Der Kalte Krieg in Luxemburg

Im Reich der Guten

d'Lëtzebuerger Land vom 20.05.2016

Auch wenn die Regierung dabei ist, ein Zentrum für Gegenwartsgeschichte einzurichten, ist es noch immer vielfach unerwünscht, sich mit der rezenteren Geschichte zu befassen. Das zeigen Behinderungen beim Zugang zu Archiven und Fördermitteln, die Absage der Ausstellung über den Ersten Weltkrieg und der Eier­tanz um den Artuso-Bericht. Umso überraschender kommt deshalb die Ausstellung des Nationalen Geschichts- und Kunstmuseums über den Kalten Krieg in Luxemburg. Nicht nur weil das Museum, mit Ausnahme seiner bemerkenswerten Ausstellung über die Weltausstellungen, die Zeitgeschichte bisher dem kommunalen Geschichtsmu­seum überlassen hatte, sondern auch, weil Kurator Régis Moes tollkühn die historische Gesamtübersicht eines Themas versucht, das im Detail noch weitgehend unerforscht ist.

Hinzu kommt, dass dieses Thema noch immer politisch so aufgeladen ist, dass es sehr unterschiedliche und oft widersprüchliche Theorien und Erklärungsversuche zum Kalten Krieg gibt. Schon die Bezeichnung ist irreführend: Kalt war der Krieg durch das atomare Gleichgewicht des Schreckens nur in privilegierten Regionen Europas und Nordamerikas. Ansonsten führten der Westblock und der Ostblock während Jahrzehnten blutige Stellvertreterkriege von Korea über Vietnam und Angola bis Zentralamerika und Afghanistan. Vielleicht hat der Kalte Krieg auch gar nicht erst 1947 begonnen, sondern schon 1919 mit den britischen und französischen Geld- und Waffenlieferungen an die gegen die Oktoberrevolution kämpfenden Weißen Truppen; dann war das Bündnis gegen Hitler nur eine kurze Unterbrechung der Systemauseinandersetzung, wie das im Osten hieß.

Jedenfalls beginnt die Ausstellung des Nationalmuseums mit der Befreiung Luxemburgs durch die US-Truppen, denen sich eine ganze Generation, Viet­nam hin oder her, zum Dank verpflichtet fühlte. Für ihren Kampf gegen Deutschland genossen aber auch die UdSSR und die Kommunistische Partei hohes Ansehen, heißt es. Doch 1947 verließen auf „Druck der Amerikaner“ die kommunistischen Parteien in Luxemburg und anderen westeuropäischen Staaten die Regierungen. Die „Amerikanisierung“ des Landes, zuerst mit dem Marshallplan, dann mit Good­year und Dupont, wird mit einer Jukebox illustriert, auf der die Besucher unter der Nummer L-1 En Zaldot op der Wuecht von Ali Bintz abspielen können. Denn das Großherzogtum gab seine „immerwährende Neutralität“ auf, führte eine ungeliebte Wehrpflicht ein und schickte Soldaten in den Koreakrieg.

Als federführend für diesen Kurswechsel stellt die Ausstellung den für seine „scharfe antikommunistische Haltung“ bekannten CSV-Außenminister Joseph Bech dar. Ihm hält sie als Kuriosum den sozialistischen Politiker René Blum entgegen, der als Botschafter in Moskau „offen die Luxemburger Regierungspolitik ablehnt“, aber trotzdem „12 Jahre lang auf seinem Posten“ bleiben durfte. Die Erklärung dieses Paradoxes findet sich vielleicht in Marc Birchens Doktorarbeit über Die Firmenbeteiligungen der Arbed im Osteuropa der Nachkriegszeit. Luxemburger Wirtschaftsdiplomatie im Kalten Krieg.

Wie sich der, laut Mary Kaldor, „imaginäre Krieg“ nach dem Koreakrieg wieder zuspitzte, zeigen Fotos, Plakate und Broschüre über die Erstürmung der sowjetischen Botschaft in Beggen nach dem Einmarsch der Roten Armee in Ungarn 1956. Der Staatsbesuch der Großherzogin in den USA musste 1962 wegen der Kubakrise abgesagt werden. Gasmasken, eine Bunkertür, Hinweise zur Strahlenbehandlung und Flugzettel gegen das atomare Wettrüsten sollen die Atomangst lange vor Cattenom verdeutlichen. Aber vielleicht kommt in der Ausstellung etwas zu kurz, dass die im Kalten Krieg verbreitete und geschürte Angst auch ein bis in die Mitte der Sechzigerjahre erfolgreiches Herrschaftsmittel war, mit dem alle Kritik an der Sozial- und Gesellschaftspolitik des CSV-Staats gleich als kommunistische Bedrohung der Staatssicherheit dämonisiert werden konnte.

Die weltweite Front des Kalten Kriegs lief auch quer durch das Großherzogtum: auf der einen Seite die stets sehr ultramontane, im Bergbau und der Stahl­industrie einflussreiche Kommunistische Partei, auf der anderen Seite all die anderen Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Zeitungen und 35 Jahre Paul-Leuck-Hysterie bei RTL. Zu den spektakulärsten Exponaten gehört technisch inzwischen überholtes Spionagematerial des 1960 gegründeten Geheimdienstes und Ausrüstungsteile der Überrollagenten und vielleicht auch in anderen Krisen mobilisierbaren Schläfer von Stay behind.

Doch der Kalte Krieg war immer nur der bedrückende internationale Rahmen, in dem sich die luxemburgische Gesellschaft nach ihren sozialen, ökonomischen und kulturellen Regeln entwickelte. So erlebte die Kommunistische Partei dank der gesellschaftlichen Radikalisierung 1968 einen ihrer größten Wahlerfolge trotz des sowjetischen Einmarsches in der Tschechoslowakei. Der Streit über kommunale Koalitionen mit den Kommunisten gab den Auslöser zur Spaltung der LSAP, während der liberale Gaston Thorn, wohl auch aus wirtschaftlichen Überlegungen, das Entspannungsklima für einen „direkten Kontakt zum Ostblock“ nutzte.

Aber es gab stets auch einen sehr rechten CSV-Flügel, der jede politische Entspannung bekämpfte, mit den antikommunistischen Diktaturen in Taiwan und den Contras in Nicaragua sympathisierte, in Dommeldingen den Kongress der Antikommunistischen Weltliga organisieren half und „im Sog der roten Flut“ Zwangsrekrutierten-Memoiren als Kalte-Kriegs-Propaganda erzählte. An die Fotos und Filme von den Staatsbesuchen mit Nicolae Ceaușescu erinnert man sich wohl ungern, die Beziehungen zu den sehr katholischen Diktaturen Portugals und Spaniens sind noch unerforscht.

Drei Jahrzehnte nach dem Sputnik-Schock gelang es den ökonomisch überlegenen USA unter Ronald Reagan in den Achtzigerjahren, die Sowjetunion als „Reich des Bösen“ auf einem neuen Höhepunkt des Kalten Kriegs totzurüsten. Wegrationalisierte Stahlarbeiter wurden in die Rüstungsindustrie WSA versetzt, und in der gespaltenen Friedensbewegung deckten sich die Fronten des Kalten Kriegs weiter mit den Parteigrenzen. Auch hierzulande gab es den einen oder anderen prominenten Politiker, den die deutsche Wiedervereinigung beunruhigte, und die Ausstellung schreckt im letzten Augenblick davor zurück, die Luxemburger Militäreinsätze im zerschlagenen Jugoslawien bloß einen weiteren Kampf an der heißen Front des Kalten Kriegs zu nennen. Am Ende der Ausstellung gibt sich der ehemaliger Direktor des Spëtzeldéngscht, Charles Hoffman, im Video-Interview beinahe versöhnlich gegenüber dem Ennemi. Vielleicht aus Altersmilde, vielleicht mit dem Großmut des Siegers.

La Guerre froide au Luxembourg, Musée national d’histoire et d’art, bis zum 27. November 2016 dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr, Eintritt 7 Euro; www.mnha.lu.
Romain Hilgert
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