Landwirtschaft

Versichert, gesichert

d'Lëtzebuerger Land vom 02.09.2004

"Katastrophal" werde die Getreideernte in diesem Jahr ausfallen, warnen die Bauerngewerkschaften. Bis Anfang August hatte es noch gut ausgesehen, und als Landwirtschaftsminister Fernand Boden und die neue Agrarstaatssekretärin Octavie Modert am 11. August den Merscher Siloanlagen den alljährlichen "Karschnatz"-Besuch abstatteten, war von einer "tollen" Ernte die Rede. Doch dann kam der viele Regen und anschließend der "Auswuchs": Die Pflanzen wachsen schneller, verbrauchen viele Nährstoffe, die Frucht wird schlecht. Wie hoch die Ertragsausfälle sein werden, weiß noch niemand genau, doch der zuletzt geerntete Weizen ist nicht mehr als Brot-, sondern nur als Futterweizen zu gebrauchen, und was Braugerste sein sollte, nur als Futtergerste. Das senkt den Verkaufserlös. Zudem müssen nass gewordene Pflanzen getrocknet werden, und dafür muss der sie abliefernde Betrieb zahlen.

Man werde beim Landwirtschaftsminister um Entschädigungen bitten, hat die Bauernzentrale bereits mitgeteilt. Doch es könnte sein, dass Fernand Boden - wenngleich nie unzugänglich für Entschädigungswünsche - gerade diesmal zurückhaltender reagieren wird als sonst. Sein Ministerium hat wahr gemacht, wovon er am 28. August 2003 im Land-Interview gesprochen hatte: Seit Anfang dieses Jahres gibt es nicht mehr nur für Winzer eine staatlich geförderte Versicherung gegen Schäden durch Hagelschlag. Neu eingeführt wurde eine "Mehrgefahrenversicherung"für den Anbau der Ackerkulturen Getreide, Raps, Mais, Kartoffeln und Rüben. Sieben Risiken deckt sie ab: Hagel, starken Regen, Frost, Staunässe, Trockenheit, Auswinterung und Auswuchs. Fünfzig Prozent der Versicherungsprämie trägt der Staat, im Budget 2004 sind dafür 252 000 Euro vorgesehen, sogar als "crédit non limitatif". Im letzten Jahr, als noch allein Weinbauern sich mit Subsid versichern konnten, hatte der Budgetposten nur 44 500 Euro ausgemacht. Seine Steigerung um das mehr als Fünffache war immerhin vorgenommen worden, um Entschädigungszahlungen an Pflanzenproduktionsbetriebe möglichst zu vermeiden.

Verwaltet wird die von der Deutschen Vereinigten Hagel angebotene Versicherung in Luxemburg von der in Colmar-Berg ansässigen Genossenschaft Maschinen- und Betriebsring (MBR). "Sie ist dank der staatlichen Bezuschussung zu einem günstigen Preis zu haben", sagt MBR-Geschäftsführer Jos. Conzemius, "und der Bauer kann über eine ganze Palette von Leistungen Risikomanagement betreiben." Rechnet ein Getreideanbaubetrieb etwa mit einem Ertrag von 80 Ballen Weizen pro Hektar und einem Erlös von zehn Euro pro Ballen und versichert diesen 800-Euro-Normalerlös, dann kann er, schon wenn der Auswuchs der Pflanzen nur zehn Prozent beträgt, die Hälfte dieses Normalerlöses von der Versicherung ausbezahlt bekommen. Und die beschädigten Pflanzen dennoch verkaufen, zu welchem Preis es ihm auch immer gelingt.

Doch nur rund ein Zehntel der Ackerfläche ist bisher derart versichert. "Wahrscheinlich scheuten", meint Jos. Conzemius, "viele Betriebe die Mehrausgabe für die Versicherungsprämie." Was sich nun rächt.

Peter Feist
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