Luxemburg und die EU-Weinmarktreform

Vin-Vichy

d'Lëtzebuerger Land du 20.12.2007

Sehr viel Wasser musste die Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer-Boel dieser Tage in ihren Wein schütten, damit von ihrer Weinmarktreform überhaupt noch ein Reförmchen übrig blieb. Drei Verhandlungstage rang sie mit den europäischen Landwirtschaftsministern um einen Kompromiss. Ein solcherVerhandlungsmarathon am Jahresende ist in Brüssel schon Tradition, aber eigentlich geht es dabei normalerweise um die Verteilung der Fischereiquoten in den EU-Gewässern für das darauf folgende Jahr.

Radikale Reformen für einen Sektor, der in der Krise steckt – so hatte die Kommission ihr Vorhaben angekündigt. Sie wollte das Beimischen von Saccharose zum Anheben des Alkoholgehaltesverbieten lassen und die Herstellung von Mostkonzentrat nicht länger subventionieren. Außerdem sollten 400 000 Hektar Rebflächen gerodet werden, dafür hätte man den Winzern eine Entschädigung gezahlt. Dann aber sollte die Neubepflanzung von Anbauflächen liberalisiert werden. Der Grund: In der EU gibt es mehr als 1,6 Millionen Betriebe, die auf über 3,4 Millionen Hektar Wein anbauen, 60 Prozent der weltweiten Weinproduktion stammen aus Europa. Der weltweite Verbrauch, besonders an Tafelweinen, ist allerdings rückläufig. Außerdem trinken auch die Europäer immer öfter einen Chardonnay aus Australien oder einen Cabernet Sauvignon aus Chile, also Weine aus der Neuen Welt. Seit 1996 sind die Importe in die EU jährlich um zehn Prozent gestiegen und betrugen 2005 elf Millionen Hektoliter. Die Produktionsüberschüsse hingegen betragen knapp 15 Millionen Hektoliter, das sind Angaben des Europaparlaments (EP) zufolge 8,4 Prozent des Angebots, weshalb in den großen Produktionsländern oft auf die öffentlich unterstützte Krisendestillation zurückgegriffen wird – 500 Millionen Euro kostet der Krisenschnaps jährlich. 

Nachdem die Milchseen verdunstet sind, wollte die Kommissionden Weinsumpf trockenlegen. Für ihre Vorschläge erhielt Fischer-Boel schon im Februar im Europaparlament eine kalte Dusche. „Massenhafte, unterschiedslose Rodungen“ seien ein unberechtigter Eingriff in die europäische Weinbaukultur, monierten die Abgeordneten. Die Liberalisierung der Bepflanzung könnte zu einer Konzentration der Produktion in wenigen Betrieben führen. Die Parlamentarier sahen die „Artenvielfalt“ des europäischen Weines bedroht. Man stelle sich vor, wie man beim Italienurlaub anstatt des kleinen Weingutes und den dazugehörigen urigen Winzers einen wenig charmanten agrarindustriellen Betrieb besucht, durch den Public-Relations-Beauftragte führen. Dort, wo die Anreicherung mit Zucker traditionell vorgenommen werde, dürfe diese nicht verboten werden, so das EP, da dies eine Diskriminierung gegenüber den Ländern darstelle, in denen die klimatischen Verhältnisse den Anbau erschwerten.

War die Reform zum Scheitern verdammt? Wahrscheinlich, denn von Anfang liefen auch die Mitgliedstaaten Sturm, wegen ganz bodenständiger, materieller, nationaler Interessen. Durch das Verbot der Anreicherung mit Zucker und das Abschaffen der Subventionierung wurden Nord und Süd gegeneinander ausgespielt.Mit dem Mostkonzentrat wäre die Produktion für die Winzer aus Nordeuropa um 60 Prozent teurer geworden, sagt Erni Schumacher, Präsident der Vereinigung der Luxemburger Privatwinzer. Außerdem wissen die hiesigen Winzer nicht mit dem Süßstoff umzugehen. Wie viel davon muss man hinzugeben, um den gewünschten Alkoholgrad zu erreichen, und wie haltbar ist der Saft– das sind nur zwei von vielen Fragen, die das Konzentrat den Winzern aufgibt. Den stellen eben just die Südeuropäer her – der Subventionsausfall hätte zu erheblichen Einbußen geführt. Das Zuckerproblem wurde zum Süßstoffkrieg. Die Südeuropäer warfen jenen aus dem Norden vor, quasi ums Verrecken Wein in Gegenden zu produzieren, die klimatisch dafür nicht geeignet seien. 

Diesem Starrsinn sollte durch das Anreicherungsverbot ein Ende gesetzt werden. Dagegen bezichtigten jene aus dem kühlen Norden die Mittelmeerländer ungezügelter Überproduktion sowie des ungehemmten Ausnutzen von Subventionen. Verständlich also, dass vom Kommissionsvorschlag am Mittwoch nur eine Art Vin-Vichy übrig blieb. Nur noch 175 000 Hektar sollen innerhalb von drei Jahren gerodet werden, auf freiwilliger Basis. Dazu wird es in Luxemburg kaum kommen, meint Marc Kuhn vom Weinbauinstitut, die finanziellen Anreize seien für die hiesigen Winzer nicht ausreichend. Das Zuckerverbot ist vom Tisch, die Anreicherung lediglich gedeckelt, auf drei Prozent in der Gegend, zu derLuxemburg gehört. Früher waren es 3,5 Prozent, allerdings behalten die Länder das Recht, in schlechten Jahren ein halbes Prozent zusätzlich beizufügen, und das soll in Zukunft nicht mehr in Brüssel angefragt und genehmigt werden müssen, sondern einfach nur notifiziert, wie Landwirtschaftsminister Fernand Boden gegenüberdem Land erklärte. Eine weitere Bedrohung, nämlich die Etikettierung von Tafelweinen mit der Rebsorte und Jahrgang, ist zu mindest teils verhindert. Die Sorte steht nämlich auch bei Luxemburger (und auchbei deutschen) Qualitätsweinen auf dem Etikett, am Ende hätte der Konsument den Unterschied zwischen teurem Rebsaft und billigem Fusel nicht mehr ausmachen können. Nun soll dies auf jeden Fall nicht für Tafelwein möglich sein, wenn die verarbeiteten Trauben aus verschiedenen Ländern stammen.

Auch Traditionssorten wie Riesling sollen davon verschont bleiben.Außerdem bekommt jedes Land einen Finanzumschlag zugesteckt. Damit sollen die Mitgliedstaaten die Krisendestillation zu Industriealkohol unter bestimmten Bedingungen weiterfinanzieren können.Aber auch andere Maßnahmen sind möglich. Luxemburg erhält ab 2009 0,3Millionen Euro und ab 2015 0,6 MillionenEuro. Allerdings, glaubt Boden, liege hier ein Rechenfehler vor, eigentlich müssten es 0,4 bzw. 0,7 Millionen sein, die Kommission werde dies noch einmal prüfen. Das Geld, sagt er, werde vor allem für die Umstellung von Rebflächen eingesetzt werden. Also zum Beispiel, um weniger edle Sorten durch bessere Rebstöcke zu ersetzen, oder um die Qualität oder die Arbeit zu vereinfachen, indem Rebstockreihen herausgeschlagen werden. „Keine große Verbesserung“ bringt die Reform seiner Meinung nach Luxemburg, aber dadurch, dass die Beihilfen für das Mostkonzentrat in vier Jahren abgeschafft werden, ergebe sich doch ein kleiner Wettbewerbsvorteil für die Winzer aus dem Norden Europas.

Dem Prozent, das man bei der Zuckeranreicherung einbüßt, weint Boden nicht besonders nach. „In den letzen 20 Jahren haben wir das nie gebraucht.“ Das sagen auch Privatwinzer Erni Schumacher und Marc Kuhn. Durch den Trend hin zu mehr Qualität sei bei den meisten Weinen die Anreicherung überflüssig, nur Elbling und Rivaner erreichten öfter nicht den nötigen Alkoholgehalt. Die0,5 Prozent – „eine Versicherung für schlechte Jahre“, sagt Kuhn. Sauer ist Constant Infalt, Vinsmoselle, vor allem, weil es in den vergangenen Diskussionen so dargestellt wurde, als ob nur die nördlichen Länder ihren Wein anreichern. Vor kurzem aber hätte er, der seit 20 Jahren dem Konsultativkomitee der EU-Exekutive fürden Weinbau angehört, völlig andere Daten gesehen. Weil die Kommission die Produktion desMostkonzentrates fördert, weiß sie auch, wo es eingesetzt wird. Die neuen Daten zeigten, dass ungefähr 40 Prozent der italienischen Produktion angereichert würde. Indirekt wurde also nach dem bisherigen System auch die Weinproduktionsubventioniert. Allerdings machten Rivaner und Elbling 2006 die halbe Ernte 2006 aus, da kommt also wahrscheinlich doch öfters Tirlemont zum Einsatz. Mit „Konzentrat“ hätte man die Produktion einstellen müssen, sagt Schumacher. Insgesamt wurden vergangenes Jahr laut Weinbauinstitut 123 652 Hektoliter geerntet. 

Gibt es auch in Luxemburg einen Weinsumpf? Der Lagerbestand betrug 2006 192 124 Hektoliter. Das ist, da sind sich Schumacher, Kuhn und Infalt einig, nicht zuviel. Kaum anderthalb mal die Jahresproduktion, das reiche, um den Verkauf übers Jahr hinweg aufrecht zu erhalten, sagt Schumacher, viel mehr aber auch nicht. Der Wein müsse ja auch erst einmal heranreifen, gibt Kuhn vom Weinbauinstitut zu bedenken. 

Mit den neuen EU-Geldern wird es auch möglich werden, Werbung für den heimischen Wein zu machen, daheim und in Übersee. So will die Kommission bewirken, dass sich die europäische Weinindustrie gegenüber der neuen Weinwelt aus der Defensive in die Offensive begibt. Das kommt der Vinsmoselle sehr gelegen. Die gab am Mittwoch einen Joint-Venture mit dem größten chinesischenGetränkehändler, der Sunrise Commercial Holding, bekannt, zwecks Verteilung der Vinsmoselle Weine im Distributionsnetz der Chinesen. Die Holding macht einen Jahresumsatz von 100 MillionenEuro jährlich, beschäftigt derzeit 2 500 Mitarbeiter direkt. Infaltwird das nächste Jahr vor allem in China sein. Dass er bereit war, vor Ort die Geschicke zu leiten und vor allem, dass er anbot, den gesamten Einkauf internationaler Weine für die Gruppe zu leiten, nicht nur seinen eigenen Wein zu verkaufen  suchte, war seiner Meinung nach ausschlaggebend für die Entscheidung zugunsten der Luxemburger.

Nicht nur verfügt die von Infalt geleitete Schengen Sunrise International Wine Group mit Sitz in Hongkong während 20 Jahren über die exklusiven Einkaufsrechte für das Verkaufsnetz der Sunrise Commercial. Innerhalb der Holding wird eine neue Division der internationalen Weine aufgebaut und auch die wird der Vinsmoselle-Direktor leiten. Damit wird Infalt zu einem mächtigenMann auf dem weltweiten Weinmarkt. Denn Sunrise liefert nicht nur an große Verkaufsflächen, sondern an Hotels, Restaurants und verfügt über eigene Weinshops, deren Zahl von augenblicklich zwölf in fünf Jahren auf 1 000 ausgebaut werden soll. Dort gibt es jetzt schon teure französische Bordeaux und Burgunder.Wenn die und auch eine Veuve Clicquot und auch die Produzenten der Neuen Welt dort in Zukunft präsent bleiben wollen, was für ihre Präsenz im Riesenland China, dessen aufstrebende Mittel- und die Oberschicht dasWeintrinken gerade entdecken, wichtig ist, müssen sie sich ab Januar mit Infalt über die Modalitäten einigen. Von Bedeutungfür die Entscheidung zugunsten der Partnerschaft mit der Vinsmoselle sei auch gewesen, dass die Luxemburger – für das Unterfangen wurde mit Privatinvestoren wie Nico Comes extra einen neue Firma gegründet, die mit zwei Millionen Euro kapitalisierte Schengen Luxembourg Partners (SLP) – bereitwaren zu investieren. Fünf Millionen Euro dick ist die LuxemburgerMitgift. Die soll vor allem ins Marketing investiert werden. Ein Gebiet, auf dem die Vinsmoselle nicht zuletzt mit ihrer Poll-Fabaire-Linie Geschick bewiesen hat. Vor allem Luxemburger Weine, mit Herkunft aus Schengen, will er in China exportieren,denn Schengen ist den ChinesendurchdieVisa-Prozeduren ein Begriff. Infalt arbeitet derzeit parallel an einem Projekt, das zueinem grenzübergreifenden Weinbergmit Namen „Schengen“ führenwürde. So könnte auch die Produktion erhöht werden, falls viele Chinesen das Produkt mögen.

Infalt möchte sich die am Mittwoch beschlossene Reformzugunsten machen. Um sein europäisches Produktbouquet im Drittland China zu promoten, wird er europäische Fördergelder beantragen. Dass seine Projekte wahlfähig sind, daran hat er keine Zweifel. Zeitlich hätten das Joint Venture und die Reformdeswegen für ihn nicht besser zusammenfallen können. Für den Rest hält er wenig von der Reform. Schon weil sie auf falschen Prämissen beruhe. In der Vorbereitung habe sich die Kommission in ihrer Analyse des Marktes auf die Zahlen der Ernte 2004 gestützt. Das sei ein außergewöhnlich reiches Jahr gewesen. Diese Daten habe sie auf 20 Jahre extrapoliert  und daraus ihre Schlüsse gezogen, obwohl man von allen Seiten vor diesem Fehler gewarnt habe. „Sie haben eine konjunkturelle Situation als eine strukturelle hingestellt.“

Dieses Jahr präsentiere sich die Situation laut Infalt bereits völlig anders. Die diesjährige Ernte sei gering ausgefallen, wenn dies im nächsten Jahr auch so sei, drohe ein Engpass. Auch weil die klimatischen Verhältnisse, Trockenheit und Brände, im Süden die Kontinuität der Rotweinproduktion bedrohe. Die Exportsituationhabe sich seither stark geändert. Von einem Exportüberschussvon acht Millionen Hektoliter sei dieser wohl in den vergangenenJahren auf zwei Millionen geschmolzen, dieses Jahr aber wieder auf sechs Millionen Hektoliter angestiegen. Vor allem weil der russische Markt eine Vorliebe für europäische Weine entwickelt hat. Die Exporte aus der EU lagen also im vergangenen Jahr bei rund 17 Millionen Hektoliter, die Importe bei unter zwölf. Auch dieAnalyse der Kommission über die Handelsbewegungen hat sich alsoerst einmal als falsch erwiesen. Ob die Schengen Sunrise International Wine, deren Aufsichtsratchef Nico Comes ist, ihres dazu beitragen wird, dass auch China in den Exportstatistikennach vorne rückt? Bald soll die internationaleWeinsparte ein Viertelder Aktivitäten der Sunrise International Holding ausmachen. 

Michèle Sinner
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