Im LSAP-Wahlkampfbus

Freie Bahn den Tüchtigen

d'Lëtzebuerger Land du 13.05.2004

Von weitem sieht er aus wie ein Coca-Cola-Transporter, knallrot, mit fetter weißer Schrift, und weil er so groß ist, der Wahlkampfbus der LSAP: doppelstöckig, oben mit Sitzreihen, unten mit einer Bar im anglo-amerikanischen Stil mit Mikrowelle, Kaffeemaschine und Bierzapfanlage. Noch letzte Woche zählte der Luxus-Reisebus zum Fuhrpark des größten heimischen Busbetriebs. Am Sonntagabend war er rot umgespritzt und neu beschriftet und ging für die bis zu den Wahlen noch verbleibenden  Wochen an die Sozialisten. "Ligne 3" steht nun über dem Fahrerfenster; das bedeutet Liste 3. An den Seiten liest man: "LSAP - besser fir Lëtzebuerg". 

"Vor allem mit dem Bus" wolle man "die Leute sensibilisieren", erzählt Parteipräsident Jean Asselborn am Montagvormittag der Presse, "und die Inhalte unseres Wahlprogramms ein bisschen hochhalten". Wenig später bricht der Bus zu seiner ersten Tour auf: eine Woche Wahlbezirk Osten. Gerne könnten Journalisten mit an Bord gehen, hat Wahlkampfmanager Lucien Lux versprochen. "Aber ausgerechnet im Osten?", fragt LSAP-Sekretär Dan Kersch, "wollen Sie nicht lieber durchs Zentrum oder den Süden mitfahren? Nein? Dann aber bitte nicht gleich heute. Wir müssen erst mal sehen, wie wir mit den Luftbal-lons klar kommen und so."

Soll man daraus schließen, ums Inhalte-Hochhalten gehe es doch weniger, vielmehr ums Spektakel, zumindest im Osten? Der ist, ähnlich wie der Norden, für die LSAP ein schwieriger Bezirk. Bei den Landeswahlen 1999 hatte sie anstatt vorher drei nur noch ein Chamber-Mandat errungen. Falls die Umfragen von Tageblatt und ILReS Recht haben sollten, bliebe es auch nach dem 13. Juni dabei. Eine Umfrage vom Juni 2003 hatte der LSAP einen zusätzlichen "Wackelsitz" in Aussicht gestellt, eine zweite Ende November nicht mehr, und dabei blieb es auch im März dieses Jahres. Der "Kandidaten-Popularitätsmesser" vom 7. Mai verheißt der LSAP im Osten ebenfalls kaum Aufschwung: 33 Prozent der Befragten meinten, ihr Spitzenkandidat und derzeit einziges Chambermitglied-Ost, der Echternacher Bürgermeister Jos. Scheuer, solle auch künftig "eine wichtige Rolle spielen". Ein Prozent mehr waren der gegenteiligen Ansicht, und ein Viertel der Befragten sagten über den seit immerhin 15 Jahren ununterbrochen Abgeordeten aus: "Ich kenne diese Person nicht."

Dagegen wächst der Zuspruch für die Ost-Kandidaten der CSV; vor allem für Minister Fernand Boden sogar sehr stark. Doch andererseits legte laut ILReS von der DP allein Minister Carlo Wagner aus Wormeldingen an positiven Bewertungen stärker zu als an negativen, für die Mondorfer Bürgermeisterin Maggy Nagel und ihren Remicher Kollegen Jeannot Belling waren die ablehnenden Stimmen deutlicher gewachsen als der Zu-spruch. Ebenso für die Kandidaten der Grünen, denen noch im März jenes Chambermandat als "sicher" vorausgesagt worden war, das zuletzt 1994 Jup Weber aus Imbringen ins Europaparlament mitgenommen hatte. Und ADR-Chef Robert Mehlen aus Manternach war Anfang Mai zwar nur sieben Prozent der von der ILReS Befragten unbekannt, hatte jedoch in seiner Ablehnungsquote um acht Punkte auf 56 Prozent zugelegt. Kein Ost-Politiker wäre demnach so unbeliebt wie er. Doch wiederum andererseits: Was sagen 202 zuletzt im Ostbezirk Befragte aus, wenn es viel mehr Wahlberechtigte gibt?

"Unser Bus ist eine Reklametafel auf Rädern", sagt Jos. Scheuer, als er am Dienstagvormittag gegen elf Uhr am Bahnhof Wasserbillig eintrifft, wo der rote Doppeldecker wartet. Dort aber läuft nicht etwa das Wahlvolk neugierig zusammen, um das Ge-spräch mit den Sozialisten zu suchen. Passanten grüßen höflich, denn der Wasserbilliger LSAP-Bürgermeister Gust Stefanetti wartet ebenfalls am Einstieg zum Bus. Ihn kennen laut ILReS 40 Prozent der Ostwähler nicht, 16 Prozent sähen ihn nach den Wahlen gern in einer wichtigen Rolle, 35 Prozent nicht. "Das ist die vor den Wahlen übliche Polarisierung", analysiert Scheuer drinnen im Bus, nachdem er auf einer Sitzbank Platz genommen hat, hinter der kistenweise Kugelschreiber, Luftballons und rote Gummibärentüten "Staark a sympathesch - LSAP" lagern. Ob diese Botschaft ankommt, wird die Frage sein. "Die LSAP hat einen schlechten Nimbus hier. Da kann man nicht viel tun. Die Agrar- und Winzertradition lebt weiter."

Laut Statistik vereinen die drei Ostkantone Echternach, Grevenmacher und Remich mehr als ein Drit-tel aller landwirtschaftlichen und Weinbaubetriebe des Landes auf sich. Die Zahl der Industrie-, der Bau- und der Handwerksbetriebe ist zwar vergleichbar mit Kantonen wie Mersch oder Diekirch, doch die Arbeitsplätze werden überwiegend von Nicht-Luxemburgern oder deutschen Grenzgängern besetzt. "Luxemburger", die einzig Wahlberechtigten also, wollen Jos. Scheuer, Gust Stefanetti und der Rosporter LSAP-Bürgermeister Luc Bonblet treffen. Doch das ist nicht so einfach. "Die sind jetzt zur Arbeit in der Hauptstadt." Erstes Problem. Das zweite: Der Sozialistenbus ist so groß, dass die kleinen Straßen der Ostgemeinden zu eng für ihn sind. Scheuer berät die Fahrtroute mit dem Wasserbilliger Stefanetti. Der rät vom Abenteuer Wasserbillig-Durchquerung ab. Also wird die Hauptstraße nach Grevenmacher genommen und der Bus fällt weniger auf. Geparkt wird am Postplatz, genau vor der Joseph-Bech-Statue. Der rote Bus ist groß genug, dass er die Sicht auf den in Stein gehauenen Bech völlig verdeckt. Be-absichtigt war das nicht, doch als Spitzenkandidat Scheuer es sieht, freut er sich.

Und dann tun die LSAP-Emissäre, was sie in den nächsten Stunden und auch am folgenden Tag tun werden: "Präsenz zeigen und Multiplikatoren suchen." Geschäftsinhaber und Kunden in der Grevenmacher Fußgängerzone erhalten Kugelschreiber. Die Leute grüßen, manche er-freut, die meisten höflich. Niemand möchte über Politik diskutieren oder etwas über die politischen Ziele der LSAP erfahren. Still ist es um die Mittagsstunde. Die Sonne scheint über die Straßen nahe dem Rathaus, die Glo-cken der nahen Kirche beginnen zu läuten. "Ziemlich tot" sei die Gemeinde, klagt ein Restaurantbesitzer. Geschäfte schlössen, und er weiß von einem Bäckermeister, der nun als Gemeindearbeiter eine Straßenkehrmaschine bediene. Auch dem Gastronomiegewerbe gehe es nicht gut, zumal nach dem neuen Gesetz, das die Arbeitszeit im Sektor regelt. Jos. Scheuer gibt ihm Recht. Die Branchenorganisation Horesca "hätte sich stärker wehren müssen". Zum Gewerkschaftsflügel der LSAP zählt Scheuer sowieso nicht gerade, und jener Restaurantbesitzer sei "ein Multiplikator", meint er anschließend. Einer, der seinen Eindruck von Personen weitergibt. "Wir setzen im Osten voll darauf, dass die Wähler panaschieren."

Wer darauf setzt, braucht re-gionalen Stallgeruch. So lautet der Befund. Die LSAP bringt aus der Arbeiterkultur des Südens einen mit, der ihr hier wenig nützt. Rund 500 Mitglieder hat sie im Bezirk, allein die Lokalsektion Düdelingen hat fast genauso viele. Und Spitzenkandidat Scheuer, ob-wohl aus einer der größten Winzerfamilien Wormeldingens stam-mend - "Ich bin der einzige Abgeordnete, der einen Rebstock schneiden kann!" - bemerkt, auf Weinfesten oft ignoriert zu werden. Anders als Boden oder Carlo Wagner. Obwohl etwa unter Fernand Boden die Konzentration in Landwirtschaft und Weinbau nicht abnimmt. "Ich bin LSAP. Zumindest an die Mosel gehöre ich bis heute nicht wirklich." 

Und dann schiebt der Bus sich durch die Wormeldinger Straßen. "Freie Bahn den Tüchtigen!", ruft Scheuer. Wann immer ein Mensch auf der Straße zu sehen ist, stoppt der Bus, werden Kugelschreiber und Luftballons verteilt. Dass die Leute nicht abweisend sind, ist für die Busbesatzung schon ein Erfolg: Als man im Wahlkampf 1999 durch den Ostbezirk fuhr, hätten die Mütter ihre Kinder von der Straße ins Haus gerufen, als es rote Luftballons gab. Verkannt worden sei, dass die LSAP-Sozialministerin Mady Delvaux es war, die die Pensionsgesetzgebung ändern ließ, so dass Frauen, die in Familienbetrieben in Landwirtschaft und Weinbau mitarbeiten, eine eigene Rente bekommen. "Das wurde voll dem ADR angerechnet!" Obwohl neben Premier Juncker auch die LSAP es überflüssig machen wollte.

Ganz unschuldig ist die LSAP an ihrem Niedergang im Osten allerdings nicht. Sie pflegt ihre Ost-Politiker weniger, als CSV und DP es tun. Dass Carlo Wagner Minister werden würde, stand nach den Wahlen 1999 außer Frage. Boden war und blieb es für die CSV sowieso. Doch 1994, als die LSAP noch mit der CSV koalieren konnte und drei Mandate im Osten errang, stand Marcel Schlechter nicht mehr für ein Ministeramt zur Verfügung und wechselte ins Europaparlament. Die LSAP-Leitung machte die Besetzung der Regierungsposten zu einer Frage zwischen Norden oder Osten, zwischen Georges Wohlfart oder Jos. Scheuer. Am Ende wurde Wohlfart Staatssekretär.

Gegen vier Uhr steigt die Dalheimer Bürgermeisterin Francine Ernster zu. "Es ist noch zu früh", meint sie aus der Erfahrung des Vortags. "Wir müssen später zu den Supermärkten fahren, wenn die Luxemburger einkaufen gehen. Gestern haben manche sich auf ein Bier und ein Gespräch in den Bus bitten lassen." Noch immer aber sind auf den Dorfstraßen überwiegend Kinder unterwegs. Über die Luftballons freuen sie sich, doch ein vielleicht zehnjähriger Junge mit Fahrrad gibt auf die Frage, ob er einen Politiker kenne, an: "Ja, Jean-Claude Juncker." Der prangt ohnehin von jedem CSV-Plakat am Straßenrand. Dafür wird im Bus festgestellt, dass auffällig wenig LSAP-Plakate zu sehen seien. Keinen würde es wundern, wenn die jemand weggenommen hätte.

Ermüdung macht sich breit. Die Wahlkampfreise kostet Zeit, und heute abend steht noch eine Wahlversammlung in Waldbillig auf dem Programm. Weit weg von Mondorf, wo der Bus nun angelangt ist. Es beginnt zu regnen. Soll der Bus vor dem Supermarkt in Remich Halt machen? "Das lohnt sich doch nicht bei dem Wetter", meint Francine Ernster. Zum Glück erinnert der Busfahrer daran, dass sich seitlich aus dem Dach eine Jalousie ausfahren lässt. Also hält der Bus doch vor dem Supermarkt, wird mit seinem Regendach tatsächlich zur Attraktion, und vor allem Familien mit Kindern holen sich Luftballons ab. Wonach viele von ihnen jedoch in unweit parkende Autos mit deutschen Kennzeichen einsteigen.

Morgen werde es besser, ist die einhellige Meinung der Busbesatzung. Morgen wird der Bus in Echternach stehen, wenn der monatliche Markt stattfindet. Bürgermeister Scheuer hatte zuvor bei der örtlichen Polizei schon einen Stellplatz reservieren lassen. "Morgen kommen wir sicherlich mit Leuten ins Gespräch."

Ins Gespräch? Nein, nicht wirklich. Am nächsten Morgen, als der Echternacher Marktplatz, die Fußgängerzone und einige nahe liegende, eigens abgesperrte Straßen voller Leben sind, gibt es ein schönes Heimspiel für Jos. Scheuer. Er weiß natürlich: "Auch wenn ich bei Gemeindewahlen die Mehrheit hole, können Landeswahlen ganz anders ausgehen." Doch an diesem Mittwoch sind die Sozialisten schon um zehn Uhr vor Ort. Jeder der vielen Pflanzenstände auf dem Markt wird angesteuert; Luftballons und Ku-gelschreiber fallen in die Tragetüten der Einkäuferinnen. "Wir haben bestimmt jede Hausfrau auf dem Markt ereicht", wird Scheuer anschließend einschätzen. 

Und außerdem ist als prominente Verstärkung aus der Hauptstadt Robert Goebbels angereist - zur Verkörperung der "sicheren Werte der LSAP": eine starke Wirtschaft,  damit es im Sozialwesen genug zu verteilen gibt. Aber: Ist es am Ende doch die Reserviertheit der Ost-Bewohner gegenüber der LSAP? Ist es vielleicht doch ein Desinteresse gegenüber Politik und Wahlprogrammen? Über das Präsenz-Zeigen gelangt der Auftritt der LSAP-Kandidaten auch auf dem Echternacher Markt kaum hinaus. Einzelne Einheimische bereden mit ihrem Bürgermeister Lokales: Da eine Frage um eine Baugenehmigung, dort eine um die örtliche Hygiene. Eine Dame meint, die "Mammerent" müsse endlich für alle Frauen gelten. Dem ist nicht schwer zuzustimmen, denn dieser Meinung waren zuletzt mehr oder weniger alle Parteien. Als ein Herr beklagt, der Verkehr nehme immer weiter zu, rennt er offene Türen bei Robert Goebbels ein: In den letzten fünf Jahren sei im Transportbereich aber auch gar nichts geschehen, wahlkämpft der einstige Transport- und Bauten-minister, auch der Straßenbau stocke.

"Das war unser bester Tag heute", sagt Gust Stefanetti aus Wasserbillig anschließend am Tresen eines Bis-trots. Robert Goebbels hatte zuvor gemeint, "50 Prozent der Wahlwerbung sind sowieso überflüssig, und wenn man das bedenkt, hatten wir heute 25 Prozent Impakt".

Das ist viel, denn auch die Wahlversammlungen der LSAP sind "schlecht besucht", sagt Stefanetti. "Die Leute haben ja auch andere Möglichkeiten, um sich zu informieren." Ein Glück, dass es  anderen Parteien ähnlich geht: Der mit der LSAP sympathisierende Wirt des Bistrots weiß, dass zu den Versamm-lungen des ADR "gerade mal zehn Leute" kämen. Das ist bei der CSV zumindest dann anders, wenn "Juncker on tour" ist. Am Dienstagabend in Remich waren 378 Besucher gekommen. Wovon nicht nur Fernand Boden profitieren könnte.

 

 

 

 

Peter Feist
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