Rechte für Tiere

Nichtmenschliche Lebewesen

d'Lëtzebuerger Land vom 13.05.2016

Vor einigen Jahren hat die Leiterin der Kunstmesse Kassel Tiere als gleichberechtigte und kunstaffine Mitgeschöpfe willkommen geheißen. Und sie forderte das Wahlrecht für Erdbeeren, unter anderem.

Ich weiß nicht, wie viele mehrbeinige Begleiter_innen damals schöpferisch was raus drückten und wie ihre Werke eingestuft wurden. Naive Kunst, (K)A(c)ktionismus, Eat Art? Inwiefern diese die abgebrühte Hatten-wir-gähn-schon-Kunstwelt beeindruckten. Vermutlich hätte ein Menschenfresser performen müssen, vielleicht hätte es dann in den Feuilletons zu einem „Verstörend!“ gereicht. Nach Kassel hatten die Erdbeeren jedenfalls noch immer kein Wahlrecht. Leider, wenn man sich die europäischen Wahlergebnisse der letzten Zeit anschaut.

Vielleicht ist das einfach der homozentristische Kommentar einer, die noch nicht so weit ist, der das zu weit geht oder zu nah. Die Ameisenbärin oder Zecke unterstellt, dass sie null Bock auf Demokratie haben. Die befürchtet, dass Stiere mehrheitlich gereizt auf feministische Forderungen reagieren. Schließlich sind unsere gefiederten Freundinnen, die mit den Hufen und Flossen und Rüsseln und Stacheln und Krallen, wirklich sehr divers; Regenwürmer und Adlerinnen haben bestimmt unterschiedliche Bedürfnisse und Weltanschauunngen.

Ganz zu schweigen von Hierarchieformen, patriarchalen Strukturen, Ausbeutung der Arbeiterinnenklasse wie bei den beliebten Bienen: Sogar im Blumenbeet gibt es Tyranninnen. Wir sollten sie einfach nur lassen, laissez-faire, das wäre wahrscheinlich nicht anthropozentristisch. Oder speziezistisch, wie das guggelguggel auf wissenschaftlich heißt. Aber wir haben so schlechte Zähne, und also schlechte Karten.

Bescheiden nehmen sich dagegen die Zugeständnisse aus Luxemburg aus. Tiere seien nichtmenschliche Lebewesen, hat der Landwirtschaftsminister verkündet. Das überrascht nicht wirklich. Sogar vierjährige Tierquäler_innen checken das, beim Quälen eines Regenschirms ertappt man sie selten. Die Mehrheit der Menschen, die in etwas radikaleren Forschungsansätzen menschliche Tiere genannt werden, hat das natürlich immer schon geahnt und gewusst. Dass diese Mitbewohner_innen auf Elternteil Erde etwas fühlen, muss den menschlichen Tieren kein Priester und keine Wissenschaftlerin nahe bringen, auch kein Gesetzgeber. Sie fühlen es nämlich. Ob sie im 98. Stock eines Hochhauses ihre Ratte mästen oder Küken schreddern oder dem Hündchen einen Stock zuwerfen.

Es gibt zum Beispiel Menschen, die Tiere so sehr lieben, dass sie sich hüten, sich ihnen aufzudrängen. Sie respektieren die Tiere, als Andere, sie haben nicht das Bedürfnis, mit Kuscheltieren zu kuscheln oder Zungenküsse mit Zebras auszutauschen. Sie erwarten nicht, dass Delfine ihnen zulächeln oder Hunde Männchen machen. Sie haben den Reflex, Meerschweinchenkäfige zu öffnen und den Eimer mit den gefangenen Fischen in den Fluss zu kippen. Meist tun sie es nicht, sie sind ja erwachsen, leider essen sie auch gern Fisch, nicht nur Fischstäbchen. Sie lassen sich nicht vor sterbenden Walen fotografieren, sie schaffen es nicht mal, die Insassen von Tierfabriken zu befreien, Schlachthäuser zu stürmen oder die internationalen Killerkommandos zu entwaffnen. Und sie schaffen es nicht mal, diese wunderbaren Wesen nicht zu essen – die schmecken so gut. Sehr häufig sind sie immer gerade ausnahmsweise heute keine Vegetarierinnen.

Ihr Fleisch ist schwach, aber sie verehren die Jains, die mit Mundschutz über den Boden schweben, um kein Lebewesen zu zertreten oder einzuatmen, wenn sie diesem Orden auch nicht selber beitreten, weil es sich nicht ergibt. Sie tragen mikroskopische Wesen, die ihnen zu nahe treten oder kriechen, sorgsam in Gottes und Tieres freie Natur, sie krümmen kein Härchen oder Beinchen, fischen Stechmücken aus dem Pool, die panisch um ihr Leben zappeln, sie haben schließlich auch nur eines.

Über die Würde haben sie vielleicht noch nicht so nachgedacht. Sie haben auch schon mal ein niedliches Zwergkaninchen in einer Tombola gewonnen. Sexuelle Belästigung ihrer vierbeinigen Freund_innen können sie hingegen quasi ausschließen. Wobei, rein theoretisch, wenn grübelgrübel die Annäherung einvernehmlich wäre, was sagen die Speziezist_innen?

Und wie absurd, grübeln sie, ist es, ein Wesen zu würdigen, das man in Massenvernichtungsanstalten hinrichtet, dessen Körperbestandteile in Plastik eingeschweißt in Einkaufswagen geschmissen werden, um sich anschließend vor der Glotze einverleibt zu werden? Andererseits, wie respektvoll würde dieses Wesen uns zerfleischen, mit unserer kümmerlichen Körperausstattung?

Wir müssen noch tierisch viel voneinander lernen.

Michèle Thoma
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