Publikumsforschung

Grauhaarige Kulturflaneusen

d'Lëtzebuerger Land vom 20.05.2016

Wissenschaft kann grausam sein. Im Drents-Museum im niederländischen Assen wurden die Eintrittskarten mit RFID-Minisendern ausgerüstet. Die Auswertung der Daten an der Universität Groningen zeigte, dass Besucher einen liebevoll neu eingerichteten Ausstellungsraum ignorieren: Sie laufen einfach vorbei. So genau wollte der bestürzte Kurator das gar nicht wissen.

In angelsächsischen Ländern wird dem Publikum schon lange nachgespürt. Bereits 1916 fotografierte Benjamin Gilman in Boston Besucher des Kunstmuseums, die sich in unbequemen Positionen mühten, unleserliche Begleittexte zu entziffern. Europäischen Kunsttempeln, bequem auf Staatssubventionen gebettet, ist es dagegen erstaunlich lange gelungen, Evaluation zu vermeiden. „Kultur für alle“ proklamierten vor Jahrzehnten deutsche Politiker. Unsentimentale Statistiken, laut denen trotz Vervielfältigung der Angebote nach wie vor nur 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung oft und gern in Museen gehen, stören da vielleicht nur.

Seit den 1980er Jahren wird auch im deutschsprachigen Raum zunehmend Musisches vermessen. Große Häuser wie das Deutsche Museum in München oder das Jüdische Museum in Berlin leisten sich mittlerweile eigene Abteilungen für Publikumsforschung. Andere arbeiten mit entsprechenden Spezialisten zusammen, zum Beispiel dem Karlsruher Zentrum für Evaluation und Besucherforschung oder der Heidelberger Arbeitsgruppe für empirische Bildungsforschung. Vor allem werden anwendungsorientierte Marktstudien verlangt, stellt Patrick Glogner-Pilz in einem neuen Handbuch fest: „Die akademische Grundlagenforschung steckt noch in den Anfängen.“

Mehr als die Hälfte aller bisherigen Besucher-Studien wurde nicht veröffentlicht. „Die Museen tauschen sich über ihre Ergebnisse wenig aus“, bedauert die Forscherin Nora Wegner: „Gemeinsame Lernprozesse oder gar Befragungsansätze sind bislang die Ausnahme.“ Meist würden nur Daten erhoben, die sich mit standardisierten Fragebögen gut erfassen lassen, etwa Alter und Geschlecht der Besucher. Über schwieriger herauszufindende Motive des Besuchs oder Fernbleibens wisse man dagegen noch nicht viel – dazu bräuchte es aufwändige Interviews, Beobachtungen, Experimente oder andere innovative Methoden. Die Kulturwissenschaftlerin Birgit Mandel argwöhnt, in den hehren Hallen wolle man gar nichts erfahren über Einstellungen und Rezeption: „Das Produkt soll durch empirisch ermittelte Publikumsbedürfnisse nicht beeinflusst werden.“

Nach diversen Studien steht jedenfalls fest, dass Museumsbesucher selten alleine kommen und überwiegend weiblich sind. Männer gehen freiwillig in Technik-Sammlungen; wenn ihre Kinder dabei sind, darf es auch ein Natur- oder Freilichtmuseum sein. Zu zeitgenössischer Kunst lassen sie sich allenfalls von ihrer Partnerin schleppen. „Der Publikumstyp ‚Begleiter’ besucht kulturelle Angebote, obwohl er sich selbst dafür weitgehend nicht interessiert“, erläutert die Soziologin Susanne Keuchel: „Soziale Aspekte sind häufig als Motivation wesentlich wichtiger als inhaltsspezifische Interessen.“ Manche tappen auch ganz im Dunkeln: Ein Prozent der Besucher gab an, sie seien „zufällig“ da.

Besonders bei kulturgeschichtlichen Ausstellungen werden Individualbesucher immer älter. Im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe zum Beispiel nahm der Anteil der über 50-Jährigen seit 1997 von einem Viertel auf zwei Drittel zu; Besucher bis 30 Jahre machten zuletzt nur noch 10 Prozent aus. Kuratoren dürfte es da zur Verzweiflung bringen, dass Nicht-Besucher eine „zu starke Ausrichtung auf junge Zielgruppen“ als einen Haupt-Hinderungsgrund angeben. „Zu hohe Eintrittspreise“ wird zwar an erster Stelle genannt, aber bei Nachfragen meist relativiert – Musical-Tickets sind ja auch nicht billig. Abschreckend seien vor allem fehlende Informationen über das, was die Besucher erwartet. Manche Kreise gehen grundsätzlich nicht ins Museum, wenn Nachbarn sie dabei sehen könnten, sagt der Soziologe Volker Kirchberg: „Es gibt auch Statusmotive des Hochkultur-Nichtbesuchs.“

Das traditionelle Bildungsbürgertum stirbt aus oder zersplittert zumindest in immer kleinere Milieus. Neuer Grundtypus ist der sprunghafte „Kulturflaneur“: heute Oper, morgen Rockkonzert oder Poetry-Slam oder sonst was. Kulturbetriebe haben allen Grund, verunsichert zu sein, findet der Berater Patrick Föhl: „Sie verlieren zunehmend ihre Stammkunden, ein verlässliches Besuchsverhalten und damit ihre Planungssicherheit.“

Mehr über das Publikum zu erfahren, ist trotzdem nicht allen ein dringendes Bedürfnis. Bei einer Umfrage des Zentrums für Audience Development der Freien Universität Berlin antworteten von 568 angeschriebenen Museen nur 174. Davon wiederum gab nur ein Drittel an, Besucherforschung sei für sie „sehr praxisrelevant“. Die meisten Museen verteilen zwar ab und zu Fragebögen. Die Ergebnisse enden aber wohl wie Gästebücher oder Berichte von Aufsichtspersonal ohne Auswertung in irgendeiner Schublade.

Patrick Glogner-Pilz, Patrick S. Föhl (Hrsg.): Handbuch Kulturpublikum. Forschungsfragen und -befunde, Springer-Verlag, Wiesbaden 2016
Martin Ebner
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