werden, unter den durchbohrten Füßen des Gekreuzigten, durchbohrt von den Blicken der Gattin. Die Gattin (kann theoretisch, aber eher nur theoretisch, auch ein Gatte sein oder ein Gepaxter), die vermutlich allerhand Hemmungsloses auf dem Programm hat. Vielleicht hat sie gar die Peitsche eingepackt! Oder, noch schlimmer, Romantik, Stadtbesichtigungsromantik. Mit Geigern, Kerzen. Liebe.

Alles ist schwarz, auf dem Altar. Es ist Karfreitag. Es ist noch nicht vollbracht.

Und alles ist bestimmt ganz anders, nämlich schön, sehr sehr. All diese schaurigen Visionen können nur eine Person befallen, die zuhause im Schneckentempo Eier färbt und Urbi et Orbi schaut. Und dann gehorsam, sonst wirkt es so frustriert, alle Facebook-Freunde liket. Die sich in Sri Lanka herumtreiben, im Baltikum, in Südafrika, wo sie Künstlerisches treiben oder mit Authentischen zusammentreffen. Die von einer pazifischen Steilküste herunter schauen. Oder wenigstens ihre Zehen auf einer Terrasse posten, in irgend einer angesagten europäischen Stadt.

Die von ihren Bettlern gründlich gesäubert wurde. Wegen Ostern.

Michèle Thoma
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