Die kleine Zeitzeugin

Sommer des Lebens

d'Lëtzebuerger Land vom 21.07.2017

Der Sommer ist das Schwerste. Ich rede nicht vom Ur-Laub, diesem Sommerpartikelchen, der ist das Allerschwerste, sowieso. Weil, das Meer ist das falsche. Und die Menschen um den Menschen, der plötzlich frei ist, sind die falschen. And is this what I wanted?, flüstert Cohen, der Quälgeist, ihm im Wellenzungenschlag zu. Ich bin selber der falsche Mensch, antwortet das Meer in ihm, während er vor dem perfekten Sonnenuntergang steht, den man nicht posten kann, es wäre kitschig. Wie viele Sonnenuntergänge hab ich noch?

Ich rede auch nicht von touristischer Beute, die gibt es gar nicht mehr, vom entwürdigten Touristen, der in Kontingenten durchgeschleust wird durch das kollektive Kulturmemorial, abgespeist mit Kunsthäppchen. Nein, davon rede ich nicht.

Ich rede vom Sommer. Der, der plötzlich da ist, schon mit Kirschen, schon mit Wintermode, und wir mittendrin. Was jetzt? Herr, der Sommer, er ist groß, murmelt die ausgestorbene Bildungsbürgerin beklommen. Sie hätte es wissen können, er

kommt jedes Jahr, das ist so üblich. Es ist schon Schluss mit dem Gelockvögele und dem hektischen Aufblühen, die Nächte werden schon länger. Höhepunkt war schon. Die Vegetation atmet aus, nachts, bald werden sie Frühnebel melden, und es wird zu spät sein.

Die Panik steigt, etwas muss geschehen, mit mir, etwas Großes, endlich. Ich muss endlich einen Sommer hinkriegen.

Einmal der perfekte Sommer! Der große Sommer, der ganze, der mit allem. Der Körper ist überall, in der Luft, im Wasser, und so was von auf der Erde. Der Schweiß perlt, der Körper wühlt sich in den Sand, sandvergoldet liegt er, während die Sonne ihn abfeuert. Der Sand ist eigentlich grau, das ist aber egal.

Jetzt, jetzt!, schreit Mensch sich an, draußen gibt es so viele Blätter, die Mitmenschen entblättern sich. Es wird akut. Es ist immer Jetzt, antwortet der verpennte Guru, aber die Guru-Konkurrenz schreit Now or Never! Pack dir den Sommer und tu es endlich! Nur was? Das!

Einmal der perfekte Sommer. Menschenkind steht vor einem Meer aus Zeit, beziehungsweise Zeitlosigkeit, also Ewigkeit, Unendlichkeit, all das, was zu groß für uns ist und das wir deshalb obsessiv verfolgen, es muss doch mehr geben, unter alles macht es es nicht mehr. Der Horizont sagt: Komm! Und Menschenkind ergreift den Wanderstab. Vielleicht wird es bald ein Bettelstab sein, frohlockt es übermütig, es ist ohne, ohne Geld, ohne Versicherung, sonst wäre es nicht echt, und es könnte sich dem Sommer nicht echt hingeben. Es läuft der Sonne hinterher, bis dorthin, wo alle nackt sind, und dann weiter, weiter. Bis es im Horizont verschwindet. Das ist der Plan, den es natürlich nicht Plan nennt, es ist ein Anti-Plan. Dann verliert Menschenkind seine Brille und Horizont geht jetzt nicht. Und es wird Herbst.

Welch ein Terror, welch ein kindischer Kitsch, wird jetzt vielleicht die nicht mehr ganz geneigte Leserin murmeln, was will die eigentlich? Der totale Sommer, das ist ja schon Faschismus. Dies gehört in den Bereich der Individualpathologie, es gibt sicher eine Behandlung. Vielleicht kann sie sich impfen lassen gegen Sommer, irgendetwas muss es ja geben, es scheint chronisch zu sein.

Die nicht mehr ganz geneigte Leserin will und kann diesem Trip ins Nichts nicht folgen, aus dem nichts wurde, weil immer etwas im oder am Weg stand. Eine gefüllte Kaffeetasse, ein lockiger Jüngling. Weil immer etwas da war, oder jemand, plötzlich, oder weg war, plötzlich.

Es gibt Hoffnung: Wer würde den Supersommer verdauen im Herbst des Lebens? Was sagt, das Gebein, wenn sie dem Sommer hinterherlaufen? Gereifte Menschen werden plötzlich so entsetzlich weise, immer größer darin, das Kleine zu genießen. Wer will im Horizont untergehen, wenn er eine Burgruine im milden Abendlicht besuchen kann? Dann die Lesebrille aufsetzen, sich ein Sommergedicht zuführen und einen gepflegten Wein. Und befriedigt nicken ob des gelungenen Sommertags.

So schwer ist Sommer nun auch wieder nicht.

Nur nicht zu gierig ins Gras beißen!

Michèle Thoma
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