Nichtssagendes

Über sumpfigem Boden

d'Lëtzebuerger Land vom 20.01.2012

Heute loben wir das Nichtssagende. Ist es vermessen, den deutschen Bundespräsidenten mit unserem Premier zu vergleichen? Lassen wir es doch mal auf den Versuch ankommen. Beide Herren waren beim Fernsehjournalisten Ulrich Deppendorf zu Gast. Der eine gezwungener Maßen, der andere aus reiner Lust am Reden. Der eine hat die Ausstrahlung einer Thujahecke in einem spießigen Vorgarten, der andere ist ein Lippen- und Zungenhandwerker, der allein mit seinem Mundwerk und ohne Rückgriff auf technische Instrumente europäische Brücken bauen kann. Wir sehen schon: der eine ist ein Wicht, der andere ein Schwergewicht. Der eine verheddert sich, der andere ist immer straight, auch wenn er nichts zu melden hat.

Somit wären wir schon beim Nichtssagenden. Um nichts zu sagen, muss man ganz schön auf Achse sein. Wer nichts sagen will, darf nicht ins Ungefähre abdriften. Beim Versuch, nichts zu sagen, ist der Bundespräsident – bemühen wir mal kurz die Kegelbahnsprache - bei Ulrich Deppendorf voll am Kulang geland. Er kann nicht reden, er kann nicht verbergen, dass er nicht reden kann, er kann eigentlich gar nichts, er kann nicht einmal erklären, wieso er Bundespräsident ist. Ganz anders unser Premier, der weltweit als Rhetorikwunder gilt. Wir werden im Folgenden nachweisen, dass wir uns von der Vorstellung verabschieden müssen, ein Rhetorikwunder sei einer, der mit Wucht und Grandezza immer das Richtige sagt. Nein, wahr ist das Gegenteil: ein Rhetorikwunder ist einer, der mit größtem Aufwand nichts sagt. Gar nichts. Und zwar mit optimaler Wirkung.

Bei Ulrich Deppendorf hat unser Premier am 30. Oktober 2011 auf eine Weise nichts gesagt, dass nicht nur dem fragenden Journalisten der Mund offenstand. Die Frage lautete, ob unser Premier den (damaligen) italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi überhaupt noch für fähig halte, die Krise in seinem Land zu lösen? Darauf erwiderte unser Rhetorikwunder allen Ernstes: „Wenn ich Ihnen diese Frage gestellt hätte und Sie wären ich, dann würden Sie auch die Frage nicht so beantworten wie Ihre Frage tendenziell vermuten lässt, dass Sie gerne hätten, dass ich sie beantworten würde.“ Bitte, niemand sollte hier eine heimtückische Satire wittern. Der Text ist wortgetreu nachzulesen auf der hochoffiziellen Internet-Seite www.gouvernement.lu.

Seien wir ehrlich: dies ist ein Nichts, das so wortgewaltig daherkommt, dass es sofort literaturtauglich ist. Der Premier sagt tatsächlich nichts, aber er tut es nicht wie der dilettantische Bundespräsident, der nur stammeln und drucksen kann, um am Ende nicht etwa nichts, sondern viel zu viel gesagt zu haben. Der Premier beherrscht die Kunst, mit Nichts so wundervoll zu renommieren, dass sein kataraktischer Redefluss sich anhört wie ein weltbewegende Sentenz. Ja, der Mann hat nichts gesagt, überhaupt nichts. Aber diese Sprache! Und dieser komplexe Satzbau! Da wäre doch sofort wieder ein europäischer Rhetorikpreis fällig! Da leuchtet zwischen den Zeilen der Glanz der Jesuitenschule von Clairefontaine, jener katholischen Kaderschmiede, die unserem Land reihum blendende Nichtssager geschenkt hat.

Die Teutonen hingegen sind ein undankbares Volk und zudem noch jesuitenfeindlich. Immer öfter fallen sie in ihren Zeitungen über unseren Premier her und kreiden ihm hämisch seine „zunehmend erratischen Äußerungen“ an. Erratisch, belehrt uns der Duden, heißt „im Schlingerkurs befindlich, abirrend, nicht stringent“, gelegentlich wird es auch gleichgesetzt mit „irrlichternd“. Loben wir also das Irrlicht. Es ist eine „wie ein Flämmchen sich bewegende, nur kurz aufleuchtende Lichterscheinung, besonders über sumpfigem Boden“.

Da erkennen wir doch sofort unseren Premier, unser aller Flämmchen über sumpfigem Boden! Dass er mitten in der Krise sprachlich irrlichtert, ist seine epochale Leistung. Wir brauchen mehr Irrlichter in der Politik. Statt immer nur diese sturen Rechthaber, diese mit fetten Behauptungssätzen vollgestopften Angeber, die stets so tun, als hätten sie alles im Griff und könnten morgen schon drei Mal am Stück die Welt retten. Der Bundespräsident sollte wissen: Wer sich auf den Sumpf einlässt, geht darin unter. Wer aber, wie unser Premier, irrlichtert über dem Sumpf, den er selber mitverschuldet hat, wird immerhin noch als Flämmchen wahrgenommen, also als beeindruckende Lichterscheinung.

Unser Premier sagt nichts, aber er tut es mit unvergleichlichem Stilbewusstsein. Wie er das Nichts herausarbeitet, wie er es bedeutungsschwanger auflädt, wie er einen spannungsreichen Bogen schlägt von der Ankündigung des Nichts bis zur völligen Entfaltung seiner frappant nichtssagenden Botschaft, das ist europäisches Format aus dem Bilderbuch. So lieben wir Europa: ein grandioses, sprachtrunkenes Nichts über einem tiefen Sumpf.

Unser Premier hätte Ulrich Deppendorf ja auch antworten können: „Das geht dich gar nichts an, du blöder Journalist!“ Aber das wäre nur gemeine Realpolitik. Da fehlt das lyrische Paniermehl. So redet kein Irrlicht.

Guy Rewenig
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