Schweinepest

Halali auf die Schweine

d'Lëtzebuerger Land du 23.12.1999

Seitdem am letzten Donnerstag im deutschen Grenzgebiet das nunmehr dritte Wildschwein als Träger des Schweinespest-Virus identifiziert wurde, stehen jetzt in neun Gemeinden im Ösling die Höfe der Schweinehalter unter vorbeugender Quarantäne. Die Aufregung unter den Bauern nimmt zu, doch es ist nicht in erster Linie die Angst vor einer gefährlichen Epidemie, die sie umtreibt. Nach den bisherigen virologischen Untersuchungen an hier erlegten Wildschweinen - den Hauptübertragern der Krankheit - ist Luxemburg noch Schweinepest-frei. Für den Menschen ist die Krankheit harmlos, und auch das Fleisch infizierter Schweine kann bedenkenlos verzehrt werden. Die Sorgen der Bauern sind ökonomischer Natur.

Gäbe es auch hier einen Krankheitsfall, hätten Schinken oder Koteletts, aus Luxemburger Mastschweinen geschnitten, bei der einheimischen Kundschaft trotz des Nullrisikos für den Menschen keine Chance mehr: "Schon der Name Schweinepest klingt schrecklich", stöhnt ein Mitarbeiter der Bauernzentrale. Fatal ist die Lage allerdings schon jetzt: Im Gegensatz zu den Mastschweinen werden Zuchtschweine erst in höherem Alter geschlachtet und zu Wurst verarbeitet. Doch das geschieht im Ausland, und nach den europäischen Bestimmungen ist die Ausfuhr von Zuchtschweinen aus Quarantänegebieten untersagt. Zwar hat der Regierungsrat am letzten Freitag entschieden, kurzfristig Schlachtkapazitäten im Lande bereit zu stellen, doch in Ermangelung einer einheimischen Wurstfabrik sind das reine Tötungskapazitäten. Für den bei den Bauern dadurch entstehenden Verlust wird wohl der nationale Seuchenfonds aufkommen.

Bleibt die Frage, wie ein Übergreifen der Schweinepest auf Luxemburg auch weiterhin unterbunden werden kann. Arthur Besch, Direktor des staatlichen Veterinärdienstes, ist überzeugt, dass die getroffenen Schutzmaßnahmen ausreichen, wenn die Bauern im Quarantänegebiet sie einhalten. Auf eher informeller Ebene werden jedoch intensive Diskussionen über weiter gehende Vorkehrungen getroffen. Die Frage dabei lautet: Was tun mit den Wildschweinen?

Mag Luxemburgs Landwirtschaft für die Schweinepest auf Grund der Marktverhältnisse ökonomisch anfällig sein - die Gefahr, dass die Krankheit auch ins Großherzogtum übertragen werden könnte, besteht vor allem in dem hierzulande großen Wildschweinbestand, und der ist in den letzten 20 Jahren beachtlich gewachsen. Zwar kennt die Forstverwaltung nur die Zahl der jährlich erlegten Tiere, doch schon die weist deutlich auf die Zunahme hin: 1980 waren es noch 1 000 gewesen, 1997 dagegen 5 000 und im vergangenen Jahr 3 500.

In diesem Jahr, schätzt die Forstverwaltung, dürfte sich die Abschussquote wieder der von 1997 nähern. Sind Luxemburgs Jäger doch gehalten, verstärkt Jagd auf junge Wildschweine zu machen; jene Tiere, die am häufigsten aus dem Rudel ausbrechen und Schweinepest-Erreger auch über weite Distanzen tragen können. Aus diesem Grunde ist in Luxemburg die Jagd auf Wildschweinfrischlinge auch stets das ganze Jahr über gestattet, die Bauernzentrale fordert gar, vorbeugend zur Hatz auf alle Wildschweine zu blasen. Was jedoch äußerst umstritten ist. Vorerst hat Umweltminister Charles Goerens am Mittwoch eine Abschussprämie verordnet: pro Jungschwein zwischen 800 und 2 000 Franken; je jünger das Tier war, desto mehr wird gezahlt.

Ob dieser Anreiz für die Jäger groß genug sein wird, ist unklar. Beim Luxemburger Tierzüchterverband Herdbook weiß man aus Erfahrung, dass so mancher Jäger lieber große Schweine schießt, weil deren Verkauf mehr einbringt. Doch gerade damit riskiert man, die Leittiere eines Rudels zu erlegen und die Jungschweine erst recht in alle Richtungen zu zerstreuen.

Dass es überhaupt so viele Wildschweine hierzulande gibt, führt die Forstverwaltung auf den stark gestiegenen Maisanbau zurück, denn Maiskörner sind für Wildschweine ein Leibgericht. Doch zusätzlich noch füttern die Jäger Maiskörner zu. Camille Studer, Präsident der Jägerföderation, versichert, "das tun wir nur, um zu vermeiden, dass die Schweine in die Maisfelder gehen". Roger Schauls, Mitglied des Conseil supérieur de la chasse, des Beratergremiums der Regierung zu Fragen der Jagd, ist dagegen der Ansicht, dass die Zufütterung auch ein Mittel ist, um die Rudel in großer Zahl abschussbereit im Lande zu halten: "Es gibt Jagdreviere, da sieht es aus wie in einer Mästerei!"

Dass darin ein hausgemachter Teil des Schweinepest-Risikos besteht, wird auch im Umweltministerium nicht bestritten. Das Jagdgesetz soll neu formuliert werden, nach dem Jagdunfall von Bridel vor allem auf Sicherheitsaspekte hin. Laut Staatssekretär Eugène Berger aber soll auch die Wildschweinfütterung kritisch analysiert werden.

 

 

Peter Feist
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