Kleine Museen

Die Zukunft der Heimat

d'Lëtzebuerger Land vom 20.05.2016

In einer alten Mühle am Rande der Stadt, im alten Schulhaus über krumme Stiegen, im baufälligen Schloss hinter schweren Vorhängen versteckt, verborgen, verkümmert die Geschichte der Heimat in unüberschaubar vielen Ausstellungsstücken: das Heimatmuseum. Ursprünglich dienten sie dazu, das Bewusstsein der Bevölkerung für Heimat, Tradition, Brauchtum und Geschichte zu fördern und zu pflegen. Damit übte es eine gesellschaftspolitisch integrative Funktion aus. Historisch gesehen erfolgte in Europa die Gründung solcher lokalen und regionalen Museen in mehreren Phasen. Unter Geschichtswissenschaftlern gilt die These, dass je später sie gegründet wurden, desto mehr wurde ihre Nähe zur Volkskultur betont. Vor allem zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gab es eine Gründungseuphorie für Heimatmuseen. Getragen wurde diese als ein Identifikationsgegenpol zu neuen Lebensrealitäten in der industriellen Revolution, Urbanisierung und beginnender Globalisierung, aber auch aus einer gewissen Agrarromantik heraus. Insbesondere Angehörige der bürgerlichen Mittelschicht wie Lehrer, Geistliche und Apotheker verspürten damals ein starkes Bedürfnis nach einer Beschäftigung mit ihrer lokalen und regionalen Geschichte, dem örtlichen Brauchtum und spürten Besonderheiten der eigenen Heimat nach – in Abgrenzung auch zur anwachsenden Zahl der Arbeiter. Das kleine, örtliche Museum wurde zum Anker- und Identifikationspunkt des Konservativen gegenüber der Industrialisierung und der damit verbundenen Modernisierung der Gesellschaft.

Diese Gründungswelle führte zu einem eigenen Markt für bestimmte Objekte, wie etwa land- und hauswirtschaftliche Geräte aus den Zeiten vor der Elektrifizierung. Auch Zunftstäbe, Zunfttruhen, Trachten, Familien- und Landschaftsfotografien sowie besondere regionale Erzeugnisse. Die Sammlungen wurden dann eher zu einem Sammelsurium denn zu einer wissenschaftlichen oder historischen Darstellung. Die Mäzene, Kuratoren oder Direktoren der kleinen Museen gingen oftmals ihrer eigenen Sammelleidenschaft nach höchst persönlichen Vorlieben nach, um nicht selten einen fragwürdigen Bildungsauftrag nach eigenem Gutdünken zu leben. Abgestaubt und entrümpelt wurde selten und so haftete den Heimatmuseen schnell der Ruf einer langweiligen Kitsch- und Trödelbude an, die in der Publikumsgunst wie der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit kaum einen Stellenwert hatten.

Heute hat sich das Bild gewandelt. Ort- und Heimatmuseen zu einem Ort überaus vielfältiger kommunikativer Möglichkeiten geworden. Ein Beispiel dafür ist der Kulturhuef in Grevenmacher. Er ist nicht mehr die trocken-staubige, muffig riechende Asservatenkammer der Stadtgeschichte, sondern ein Museum, das Schwerpunkte setzt, um Übersicht zu schaffen und sich selbst zu beschränken – denn weniger ist oftmals mehr.

So ist ein Teil des Hauses das Spielkartenmuseum Jean Dieudonné. Es ist dem Gründer einer Kartenmacher-Dynastie gewidmet, der sich 1754 in Grevenmacher niederließ und in erster Linie Spielkarten für den ausländischen Markt produzierte. Schon damals schafften die Steuervorteile in Luxemburg optimale Voraussetzungen für das Handwerk. Seine Nachkommen führten die Manufaktur weiter, bis 1880 die Produktion eingestellt wurde. Das Museum zeichnet nicht nur die historische Entwicklung anhand von Spielkartenmotiven aus dem Hause Dieudonné nach, sondern zeigt auch die sich im Laufe der Zeit verändernden Produktionsprozesse. Partner des Grevenmacher Museums ist dabei das Musée national d’histoire et d’art aus der Stadt Luxemburg, das die meisten Exponate als Leihgabe zur Verfügung stellt. Dies stärkt die Sammlung und auch die Qualität der Ausstellung an der Mosel.

Dieser besonderen Geschichte verpflichtet, ergründeten die Museumsmacher das alte luxemburgische Kartenspiel „Mënsch“ wieder – nicht nur in einer historisch-dokumentierenden Darstellung, sondern auch in gelebter, gespielter Weise: Das Kartenblatt kann im Museumsshop gekauft, die Spielanleitung – in luxemburgisch – über die Webseite des Museums heruntergeladen werden. Aus der Spielkartengeschichte der Region leitet sich ein weiterer Schwerpunkt des Museums ab, in dem es sich Druckmaschinen und dem Druckereiwesen Luxemburgs der Jahre 1850 bis 1950 widmet. Diese Zeitspanne ist bewusst gewählt, da mit dem Einzug des Offsetdrucks der klassische Buchdruck immer mehr an Bedeutung verlor.

Doch der Kulturhuef hat wie viele kleine Museen seine Grenzen in der Erforschung, der Darstellung und Aufbereitung seiner Sammlungen. Sie liegen abseits touristischer Trampelpfade und müssen auch für Einheimische interessant bleiben, ohne ein großes Budget, das spektakuläre Sonderausstellungen erlaubt. Dazu trägt heute in erster Linie die Präsentation der Sammlung bei. Kleine Museen setzen viel stärker auf moderne Technik oder die Methode der Szenografie. Sie inszenieren ihre Exponate in sogenannten Erlebnisräumen, führen die Besucher klar und strukturiert durch die Sammlung, setzen auf interaktive Computerstationen und Multimediaangebote, die – und auch darin liegt ein Risiko für kleine Museen – den eigentlichen Weg in die Ausstellung überflüssig machen, da ja ohnehin alles im Internet zu finden ist und man sich so das Eintrittsgeld sparen kann. Zudem müssen sie ganz ohne Event und große Namen auskommen.

Dem begegnet der Kulturhuef einerseits mit Workshops, die eine Verbindung zwischen statischer Sammlung und dynamischer Arbeit mit den Museumsinhalten herstellt. Mehr noch aber zählt eine Besonderheit in Grevenmacher, die aus dem Heimatmuseum eben einen Kulturort macht: Der Kulturhuef betreibt ein eigenes Kino mit wöchentlich wechselndem, recht aktuellem Programm. Dies ist auch ein Beitrag zur Wahrung lokaler Tradition und Geschichte aus der Zeit heraus, als es auch in kleineren Städten und Orten noch einen Filmsaal gab.

Martin Theobald
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