Tontarelli s.a.

Plastic fantastic

d'Lëtzebuerger Land vom 04.02.2010

Wäscheklammern, Mülleimer, Klapp­kisten, Salatgeschirr, Schüsseln, Frisch­haltedosen und Regale, alles aus Plastik, schön bunt oder in dezenten Pastelltönen – das ist die Produktpalette der italienischen Firma Tontarelli, die sich 2005 in Bascharage niederließ und dort eine neue Produktionseinheit einrichtete. Der durchschnittliche Verkaufspreis der Tontarelli-Produkte liegt bei drei Euro, wie Firmenleiter Attilio Germano erklärt, die Bandbreite reicht von wenigen Cent bis zu 40 Euro. Dass solche „billigen“ Produkte ausnahmslos in Westeuropa hergestellt werden und ein Teil davon im Hochlohnland Luxemburg, kann überraschen. Vor allem, weil Tontarelli Luxemburg derzeit ausbaut, in ein neues Logistikzentrum investiert, die Produktion hochfährt. Gerade jetzt, da sich andere Firmen veranlasst sehen, ihre Produktionsstätten in Luxemburg zu schließen und die negativen Folgen der zunehmenden Globalisierung durch die Wirtschaftskrise stärker auf Lokalebene durchschlagen als bisher.

Attilio Germano fällt es nicht schwer zu erklären, weshalb das italienische Familienunternehmen lieber im teu­ren Westeuropa bleibt, als seine Wäscheklammern in chinesischen sweat shops herstellen zu lassen. Da ist zunächst eine Art patriotisches Bekenntnis, eine prinzipielle Entscheidung. „Wir sind zu allererst Europäer, und deshalb wollen wir hier bleiben. Unsere Kunden sind auch hier, und wir glauben, dass es in Europa noch viel zu tun gibt, dass der wahre Reichtum noch hier ist“, so Germano. Er weist auch auf die Besitzverhältnisse hin. „Tontarelli ist ein sehr familiär geprägtes Unternehmen. Unsere Herangehensweise unterscheidet sich von der reiner Financiers, und wir unterliegen keiner reinen Profitmaximierungslogik“. Doch hinter dieser Ansage stehen klare wirtschaftliche Argumente.

Hohe Lohnkosten, die andere Firmen aus Luxemburg vertreiben, treffen die Firma nur bedingt. „Wenn man die Wertschöpfungskette unserer Produkte anschaut, betragen die Transportkosten 25 Prozent“, so Germano. Die Rechnung, einmal Fernost und zurück, geht beim Plastikhersteller deswegen nicht auf. Die lokale Produktion in Kundennähe ist wichtiger. „Unsere Kunden sind hier in Europa“, sagt Germano. Dazu gehören unter anderem die Kaufhausketten Carrefour, Tesco, Aldi, Lidl und Blokker, für die Tontarelli auch Produkte unter deren Namen herstellt. Zum Beispiel den Tontarelli-Schlager Klappkisten, auf die viele seit Abschaffung der Gratis-Einkaufstüten beim Supermarktbesuch zurückgreifen. „Wir haben eine Produktionskapazität von sieben bis acht Millionen dieser Klappkisten“, rechnet der Manager vor.

„Außerdem investieren wir sehr viel in Technologie. Deswegen verlieren die Personalkosten in der Kostenberechnung an Bedeutung“, fährt er fort. Fünfzehn Millionen Euro investiert die Tontarelli-Gruppe in Bascharage. Dieses Jahr rechnet Germano mit einem Umsatz von 30 Millionen Euro. Insgesamt sollen auf Gruppenebene innerhalb von drei Jahren 60 Millionen Euro investiert werden, bei einem Jahresumsatz von derzeit 120 Millionen Euro. „Wenn sie in China eine Salatschleuder herstellen, brauchen sie fünf einhalb Arbeitskräfte zur Montage. Hier setzen wir einen Roboter ein, der die Teile zusammenfügt, und brauchen dann nur eine Person, die den Roboter kontrolliert“, rechtfertigt er den gigantischen Investitionsaufwand. Bislang habe die Firma aber keine Mitarbeiter durch Maschinen ersetzt, sondern stetig die Produktion gesteigert. Durch das kontinuierliche Wachstum stieg neben dem Einsatz der Maschinen die Zahl der Mitarbeiter, bekräftigt Germano.

Tontarelli betreibt in Bascharage derzeit 20 Produktionslinien. 24 Stunden am Tag formen sie Plastikgranulat zu Haushaltsgeräten, bald nicht nur sechs, sondern sieben Tage die Woche. Die Nachfrage ist weiterhin gut, erklärt Germano. Wer Gebrauchsgegenstände produziert, die jeder Haushalt täglich einsetzt, kommt besser durch die Krise, als die Hersteller teurer Konsumgüter. „Die Verbraucher kaufen derzeit vielleicht keinen neuen Schmuck, doch bei einem günstigen Sieb, das sie brauchen, zögern sie nicht.“ Die Firma belege in ihrer Kategorie den zweiten Rang in Europa. Hohe Stückzahlen und Hochtechnologie gäben ihr Schlagkraft, ebenso wie eine hohe Produktqualität. Diese zu gewährleisten, sei in Europa einfacher.

Dabei gibt die Firma fast kein Element der Herstellungs- und Verteilungskette aus der Hand. Sogar die Konzeption der Produktionsmaschinen geschieht in house, nur bauen muss sie jemand anderes. Die Produktionsanlage in Bascharage, neben Castelfidardo in Italien und Manchester in Großbritannien eine von drei in Europa, wird derzeit mit einer vollständig automatisierten Logistik ausgestattet, die Lagerkapazitäten von 3 300 auf über 6 000 Quadratmeter verdoppelt. Im neuen Lager werden dann Roboter das Material transportieren, von der Annahme der Rohmaterialien bis zur Versorgung der Maschinen mit dem Material, das sie brauchen, um dieses oder jenes Produkt in einer bestimmten Quantität herzustellen. Hierbei kommt auch ein eigens ausgeklügeltes Leitungssystem zum Einsatz, welches das Granulat in die Maschinen bringt. Die neuen Logistikroboter sind so schlau, dass sie, wenn sie während der Nachtstunden weniger zu tun haben, das Lager aufräumen, um sich die andertags meistgebrauchten Materialen möglichst nahe dort zur Hand zu legen, wo sie gebraucht werden.

Zwar ist die Spitzentechnologie eher auf der Ebene der Herstellungsprozesse zu finden, als in den Produkten selbst. Doch dass der Absatz stimmt, liegt auch daran, dass die Produktpalette ständig erneuert und verbessert wird. „Am Anfang der Firma stand die Idee Herrn Tontarellis, eine Wäscheklammer aus einem einzigen Stück Plastik herzustellen, nicht aus zwei. Die Feder ist außerdem aus rostfreiem Stahl und hat keinen Kontakt zum aufgehängten Stoff. So kann es nie einen Rostfleck geben“, erzählt Germano. Von diesen Klammern werden 1,5 Millionen jährlich hergestellt, seit 30 Jahren. Bei Mülleimern, die sich mit dem Tritt auf eine Pedale öffnen lassen, verzichtet Tontarelli neuerdings auf den Hebelmechanismus im Inneren der Tonne. Der innere Eimer selbst wird von der Pedale nach oben gedrückt und hebt damit automatisch den Deckel in die Höhe. „Der Hebel geht ohnehin meist kaputt“, bemerkt er. Die neueste Variante verzichtet sogar größtenteils auf die Außenwand, was Material spart. In China, sagt er kopfschüttelnd, gebe es ganze Kataloge voll gefälschter Tontarelli-Waren. Obwohl dort nicht produziert wird, werde sogar die Marke selbst kopiert. Besondere Mühe, die Designs zu schützen, macht sich die Firma nicht. „Wenn uns andere kopieren, gibt uns das Recht. Wir konzentrieren unsere Energie und Finanzen darauf, immer neue Produkte zu entwickeln, anstatt auf Patentmeldungen und das Ahnden von Nachahmern.“

Dass Tontarelli ausgerechnet in Luxem­burg gelandet ist und ausbaut, liegt auch an den Problemen, mit der die Firma an anderen Standorten zu kämpfen hatte. Als sie vor 12 Jahren beschloss zu expandieren, entschied sie sich zunächst für einen Standort in Lothringen. Dort gab es Probleme mit der öffentlichen Ordnung um das Firmengelände, welche die dortigen Behörden nicht lösen konnten. Daraufhin schaute man sich anderswo um. Dass die Firma staatliche Fördegelder erhielt, um ihr die Entscheidung für Luxemburg leichter zu machen, streitet Germano nicht ab. „Aber die sind nicht ausschlaggebend. Wenn die wirtschaftlichen Argumente nicht ohne Beihilfen überzeugend sind, zieht man nicht wegen der Beihilfen an diesen oder jenen Standort.“ Insgesamt 1,634 Millionen Euro Investitionsbeihilfen erhielt Tontarelli den Bilanzen zufolge 2007 und 2008. Viel Geld, doch im Vergleich zu den 15 Millionen, welche die Gruppe insgesamt hier aufbietet durchaus verhältnismäßig. Das Personal soll von derzeit rund 60 Mitarbeitern auf 80 Mitarbeiter aufgestockt werden, wenn alle neuen Anlagen bereit sind. 20 Jobs, die angesichts der Werkschließungen anderswo weggehen werden wie warme Semmeln. Jede Wirtschaft brauche ein Netz aus kleinen und mittleren Unternehmen, um zu verhindern, dass die Finanzlogik nicht die Oberhand gewinne, meint auch Germano.

Michèle Sinner
© 2017 d’Lëtzebuerger Land