Konsequentes Handeln

In nomine matris

d'Lëtzebuerger Land vom 08.03.2013

Heute loben das konsequente Handeln in der Politik. Der LSAP-Abgeordnete Ben Fayot sorgt sich um die Deontologie der Lehrer. Übers Parlament fragt er die Unterrichtsministerin, ob es vertretbar sei, dass sogenannte Religionslehrer den Schulkindern Ansichten aufhalsen, die unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung fundamental widersprechen. Allgemein möchte der Abgeordnete erfahren, ob die Ministerin denkt, die öffentliche Schule sei ein Spielplatz für obskure Ideologien, die sich süffisant über den demokratischen Konsens hinwegsetzen.

Die Antwort der Unterrichtsministerin ist überraschend entschlossen und deutlich. Nein, Schüler dürfen von Religionsvertretern keinesfalls instrumentalisiert werden. Die katholische Kirche verbreitet Auffassungen, die völlig unvereinbar sind mit dem Auftrag der öffentlichen Schule, freie und kritische Geister heranzubilden. Die Schule darf kein Tummelplatz sein für Sekten und Seelenfänger. Die Ministerin verpflichtet sich, in ihrer Partei energisch das Konzept der Trennung von Kirche und Staat durchzusetzen, das längst gebrauchsfertig im Parteiprogramm verankert ist, und die öffentliche Schule künftig zu immunisieren gegen die feindliche Übernahme durch Kräfte, denen alles am Herzen liegt, nur nicht das Wohlergehen der Schüler. Ihre beachtliche Entschiedenheit begründet die Ministerin damit, dass sich „vor allem die katholische Kirche des Missbrauchs und der Schändung Heranwachsender schuldig gemacht hat, und zwar in einem Ausmaß, das strengste Vorkehrungen erfordert, um diese kriminelle Organisation mit allen Mitteln von Kindern fernzuhalten“.

Hinter der etwas gestelzten Amtssprache verbirgt sich geradezu ein politisches Wunder. Wir können hier erkennen, dass es nie zu spät ist, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen und die eigenen parteipolitischen Ideale wiederzuentdecken. Ja, wir lassen uns überwältigen von unserer Sentimentalität und geben es zu: Wir schöpfen wieder Hoffnung in die gesellschaftliche Relevanz der LSAP. Sehr oft haben wir den verschütteten Genossen hier am Zeug geflickt wegen ihrer galoppierenden Inkonsequenz. Diesmal aber müssen wir staunen. Es verschlägt uns geradezu die ironische Streitlust.

Zu Recht hat Parteipräsident Bodry auf dem LSAP-Nationalkongress unterstrichen, seine Partei habe „eine Daseinsberechtigung“. Das können wir nur mit beiden Händen unterschreiben. Irgendwo im kollektiven Unterbewusstsein schlummerten wohl noch die alten kämpferischen Ideale. Sie haben sich jetzt zum Glück mit voller Kraft der saftlos schlummernden Mandatäre in der Regierung und im Parlament bemächtigt. In dieser Partei ist offenbar der weltanschauliche Frühling ausgebrochen. Das schlägt uns zwar momentan die Waffen der Satire aus der Hand, aber es besänftigt zugleich unseren jahrelangen Verdruss. Gut so, Genossinnen und Genossen! Nur Mut und Würde! Ihr beweist es ja selber, dass ihr nicht täglich in aller Früh schon bei der Morgentoilette mit Weihwasser gurgeln müsst. Möge die Morgenröte der Vernunft aufsteigen über den alten Trümmerfeldern! Avanti, popolo!

Moment. Upps! Da sind wir doch tatsächlich einem argen Fehler aufgesessen! Wir haben uns ganz einfach in der Thematik vergriffen. Verflucht! Wie konnte dieser Schnitzer nur passieren? Sie, liebe Leser, werden soeben Zeugen, wie ein peinliches Missverständnis entstehen kann. Alles, was wir bisher geschrieben haben, müssten wir eigentlich sofort wieder löschen. Trotzdem ein Vorschlag zur Güte: Wir lassen es stehen, und sei es nur, um zu zeigen, wie unentschuldbar sich ein Kommentator verrennen kann, wenn er nicht ordentlich recherchiert. Reuevoll klopfen wir uns also an die eigene Brust und wollen Ihnen natürlich die echte und wahre Geschichte nicht vorenthalten:

Der LSAP-Abgeordnete Ben Fayot sorgt sich um die Deontologie der Lehrer. Übers Parlament fragt er die Unterrichtsministerin, ob es vertretbar sei, dass gewerkschaftlich organisierte Lehrer ihren Schülern eine Information in die Hand drücken, die sie ihren Eltern weiterreichen sollen. Im inkriminierten Schreiben geht es um öffentliche Aufklärungsversammlungen über die Frage der Schulbilanzen. Ist es überhaupt erlaubt, dass Lehrer auf diesem Weg Schülereltern kontaktieren?

Die Antwort der Unterrichtsministerin ist überraschend entschlossen und deutlich. Nein, Schüler dürfen auf diese Art keinesfalls instrumentalisiert werden. Den Lehrern ist untersagt, wehrlose Kinder einzuspannen, auch dann, wenn es erwiesener Maßen nur um das Kindeswohl und die Zukunft der Schule geht. Die Ministerin fügt hinzu, dass es in Sachen Schulbilanzen nur zwei zugelassene Ansichten gibt: ihre eigene und jene der Universität Luxemburg, die sie mit einer entsprechenden Studie beauftragt hat. Eine dritte Meinung, jene der betroffenen Lehrerschaft, will sie ganz einfach unterbinden. So. Das wäre die Richtigstellung. Wir entschuldigen uns ausdrücklich bei der Schulministerin und beim Abgeordneten Fayot, dass wir sie für sozialistische Politiker gehalten haben.

Guy Rewenig
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