Psychiatrie

Nicht ohne meine Klinik

d'Lëtzebuerger Land vom 29.10.2002

Die Sitzung des Differdinger Gemeinderates endete am Montag mit einem Eklat. Als Bürgermeister Claude Meisch (DP) eine Motion über die Einrichtung eines Centre hospitalier de réhabilitation psy-chiatrique in unmittelbarer Nachbarschaft des Hôpital Princesse Marie-Astrid (HPMA) in Niederkorn zur Abstimmung stellte, meinte LSAP-Rat Mario Castegnaro, die Klinik sollte besser in einer anderen Gemeinde entstehen. Psychisch Kranke könnten eine Gefahr für die Differdinger Bevölkerung sein.

Mag sein, dass die Differdinger LSAP nach dem Austritt der DP aus der Koalition vor einem Jahr noch immer Nachhutgefechte gegen die Partner von einst führt. Oder als erklärte Gegnerin des Fusionsprojektes zwischen dem HPMA und dem Escher Kongregationsspital Ste Marie in dem Bau einer psychiatrischen Klinik gleich nebenan eine Aufwertung für die umstrittenen Fusionspläne kommen sieht, die von den neuerdings von CSV und DP dominierten Gemeinden Differdingen, Petingen und Bascharage eingegangen wurden, die das Betreibersyndikat des HPMA bilden. Auf jeden Fall aber weisen Castegnaros Einlassungen hin auf eine beklagenswerte Wahrnehmung von Psychiatrie in der Öffentlichkeit. Jean-Marie Spautz, Direktor des Ettelbrücker Centre hospitalier neuropsychiatrique, das sich über die psychiatrische Rehaklinik dezentralisieren will, hatte am selben Tag im Gespräch mit dem Land "Bürgerinitiativen" gegen das Projekt für denkbar gehalten. Um ihnen möglichst zuvorzukommen, will das CHNP am kommenden Dienstag ein Bürgerforum in Differdingen veranstalten.

Andererseits wurden die Dezentralisierungspläne ähnlich überraschend präsentiert wie die Fusionsabsichten von HPMA und der Clinique St Marie. Die Medien ventilierten sie als quasi schon beschlossene Sache - was sie nicht sind, da der Gesundheitsminister Anfang Ok-tober lediglich eine prinzipielle Zustimmung gegeben hat; CHNP-Direktor Spautz selbst nennt sie "Absichtserklärungen". Sie bringen jedoch auf einmal den seit langem nicht mehr benutzten Begriff "Psychiatriereform" ins Spiel, und die Frage, in welche Reformrichtung die Absichtserklärungen weisen, stellt sich.

Ironischerweise für Mario Castegnaro war es dessen Parteikollege Johny Lahure gewesen, der seinerzeit als Gesundheitsminister die Psychiatriereform vorantrieb. Quelle psychiatrie pour l'an 2000? war im Dezember 1995 eine Kampagne des Ministeriums überschrieben (siehe d'Land vom 14. Mai 1999). Öffentliche Konferenzen wurden organisiert und Pressemappen versandt. Psychiater kamen zu Wort, psychisch Erkrankte ebenfalls. Das in den Köpfen der Bevölkerung noch immer verankerte Bild von der "Irrenanstalt", das sich vor allem mit der Neuropsychiatrischen Klinik in Ettelbrück verband, sollte korrigiert werden. Und immerhin war bereits seit gut fünf Jahren die Rede von der Psychiatriereform, hatte die Regierung dazu Anfang 1991 beim Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim eine Expertenstudie in Auftrag gegeben. Zwei Jahre später lag die - nach ihrem Autor benannte - Häfner-Studie vor. Sie empfahl: den Aufenthalt psychisch kranker Menschen in einer Klinik so kurz wie möglich zu halten; die Behandlung zu dezentralisieren; die Betroffenen wieder ins Gesellschaftsleben zu integrieren und ihnen normale Arbeits-, Wohn- und Lebensbedingungen zu verschaffen.

Doch es sollten weitere dreieinhalb Jahre vergehen, bis im Mai 1999 die Ettelbrücker Klinik aus der Staatsverwaltung entlassen und als Centre hospitalier neuro-psychiatrique (CHNP) zu einer Einrichtung öffentlichen Rechts wurde, die sich das Ziel setzte, sich konsequent von einer Verwahranstalt hin zu einer Rehabilitationseinrichtung zu entwickeln. Und fast ebenso viel Zeit verstrich erneut, ehe vor einer Woche jene Absichtserklärungen vorgelegt wurden, die Luxemburg der Dezentralisierung der Psychiatrie näher bringen sollen. Das in Niederkorn geplante Centre de réhabilitation psychiatrique soll 100 Betten, verteilt auf vier Sektionen, umfassen. Mit der Behandlung von Psychotikern, von Alkohol- und von Drogenabhängigen sowie mit einer Sektion Psychogeriatrie spezialisiert man sich. In Ettelbrück soll ab 2008 oder 2009 nur noch die Zentrale des CHNP angesiedelt sein, die das neue CHRP sowie die Therapieeinrichtungen in Useldingen und Manternach verwaltet, plus eine 75 Betten umfassende Station für chronisch Kranke. An den vier Standorten Niederkorn, Ettelbrück, Useldingen und Manternach würde es später insgesamt 250 Betten geben. Eingedenk dessen, dass die Ettelbrücker Klinik noch in den 70-er Jahren über 1 000 Patienten beherbergte, Mitte der 90-er diese Zahl auf 530 reduziert hatte und derzeit knapp über 300 zählt, würden 250 für die Zukunft nicht nur dem 2001 be-schlossenen Spitalplan Rechnung tragen, sondern lassen zugleich vermuten, die Psychiatriereform komme voran.

Doch leider führte die Kampagne Quelle psychiatrie pour l'an 2000? nicht zu einer breiten Diskussion eben dieser Frage. Was das CHNP plant, gehe sicherlich in eine gute Richtung, sagen der Psychiater Erik Ceusters, Direktor der asbl Réseau Psy, und Roland Kolber, Psychologe und Koordinator der Atéliers thérapeutiques Walferdingen. Es wäre ihnen allerdings lieber gewesen, nicht aus der Zeitung davon zu erfahren, sondern in der Debatte mit den Verantwortlichen des CHNP, dem Gesundheitsministerium sowie den Betroffenen um weitere Reformschritte.

Wohinter sich das bereits seit Jahren bekannte Kommunikationsdefizit unter den Akteuren verbirgt. Nachdem Johny Lahure und sein Regierungskommissar Marcel Reimen Anfang 1998 nach der Dysfonctionnementer-Affäre ihre Hüte nahmen, versackte die Psychiatriereform. Lahures Nachfolger Georges Wohlfart stellte noch die Gründung einer gemischten Arbeitsgruppe aus Vertretern des klinischen und des außerklinischen Bereichs in Aussicht. Zusammen trat sie nie. Dass die Psychiatriereform für CSV und DP vorrangig sein würde, musste man nach der Lektüre des Koalitionsprogramms nicht vermuten: für Carlo Wagner sollte lediglich die Therapie Drogenabhängiger als zu lösende Aufgabe festgehalten werden, die sich mit Psychiatrie in Verbindung bringen ließ.

Jetzt ist es das CHNP, das sich um die Strukturierung der Psychiatrie kümmert: Vorgeschlagen wurde dem Minister eine Arbeitsteilung zwischen den künftig vier Häusern des CHNP, den außerklinischen Trägern sowie jenen vier Krankenhäusern, in denen schon ab 2005 die Behandlung akuter Fälle stattfinden soll, aus der sich das CHNP ganz zurückziehen will.  Je 45 Betten - davon zwölf in jeweils geschlossenen Stationen - sind dazu in der Hauptstadt im Centre hospitalier sowie in der im Bau befindlichen Kongregationsklinik auf dem Kirchberg, im Escher Stadtkrankenhaus und in der Ettelbrücker Clinique St Louis vorgesehen. Doch die Leitung der St Louis-Klinik hat bereits signalisiert, nicht zu wissen, wie man das schaffen könne. Und nicht mehr die Rede ist von Kriseninterventionszentren, von denen das Land wenigstens eines benötige, wie es zu Lahures Zeiten hieß. Der Unterschied zu Akutstationen: Kriseninterventionszentren wollen von Anfang möglichst nicht die Hospitalisierung akut Erkrankter.

Gerade der außerklinische Bereich klagt beständig über mangelndes Interesse des Gesundheitsministeriums, und das bei zunehmenden Aufgaben. Die Erfahrung zeige, sagt Erik Ceusters, dass zum einen die Betreuung psychisch Kranker daheim so gut funktioniere, dass ein Klinikaufenthalt seltener nötig wird. Zum anderen sei betreutes Wohnen in Wohngemeinschaften für immer weniger Menschen akzeptabel: "Wir stellen fest, sie haben Probleme, sich in eine Gemeinschaft einzuleben. Sie sind ihre eigene Wohnung gewöhnt." Lediglich Patienten, die längere Zeit auf einer psychiatrischen Station verbrachten, fügten sich in Wohngemeinschaften. 

Doch wenn die Liegedauer in den Kliniken ohnehin abnimmt, müsse man über individuellere Formen der Betreuung nachdenken. Auch die Ateliers thérapeutiques verbuchen eine immer größer werdende Nachfrage - die Wartezeit auf einen Platz betrage mitunter ein Jahr, die Warteliste sei bereits mehr als halb so lang wie die Zahl der zurzeit Betreuten. Aber die Grundsatzdiskussion darüber, wieviele Kliniken man braucht, wieviele geschützte Werkstätten, wieviel betreutes Wohnen, und welche Erkrankungen wo und wie behandelt werden sollen, finde einfach nicht statt, wird im ATW vermerkt.

Wie vor Jahren schon heißt es, das CHNP sei "dominant", und man hält diesem die Struktur vor, zu der sich die Psychiatrie im Saarland entwickelt hat: das Landeskrankenhaus für Psychiatrie löste sich auf, in allen Kreisstädten entstanden überschaubare Spezialkliniken, akute Fälle werden in Zusammenarbeit mit den Gemeinden, so weit es geht, ambulant behandelt und von mobilen Diensten daheim betreut.

Wozu CHNP-Direktor Jean-Marie Spautz verschmitzt lächelnd bemerkt, diese Organisationsform sei schon unter Johny Lahure nicht konsensfähig gewesen. Das CHNP wollte sie nicht. Jetzt regt es die Wiederbelebung des unter Lahure ins Leben gerufenen "Psychiatriebeirats" an. Wie die Dinge momentan liegen, dürfte er kaum erfolgreich an Klinikplanungen rütteln. Aber schon die Institutionalisierung der Debatte wäre ein Fortschritt.

 

Peter Feist
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