Ewert-Brüder suspendiert

Perestroika in der Cepal

d'Lëtzebuerger Land vom 10.07.2003

Sie war ein Hauptgesprächsthema auf der Ettelbrücker Foire agricole am letzten Wochenende gewesen -  die erst kurz zuvor, am Donnerstagmorgen, vom Verwaltungsrat der Cepal S.A. getroffene Entscheidung, sich von ihren beiden wichtigsten Geschäftsführern trennen zu wollen. Mit sofortiger Wirkung wurden Jos Ewert, Generaldirektor der Cepal-Holding und Chef von sechs Tochterbetrieben, sowie sein Bruder Guy Ewert, Direktor des Merscher Schlachthofs, von ihren Funktionen suspendiert.

 

In etwa zwei Wochen, sagt Cepal-Verwaltungsratspräsident Marco Gaasch, wolle man das Amtsenthebungsverfahren juristisch abgeschlossen haben. "Weil hier sozusagen ein Verfahren schwebt", will Gaasch keine näheren Erklärungen machen, weshalb die Brüder Ewert ausgerechnet jetzt gefeuert werden sollen. In erster Linie aber habe die Entscheidung vom letzten Donnerstag zu tun mit ihrer beider Geschäftsführung.

 

Tatsächlich sind die Probleme groß, vor denen die Cepal-Holding als Verwalterin des Patrimoniums der Bauernzentrale mit ihren Verarbeitungs- und Vermarktungsfirmen und ihren Beratungsunternehmen steht. Die letzte veröffentlichte konsolidierte Bilanz der Gruppe betrifft das Jahr 2001 und weist einen Verlust von über 3,3 Millionen Euro aus. Ein Jahr zuvor waren es minus 87,5 Millionen Franken gewesen und im Jahr 1999 minus 96,9 Millionen Franken.

 

Zwar einigte sich der Cepal-Verwaltungsrat mit den Aktionären - im Wesentlichen der Bauernzentrale - im April 2001 auf eine Kapitalerhöhung, die das Eigenkapital der Holding auf 13 Millionen Euro mehr als verdoppelte. Ende 2001 jedoch musste die Cepal einen über die Jahre fortgeschriebenen Verlust von 18,78 Millionen Euro verbuchen, dem Reserven von insgesamt 13,8 Millionen und eine Gesamtschuld von 43,6 Millionen Euro gegenüberstanden. So dass die Kapitalerhöhung auch als vorsorglicher Transfer von Geld verstanden werden kann, der Gläubigerforderungen im Falle eines eventuellen Konkurses vorwegnahm. Dass sich für die Cepal und ihre Betriebe Liquiditätsprobleme stellen und Banken ihnen anscheinend zögerlicher Kredite gewähren, ließ sich nicht nur im Jahr 2000 erkennen, als die Holding zur Abdeckung einer Bankengarantie Hypotheken in Höhe von 14,8 Millionen Euro aufnahm. 2002 trat sie mit ihren Banken in Verhandlungen um neue Kreditlinien. Unumgänglich war es dabei, vermerkt der am 15. Oktober 2002 redigierte Bilanzbericht 2001 lakonisch und ohne Angaben über Geldbeträge zu machen, das Merscher Agrocenter mit einer Hypothek zu belasten.

 

Wenn damit der größte zusammenhängende agrotechnische Komplex im Lande zurzeit Banken gehört, ist dies mehr als ein geschäftlicher Vorgang - hier droht ein Symbol der Luxemburger Landwirtschaft zu stürzen. "Maacht Dir Är Aarbecht, mir maachen Är Geschäfter", lautete der Slogan, mit dem sich die Cepal und ihre Betriebe von der Silocentrale über den Merscher Schlachthof bis hin zur Vermarktungsgesellschaft Centralmarketing vor 30 Jahren den Landwirten als integrierte Verarbeitungs- und Vermarktungsstruktur empfahlen. Die enge Bindung an die damals einzige Bauerngewerkschaft Centrale paysanne sollte einen Komplex aus Technik und Marketing dank der Nähe der Bauernzentrale zur CSV auch um einen agrarpolitischen Einfluss ergänzen.

 

Die Aktivitäten des problematischen Konglomerats beschäftigten von 1984 bis in die Neunzigerjahre hinein als "Bauernzentralenaffäre" die Öffentlichkeit. Genossenschaftsbetriebe, die in gleichen Branchen wie Cepal-Firmen tätig waren, gingen nach einer langen Zeit der Kooperation eigene Wege. Nicht erst heute sieht sich die Holding der Bauernzentrale mit den Strukturproblemen konfrontiert, die ihr aus der gewachsenen Konkurrenz auch auf dem heimischen Landwirtschafts- und Lebensmittelmarkt entstanden sind. Während der BSE-Krise zwischen 1999 und 2001 wurde öffentlich, dass der Merscher Schlachthof in diesen Jahren nur an zwei bis drei Tagen pro Woche Luxemburger Rinder schlachtete und schlechter ausgelastet war als seine drei Konkurrenten im Lande. Nachdem die genossenschaftliche Fédération agricole 1994 die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit der Merscher Silocentrale aufkündigte und eigene Siloanlagen zu betreiben begann, standen die Cepal-Silos halb leer (d'Land vom 6. Januar 2003). Vor Problemen stand auch Centralmarketing, nachdem sich die Luxlait von der Cepal distanzierte und Centralmarketing beispielsweise in ihrem Bemühen scheiterte, das Marketing heimischer Weine komplett zu übernehmen. So dass es leider kaum verwundern kann, dass diese drei nahezu hundertprozentig zur Cepal-Holding gehörenden Unternehmen auch ihre Sorgenkinder sind: Ende 2001 hatten sich die über die Jahre fortgeschriebenen Verluste der Silocentrale zu knapp 1,3 Millionen Euro addiert, bei Reserven von nur 466 000 Euro. Centralmarketing verbuchte kumuliert minus 4,6 Millionen Euro bei Reserven von 3,37 Mil-lionen, und Centralfood, der Merscher Schlachthof, minus 2,2 Millionen Euro gegenüber Reserven von 1,35 Millionen.

 

Wie sich die Situation derzeit verhält, ist unbekannt, und Cepal-Verwaltungsratschef Marco Gaasch möchte dazu keine Angaben machen. Es dürften jedoch die Verhandlungen zum Fusionsprojekt Synagro sein, die der Cepal einen Offenbarungseid abverlangen. Ende 2002 war Synagro angekündigt worden als Versuch der vier politisch mit der Bauernzentrale und ihrer Holding bislang durchaus im Zwist liegenden Genossenschaften Herdbook, Maschinenring, Saatbaugenossenschaft und Fédération agricole, gemeinsam mit der Cepal nicht nur "bestehende Doppelgleisigkeiten" auf dem kleinen Luxemburger Agrarmarkt abzubauen, sondern die Patrimonien der fünf Verhandlungspartner progressiv zusammenzuführen. Eigentlich sollte ein Vierteljahr danach schon feststehen, auf welche Weise man zusammengehen wollte. Dazu kam es jedoch nicht, und Ende Juni erklärten die vier Genossenschaften sowie die externe Beraterfirma für Synagro die Verhandlungen für vorläufig gescheitert. Der Grund dafür, sagt Synagro-Berater Claude Faber von der Optimise S.A., sei darin zu suchen, dass die Cepal nicht bereit war, sich auf Finanzaudits einzulassen, wie ihre vier Verhandlungspartner sie wollten. Cepal-Verwaltungsratspräsident Gaasch, der für Finanztransparenz eingetreten sei, "traf wohl nicht auf die Zustimmung anderer Mitglieder" der Gruppe. 

 

Ein Problem, das nicht nur die Frage nach der Qualität der Geschäftsführung der Cepal und ihrer Betriebe aufwirft, sondern auch die Verquickung der Cepal mit der Bauernzentrale betrifft. Mögen die Bilanzen der Gruppe akute Konkursgefahr für verschiedene Unternehmen erkennen lassen, spielt die Bauernzentrale über den Centrale paysanne-Fonds anscheinend eine wichtige Rolle, ihre Betriebe über Wasser zu halten. Die 2001 wirksam gewordene Kapitalerhöhung der Cepal-Holding um 275 Millionen Franken etwa wurde zum überwiegenden Teil durch den Verzicht des Bauernzentralen-Fonds auf Darlehensrückzahlungen getätigt. Für weitere insgesamt 6,2 Millionen Euro hatte der Fonds schon zuvor zum symbolischen Zinssatz von einem Franken Kredite an sieben Cepal-Betriebe vergeben.

 

Die Frage, ob die Tätigkeit von Gewerkschaften nicht strikt zu trennen sei von der von Unternehmen, muss eine große Rolle gespielt haben in den Synagro-Verhandlungen: Auf der Foire agricole am Wochenende führten die vier am Fusionsprojekt beteiligten Genossenschaften eine Umfrage unter den Messebesuchern durch und warfen dabei eben dieses Problem auf. Immerhin die Hälfte der Befragten war der Meinung, Gewerkschaftsarbeit und Geschäft gehörten nicht vermischt.

 

Ein Hinweis, dass diese Auffassung sich auch in der Bauernzentrale durchzusetzen beginnt, ist nicht allein die Entmachtung der Gebrüder Ewert - immerhin Neffen von Mathias Berns, Vordenker der zurzeit bestehenden Cepal und einst mächtiger Generalsekretär der Gewerkschaft. Auch angesichts der für den 12. November anstehenden Sozialwahlen zur Landwirtschaftskammer, in der die Bauernzentrale gegenwärtig noch die meisten Vertreter hat, sieht man dem Anschein nach eine Cepal, die immer mehr ins Gerede kommen könnte, als Gefahr für die Gewerkschaft und die Vertrauensbasis unter ihren Mitgliedern an. Anders wäre es kaum zu erklären, dass Bauernzentralen-Präsident Carlo Raus am 25. März den Vorsitz des Cepal-Verwaltungsrats an Marco Gaasch übertrug, um sich "im Wahljahr intensiver der Gewerkschaft widmen" zu können.

 

Peter Feist
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