Todesstreifen im Vorgarten

d'Lëtzebuerger Land du 22.02.2019

Grau ist das neue Grün. Nostalgische Umweltschützer wollen sich mit dem hartkantigen Trend zur Schotterwüste aber nicht abfinden.

„Wer sich tagsüber in Luxemburg verdingt, der möchte sich abends naturnah und bei hoher Lebensqualität nahe der Mosel erholen können“, höhnt Ulf Soltau über Schottergärten im Neubaugebiet von Wincheringen: „Kein Baum beschattet hier Ihr Leben, keine Blume welkt, kein Hafer sticht, kein Hahn kräht und pfeifen tut hier allenfalls Ihr Schwein, denn Schmutzfinken und Dreckspatzen haben Hausverbot.“ Auf seiner Facebook-Seite Gärten des Grauens würdigt Soltau das neue Viertel Auf Mont mit gleich 13 Fotos: „Es ist Zeit, den Gewinner unseres Terror-Gardening-Awards Februar 2019 auszurufen.“

Geschotterte oder gar gepflasterte Vorgärten und Straßenränder, mit Alibi-Thujas begrünt, mit meterhohen Schüttkörben eingebunkert: seit ein paar Jahren befällt die Steinepest ganze Landstriche. In Deutschland machen die Garten- und Landschaftsbau-Betriebe nur noch rund zehn Prozent ihres Umsatzes mit lebendigem Grün im weitesten Sinne; „Gärtner“ leben nun vor allem von Folie und Stahl, Beton und Stein. Heftig wird vielerorts über das sterile Grau debattiert.

Unversöhnlich stoßen die Meinungen aufeinander. Verteidiger des Privateigentums lehnen Vorschriften strikt ab: Freie Bürger sollten nicht nur jederzeit auf der Autobahn sich selbst totfahren dürfen, sondern nach Belieben auch das Umfeld des heimischen Parkplatzes als gekieste Grabstätte gestalten. Viele Menschen hätten weder Zeit noch Lust für die nervige Pflege von Gesträuch; nicht jeder könne sich Roboter für lästige Gieß- und Mäharbeiten leisten.

Für die Freunde von Blumen und Bienen ist Splitt im Garten dagegen keine Privatsache: Versiegelte Flächen verschandeln das Ortsbild, stören den Wasserhaushalt, heizen die Umgebung auf, binden keinen Feinstaub, erzeugen keinen Sauerstoff, helfen Hummel, Grünfink oder Igel nicht weiter – und sollten daher schlicht verboten werden. Es komme auf jeden Quadratmeter an: Zusammen seien alle Hausgärten in Deutschland ungefähr gleich groß wie alle Naturschutzgebiete; und sie könnten Oasen sein für Kreaturen, die von der intensiven Land- und Forstwirtschaft ausgerottet werden. Außerdem werde Kies meist aus China oder Indien herangekarrt, was nicht nur ökologisch fragwürdig sei.

Steinwüsten sind bereits illegal, betont der Landesnaturschutzverband in Baden-Württemberg: „Tausende Gärten widersprechen geltendem Recht.“ Die Landesbauordnungen aller deutschen Bundesländer schreiben vor, dass unbebaute Flächen als Grünflächen anzulegen oder anderweitig zu begrünen sind. Der Dachverband der Umweltschützer forderte im vergangenen Herbst mit einer Resolution das baden-württembergische Wirtschaftsministerium auf, „die Baurechtsbehörden explizit auf diesen Sachverhalt hinzuweisen und die Einhaltung der Verordnung sicherzustellen“. Künftig solle das Verbot explizit auch in Bebauungsplänen aufgeführt werden: „Schottergärten sind ein Totalausfall für die Natur und ein Angriff auf die Lebensqualität - für uns Menschen genauso wie für Pflanzen und Tiere.“

Manche Kommunen folgen dem Appell der Ökos. Die Stadt Heilbronn zum Beispiel legt die Landesbauordnung streng aus und untersagt in Neubaugebieten „lose Material- und Steinschüttungen“. Die Stadt Rastatt ordnet neuerdings in Bebauungsplänen ausdrücklich Bepflanzung mit „einheimischen Gehölzen“ an. Das Wirtschaftsministerium in Stuttgart dagegen will von einer Garten-Polizei nichts wissen: Was eine „unzulässige Versiegelung“ sei, müsse im Einzelfall entschieden werden. Bislang hat jedenfalls noch kein Gericht geklärt, ob man nicht auch einfach Asphalt grün anstreichen könnte. Die Gemeinde Dannenbüttel in Niedersachsen behilft sich vorerst mit grobem Kies: Sie wandelt alle Straßenränder und Pflanzinseln konsequent in Steinbeete um, weil das „ordentlich“ aussehe.

Die Gartengestalter Jörg Pfenningschmidt und Jonas Reif sehen die grassierende Versteinerung entspannt: Bunte Blüten, saftige Früchte und wertvolle Biotope für Schmetterlinge würden nur selten entsorgt; meist verschwinde bloß verbrannter Rasen und struppiges Begleitgrün – „vorher Scheiße und hinterher auch Scheiße“. Der „Blödsinn“ gesteinigter Gärten werde sich außerdem bald von allein erledigen, denn entgegen aller Werbeversprechen sei Schotter mitnichten pflegeleicht: „Habt ihr denn wirklich geglaubt, mit einem lächerlichen Vlies und einer dünnen Schicht Steinchen Pflanzen stoppen zu können, die schon Millionen Jahre an erfolgreichem Existenzkampf hinter sich gebracht haben?“ Der Wind wehe nach einer Weile Laub und Humus an, da helfe weder Flamme noch Chemie: „Das Leben wird siegen.“

Zum Lachen und Weinen:

Die Horror-Fotosammlung „Gärten des Grauens“ wächst ohne Gnade: www.facebook.com/GaertenDesGrauens

„Entsteint Euch!“ ist eine Aktion in Bayern: www.foerderer-der-gartenkultur.de/einführung.html

Von Jörg Pfenningschmidt und Jonas Reif ist das Buch Hier wächst nichts. Notizen aus unseren Gärten im Stuttgarter Ulmer-Verlag erschienen.

Martin Ebner
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