Theater

Aufs Wesentliche

d'Lëtzebuerger Land vom 22.02.2019

Als „Reduktion“ bezeichnet man in der Küche gemeinhin das stark eingekochte Produkt von Flüssigkeiten wie Fonds, Bratensaft, Saucen oder Sahne mit dem Ziel, den Wassergehalt zu verringern und so den Geschmack zu intensivieren. Durch die in der Flüssigkeit enthaltenen Stoffe tritt dabei meist auch eine Bindung ein. Roberto Ciulli und Maria Neumann zeichnen in der Peer Gynt-Produktion des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen (1867) am Theater an der Ruhr für Regie, Dramaturgie und Darstellung verantwortlich. Auch am TNL erzählten sie in der vorigen Woche die Biografie des ruhmeshungrigen Taugenichts und Träumers – aufs Wesentliche reduziert.

Im Januar noch inszenierte François Maillot seine französischsprachige Lesart der Vorlage als episch-opulente Clownerie, als gigantischen Freizeitpark im Grand Théâtre. Ensemble-Mitglied Maria Neumann (1960) und Mitbegründer Roberto Ciulli (1934) nähern sich dem dramatischen Gedicht in ihrer Mülheimer Arbeit hingegen auf minimalistischem Weg. Die Kulisse ist karg: Ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle. Im Hintergrund ein Holzschrank, eine gelbe Stoffkrone, Schreibmaterial, ein Stoff-Äffchen. Dazu ein Papierschiffchen. Auch die Zwiebel darf nicht fehlen. Sehr viel mehr bietet die Bühne aber nicht. So bleibt dem Zuschauer der konzentrierte Blick auf Mimik, Gestik, Text und Stille. Und die Märchenwelt? Sie sprüht im Kopf.

Dieser Peer Gynt verzichtet auf jede Opulenz. Ciulli und Neumann übernehmen sämtliche Rollen von Peer über Vater Jon bishin zu Ingrid, Anitra und Solvejg. Hinreißend, wie beide Darsteller dem Ritt auf einem Bock im norwegischen Gebirge mit minimalen Mitteln Gestalt verleihen. Die Märchenwelt, in die Trollkönig Gynt zunehmend versinkt, wird nicht etwa vernachlässigt oder gar gestrichen. Indem ihr aber das Übermaß genommen wird, verwandelt sie sich in ein feineres psychoanalytisches Instrument, um Gynts fehlenden Kern, einer geschälten Zwiebel gleich, freizulegen. Das Häuten dieser kernlosen Knolle als Parabel für die scheiternde Suche nach dem eigenen Ich wird zum Offenbarungseid am spröden Holztisch. Peer Gynts Wunsch, ein hervorstechender Sünder gewesen zu sein, um dem Schmelzlöffel zu entgehen, der ihn Hinz und Kunz gleichmachen soll, ist nur einer von vielen Momenten, in denen das Ensemble Ibsens Vorlage mit Humor begegnet und doch im Tragischen bleibt.

Der starke italienische Akzent des gebürtigen Milanesen Ciulli stört keineswegs. Vielmehr bereichert er die Darstellung mit der naturalistischen Nähe und Authentizität eines Kammerspiels, das im Kontrast zur Traum- und Märchenwelt steht. Die mentale Flucht wird vom Flüchtenden selbst zur größenwahnsinnigen Posse verdreht: „Schluss mit den Menschen. Endlich ein Troll sein“, entscheidet Gynt. „Ein Mann soll leben für sich und seinen Besitz“, und er ist bestrebt, „Kaiser zu werden. In der ganzen Welt“. „Das gyntische Ich ist ein Heer von Wünschen, Lüsten und Begierden“: Diese Psyche verliert sich in einer Welt flacher Ansprüche, in einer Leere ohne Kern.

Auf 90 Minuten gerafft, erlaubt sich die Regie trotzdem so manche Momente der Stille. In diesen Sekunden der Besinnung lässt Gynt die zynischen Lebensweisheiten auf sich wirken. Er hebt die Fingerkuppen seiner flach aufgelegten Hand von der Tischplatte, zieht die Augenbrauen hoch, kichert in sich hinein, atmet durch, in Erwartung einer Heiligsprechung, die nur ausbleiben kann.

Diese Peer Gynt-Produktion des Theaters an der Ruhr ist Bühnenarbeit aufs Wesentliche reduziert, geschmacklich hochwertig, beseelt durch die Tiefe der Gestik, Mimik und bescheidenen, aber erfrischenden Regieeinfälle. Grandios.

Peer Gynt von Henrik Ibsen; eine Produktion des Theaters an der Ruhr; Regie, Raum und Darstellung von Roberto Ciulli und Maria Neumann; Licht von Thorsten Scholz; Ton von Fritz Dumcius. Keine weiteren Vorstellungen.

Claude Reiles
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