Gartenbauzone

Gemüsemarkt mit Tücken

d'Lëtzebuerger Land du 23.08.2001

In Luxemburg-Mühlenbach stehen Gewächshäuser, in denen Musik aus dem Radio kommt. "Ich frage meine Pflanzen, was sie gerne hören möchten", sagt Niki Kirsch verschmitzt. Und meint damit, dass man viel Liebe zum Beruf brauche, um Gemüsegärtner zu sein. "Ich habe eine 60-,70-Stunden Arbeitswoche. Urlaub höchstens im Januar." Und die Musik, sie dient vor allem der Unterhaltung der vier Angestellten, die der Gärtner in seinem Betrieb beschäftigt. Den Rest der Arbeit erledigen er selbst, seine Frau und sein Sohn.

Kirsch ist Präsident der Luxemburger Gartenbauföderation. Die zählt im Moment hundert Mitglieder, aber nur ganze zwei Gemüsegärtner; neben Niki Kirsch einen Bio-Gärtner in Mamer. Was ein Indiz für die schlechte Verfassung ist, in der sich die Branche hier zu Lande befindet. Das war nicht immer so: Um die Jahrhundertwende gab es allein um die Hauptstadt rund 250 Gemüsegärtnereien, Familienbetriebe mit einer Anbaufläche von im Schnitt 20 bis 30 Ar. Abgesetzt wurden die Produkte auf dem städtischen Markt - damals gab es weder Supermärkte noch Importprodukte. Doch schon mit dem Zustandekommen der luxemburgisch-belgischen Wirtschaftsunion öffnete sich der hiesige Markt für Importe aus dem Nachbarland, angebaut in oftmals größeren und spezialisierteren Betrieben, die zudem oft noch in klimatisch günstigeren Regionen lagen. EWG, EG und der weitere Abbau von weltweiten Handelsbeschränkungen folgten und folgen der gleichen Logik. Heute sind die Supermärkte das ganze Jahr über voll von allen nur denkbaren Produkten aus allen möglichen Ländern. Die Preise dort sind günstig - und haben Luxemburg im Obst- und Gemüsesektor ein Handelsbilanzdefizit eingebracht, das in der Administration des services techniques de l'agriculture (Asta) im Landwirtschaftsministerium seit 1990 auf "furchtbare" über drei Milliarden Franken beziffert wird. Damals standen Importen im Werte von 3,5 Milliarden Exporte von nur 300 Millionen gegenüber, und an diesem Verhältnis, sagt Carlo Conter, Leiter der Division horticulture der Asta, habe sich seitdem nichts geändert. Obendrein seien in den Exporten nicht nur Obst und Gemüse enthalten, sondern auch Folgeprodukte wie Lëtzebuerger Drëppen. Einer für den Sektor erstell-ten Studie aus dem Jahre 1996 zufolge betrug 1994 der Marktanteil von heimischem Obst und Gemüse lediglich 0,91 Prozent. Laut Berechnungen der Asta wird dieser Anteil bis heute nicht wesentlich überschritten.

Die problematische Lage der Branche schreckte schon vor einem Vierteljahrhundert die Regierung auf. 1977 entstand das erste Projekt, mit staatlicher Hilfe Gewächshäuser in der Nähe eines Hochofenwerkes der Arbed zu errichten, die Produktionswärme von dort zur Beheizung der Treibhäuser zu nutzen und interessierten Gemüsebauern eine Produktion mit vorteilhaften Energiekosten zu garantieren. Doch der Plan schlug fehl, und über Projekte kam man bislang nicht hinaus. Unterdessen ging das Gemüsebauern-Sterben weiter: im Umkreis der Hauptstadt verlockte vor allem die Urbanisierung des Kirchbergs dort ansässige Produzenten entweder zur freiwilligen Geschäftsaufgabe wegen der gestiegenen Grundstückspreise, andere wurden enteignet. Als Kompensation kam unter der CSV-LSAP-Regierung Anfang der 90-er Jahre erneut die Idee auf, eine Zone horticole einzurichten, um der Branche neues Leben einzuhauchen. Schon seit 1996 reift der Plan, bei Itzig nahe dem DuPont-Gelände insgesamt 20 Hektar Gewächshausfläche zu errichten. Ansiedeln könnten sich hier, meinte die dazu im März 1992 gegründete interministerielle Arbeitsgruppe, sechs bis zehn Betriebe.

In der Zwischenzeit hat dieses Projekt an Kontur gewonnen. Im Gegensatz zu den Überlegungen der End-70-er, die nur die Bereitstellung einer Infrastruktur vorsah, die per Nahwärmenutzung den Gärtnern günstige Energiepreise garantieren sollte, soll die Itziger Zone horticole als öffentliches Projekt betrieben werden: das Land wird vom Staat aufgekauft und soll den Betreibern über lebenslange Erbpachtverträge übertragen werden. Für Straßen, Wege, Strom und Telefonleitungen will der Staat ebenfalls aufkommen. Nur die Gewächshäuser müssten die Betreiber finanzieren, plus den nötigen Gerätepark.

Der Grundstückserwerb allerdings zieht sich hin. Für drei der benötigten Parzellen wurde ein Enteignungsverfahren eingeleitet, das, so schätzt Carlo Conter, vermutlich erst in zwei Jahren beendet sein dürfte. Doch dieser Zeitverzug hat seine durchaus positiven Seiten. Noch sind viele wichtige Fragen zu klären, damit die Gartenbauzone wirklich zu einem Impulsgeber für die Branche werden kann. Gar nicht klar ist derzeit, wer dort arbeiten könnte und was unter welchen Bedingungen produziert werden soll. Denn das Gemüsebauern-Sterben hat nicht nur den Marktanteil heimischer Produkte sinken lassen. Obendrein ist der Beruf in Vergessenheit geraten. Was wiederum mit dem Absatz der Erzeugnisse zu tun hat - mit von Großanbietern aus Belgien oder den Niederlanden in den Supermärkten verkauften Massenprodukten könnten einheimische Waren nicht konkurrieren, sagt Carlo Conter, ihre Gestehungspreise würden im Schnitt das Doppelte der aus dem Ausland betragen. Ein Finanzproblem, das gerade im Hochlohnland Luxemburg ein Gärtner erst mal bereit sein muss, hinzunehmen. Hinzu kommt das nicht unerhebliche Investitionsvolumen für die Betriebsgründung: zwar sieht das neue Agrargesetz eine Bezuschussung für Gemüsegärtner von 25 Millionen Franken vor. Aber selbst in der staatlich geförderten Zone horticole werden für die Errichtung eines Hektars Treibhausfläche unter Glas 35 Millionen fällig, und für die Anschaffung von Maschinen und Geräten sind nach Niki Kirschs Erfahrung "zehn bis 15 Millionen nicht zu hoch gegriffen".

Unter diesem Blickwinkel hält die Regierung die geplante Zone horticole offen für Betreiber auch aus dem Ausland. Und für solche, die in den Treibhäusern mit DuPont-Heizung eventuell gar kein Obst und Gemüse anbauen wollen, sondern lieber Blumen.

Andererseits jedoch sind die Absatzchancen für Produkte, deren Qualität über dem Mainstream liegt, keines-falls schlecht. Gärtner Niki Kirsch etwa bewirtschaftet momentan 25 Ar unter Treibhausglas, dazu vier Hektar Freiland. Der Mamer Bio-Kollege in der Gartenbauföderation bringt es auf 2,5 Hektar Freiland, die im nächsten Jahr auf 3,5 Hektar wachsen sollen. Dritter größerer Produzent ist der biologisch-dynamisch orientierte Schank-Haff in Hüpperdingen mit 3,5 Hektar Freilandproduktionsfläche. Treibhäuser garantieren, dass theoretisch jede Sorte Obst und Gemüse auch in hiesigen Breiten angebaut werden kann; Niki Kirsch berichtet nicht ohne Stolz, dass bei ihm unter Glas auch Paprika und Auberginen gedeihen, dazu 42 Sorten Küchenkräuter, die immer stärker nachgefragt würden. Kirsch, der seinen Betrieb vor zwölf Jahren auf die so genannte integrierte Anbaumethode umgestellt hat, die auf Pestizideinsatz verzichtet und nur soviel mineralischen Dünger benutzt wie unbedingt nötig, kann sich nach eigener Aussage kaum retten vor Kundschaft, wenn er seinen Stand auf dem hauptstädtischen Markt öffnet. Den  Bio-Gärtnern geht es ähnlich; Jhos Schank aus Hüpperdingen ist froh, dass seit 1988 die Bio-Vermarktungsgesellschaft Biogros existiert: "Müsste ich auf den Markt fahren, bliebe auf dem Hof die Arbeit liegen. In der Zeit könnte ich gut und gern einen Hektar mehr bewirtschaften."

Dass die Nachfrage nicht klein ist, belegte auch die Gartenbaustudie aus dem Jahre 1996. Die Kundschaft hier zu Lande sei bereit, für Obst und Gemüse mehr zu zahlen als im EU-Durchschnitt. Für Frischobst stiegen die Ausgaben pro Haushalt von im Schnitt 8 671 Franken im Jahre 1986 auf 11 137 im Jahre 1993, bei Frischgemüse von 5 445 auf 8 677. Einer Umfrage der Acker-bauschule in Ettelbrück zufolge bevorzugten von 300 befragten Personen Anfang der 90-er Jahre 74 Prozent einheimisches Gemüse, wünschten eine deutlichere Kennzeichnung und waren bereit, für inländische Produkte mehr zu zahlen. Den Vertrauensvorschuss für Obst und Gemüse made in Luxembourg schätzt auch Niki Kirsch als hoch ein: Lëtzebuerger Uebst a Geméis aus integréiertem Ubau steht über seinem Stand; in erster Linie würde die Kundschaft Wert auf das Attribut "Lëtzebuerger" legen. Auch unter den Bio-Gärtnern, die laut Asta momentan gar die Mehrzahl der hier erzeugten Obst- und Gemüseerzeugnisse anbieten, wachsen Nachfrage und Umsatz stetig, bilanziert Änder Schank, Geschäftsführer der Vermarktungsgesellschaft Biogros. Im letzten Jahr betrug der Zuwachs satte 20 Prozent: BSE und MKS hatten auch Obst- und Gemüseverbraucher aufgeschreckt und für Bioprodukte interessiert.

Einen Vorteil besitzt die Bio-Gemüsebranche hier zu Lande schon jetzt: mit Biogros existiert eine Vermarktungs-struktur. Für Produkte aus der konventionellen Landwirtschaft nicht. Auch für das Landwirtschaftsministerium steht und fällt das Projekt Zone horticole damit, ob es gelingt, neben dem Standort der Gartenbauzone eine Vermarktungsgenossenschaft einzurichten. Was vermarktet werden könnte, ist jedoch ebenfalls eine noch offene Frage. Ein Label könnte man kreieren, meint Carlo Conter. Womöglich nicht nur à la Produit du terroir, sondern "vielleicht könnten wir da auch weniger spritzen lassen". Bereits jetzt Produktionsauflagen machen will die Asta jedoch nicht. Auch deshalb, da es derzeit im Lande noch kein Labor gibt, das regelmäßig und im großen Stil Bodenkontrollen und Rück-standsanalysen vornehmen kann. Und auch ein Ausbildungsproblem stellt sich: an der Ettelbrücker Acker-bauschule wird zwar Gartenbau un-terrichtet, aber nach wie vor nach der althergebrachten Nährstofftheorie. We-der Biogärtnerei noch die weniger anspruchsvolle integrierte Methode sind als Spezialisierungsrichtungen vorhanden. Vielleicht ist der Beruf für junge Leute auch deshalb so unat-traktiv: von den rund 220 Gartenbau-Schülern würde die Mehrzahl zum Techniker mit Perspektive Uni-Studium ausgebildet, meint Niki Kirsch, der in der Ackerbauschule der Prüfungskommission beisitzt. Der Rest erlerne Zierpflanzenbau oder Landschaftsgärtnerei; ganze zwei Schüler spezialisieren sich derzeit als Gemüsegärtner.

Verfolgt wird die Entwicklung im Gartenbau auch vom Handel. Vor allem die Cafruta S.A., der Einkaufsbetrieb der Cactus-Supermärkte, hat eine Meinung zum Thema. Cactus habe immer einheimische Produkte unterstützt, von Steinseler Erdbeeren über Viandener Nüsse bis hin zu Äpfeln, Birnen und Pflaumen. Ein ausgewiesener Kundenkreis sei stets bereit gewesen, dafür etwas mehr zu zahlen. Ein Herkunftslabel für Erzeugnisse aus der Zone horticole sei deshalb "das Mindeste", besser wäre eine sachliche Zertifizierung der Produktion nach klaren Kriterien. "Sonst", heißt es aus der Cafruta-Direktion, "setzt man sich in Itzig in Konkurrenz zur Massenproduktion." Und sei auf dem Markt wahrscheinlich chancenlos.

 

Peter Feist
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