Kino

Gangster-Elegie

d'Lëtzebuerger Land vom 29.11.2019

Es ist vielleicht das letzte Mal, dass eine Plansequenz uns mit ihrer ganzen Sogkraft in einen Gangsterfilm von Martin Scorsese einführt. Sie bringt uns in ein Altersheim zu einem vom Leben gezeichneten Mann, der uns seine Memoiren erzählt. Über mehrere verschachtelte Zeitebenen schildert The Irishman, beruhend auf dem Sachbuch I Heard You Paint Houses von Charles Brandt, die Geschichte des Auftragsmörders Frank „The Irishman“ Sheeran (Robert DeNiro), der mutmaßlich der Bufalino-Familie der amerikanischen Cosa Nostra anhing und besonders mit dem Verschwinden von Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino) in Verbindung gebracht wird...

Obwohl der Film in vereinzelten Kinos startete, ist er nunmehr auf Netflix zu sehen, dem Streaming-Portal, das den Film mit der nötigen finanziellen Unterstützung aus der Postproduktion rettete, nachdem die aufwändigen Spezialeffekte mehrere Geldgeber dazu bewegten, sich aus dem Projekt zurückzuziehen. Der Film beinhaltet nämlich einige Szenen, die es verlangten, seine Hauptdarsteller tricktechnisch zu verjüngen – ein Amalgam an Umständen, das für reichlich Diskussionsstoff um den Film und seine Diffusion sorgte.

Ja, Scorsese knüpft mit seinem jüngsten Werk an seine alten Mafiafilme (u.a. Goodfellas, Casino) an. Seine thematischen und stilistischen Konstanten prägen auch diesen Film unverkennbar und doch geht es hier noch deutlicher als in seinen vorherigen Gangsterfilmen um die Familie. Da werden Beziehungen geknüpft, gepflegt, es wird gelacht, geweint, gefeiert, geküsst, gehasst und geliebt. Das Darstellertrio DeNiro–Pesci–Pacino verschreibt sich den kleinen Gesten dieser Beziehungen und gibt sich der Selbstverständlichkeit des kriminellen Zusammenlebens ohne jede Reserviertheit hin. Ihre Liebe wird nicht durch die großen Gesten oder durch die pathetischen Worte spürbar. Es ist vielmehr die physische Präsenz, die über Jahrzehnte gewachsene Selbstverständlichkeit, mit der sie sich einander auf ihren Wegen begleiten; da gibt es Gesten, Blicke, die mehr sagen, als es jede Dialogzeile könnte.

Und damit sind wir bereits mittendrin in der Gefühlswelt von The Irishman, ein Film von äußerster Gangster-Melancholie. Seine Helden sind freilich keine Sympathieträger, sondern viel eher Exempel einer Gewaltspirale, die er mit kühler Distanz betrachtet: Das gewalttätige System, in dem der Gangster operiert, bringt Brutalität hervor. Es sind indes keine Gewaltorgien, es handelt sich schlicht um eruptive Gewalt, das Morden findet – im Wortsinne – beiläufig statt.

Schnitt und Musik stehen in einem äußerst kunstvollen, rhythmischen Verhältnis, das Scorsese in einem stilistisch anspruchsvollen Werk verdichtet. Besonders augenfällig ist, dass er als einzig moralische Instanz der Gangsterwelt ein Kind entgegensetzt; es ist der kindlich-unschuldige Blick, der diese glanzvollen Scheinwelten und deren Verbrechen durchschaut. Seinen besonderen Reiz bezieht diese mitunter humorvolle Gangsterbiografie dann auch aus der Darstellung der kriminellen Sprache: Von den neurotisch-zwanghaften Wort-Wiederholungen zu den immergleichen Codes („I heard you paint houses“ für Auftragsmorde oder „It is what it is“, das in jenen Kreisen unmissverständlich als Todesurteil gilt) werden die typischen Kommunikationsstrukturen der Mafia in einer nahezu ironischen Brechung als kindhafte Sprachspiele zelebriert.

Was Scorseses Gangster-Filme umfassend eint, ist der Versuch beides sichtbar zu machen: die faszinierende Konstellation von Geld-Macht und die Grausamkeit der Gewalt, das Prachtvolle und die innere Verzweiflung. So feierte er in The Wolf of Wallstreet (2013) den kapitalistischen Exzess als dekadentes Spektakel einer im Hedonismus schwelgenden Börsengesellschaft. Einige zentrale Motive in The Irishman zeigen jedoch, dass Scorsese an seiner katholizistischen Ideologie und Ikonografie festhält. Dieser Frank Sheeran ist der amerikanische Archetyp des proletarischen Gangsters, ihm wird Aufstieg und Blitzkarriere zuteil, weil er den Pakt mit Teufel geschlossen hat und er muss zeitlebens Schuld und Sühne tragen, die Vergebung indes bleibt aus.

Darin liegt das Virtuose in Scorseses Blick auf den Gangster: Er bringt ihm Verständnis entgegen, aber er verzeiht ihm nicht. So wie sich Loyalitätskonflikte auftun, so wird die Verzweiflung einsichtig. Der Film birgt eine gewisse empathische Nähe zu seinem Helden, der für seine Aufgabe schon zu müde und zu alt erscheint, ja: Man könnte man fast schon von so etwas wie einem desillusionierten, manchmal lakonischen „Spät-Gangsterfilm“ sprechen. Dieses dreieinhalbstündige Mafia-Epos ist ferner nicht nur eine Geschichte krimineller Beziehungen, es erzählt auch – gewissermaßen über eine panoramahafte Hintergrundfolie – von der Entwicklung der Vereinigten Staaten, von den aufstrebenden Gewerkschaften bis zu Kennedy. The Irishman zieht eine lange Linie zwischen der hohen Politik über die Systeme der Justiz, Geheimdienst, Gewerkschaft und Mafia und macht in der Undurchsichtigkeit dieser Machtstrukturen deutlich, wie tief Politik, Gewalt und Korruption ineinander verwoben sind.

Und dann macht der Film wieder einen Schwenk auf das Altersheim, in dem Sheeran sein Dasein fristet: Es ist der Gangster, der nun aus der Welt muss, weil die Welt ihn nicht mehr braucht – in etwa so, wie die großen Studios die Filme Martin Scorseses, dieses großen Autors des amerikanischen Kinos, scheinbar nicht mehr brauchen. So gesehen, ist The Irishman wahrlich im doppelten Sinne ein elegischer Abgesang.

Marc Trappendreher
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