Carsharing in Luxemburg-Stadt

Teilzeitautomobil

d'Lëtzebuerger Land vom 27.01.2012

Knapp ein Jahr ist es her, dass die Gemeinde Luxemburg erhob, wie die Einwohner ihr Auto nutzen. Und herausfand, dass 42 Prozent der Autobesitzer unter den Befragten ihr Gefährt nicht täglich gebrauchen und 72 Prozent interessiert waren an Carsharing in der Stadt. Worauf der Schöffenrat letzten Sommer erklärte, man mache ein Projekt dafür.

Unterdessen ist es weiter gediehen. Im Dezember traf bei Mobilitätsschöffen François Bausch (Grüne) ein Wirtschaftlichkeitsgutachten aus ei-nem Expertenbüro ein. Aus ihm lasse sich ein Lastenheft für einen Carsharing-Betrieb aufstellen, und das werde der Schöffenrat in den nächsten Wochen tun, sagt Bausch dem Land. Stimmt der Gemeinderat zu und lässt der Nachhaltigkeitsminister in bestimmten Punkten den Code de la route ändern, könne das Auto-Teilen noch dieses Jahr starten.

Ein wenig überrascht es schon, dass Carsharing in Luxemburg-Stadt funk-tionieren soll. Auch wenn rund ein Viertel der Bürger ohne eigenes Auto und damit potenzielle Kunden sind: Mit 95 000 Einwohnern ist die Stadt klein im Vergleich etwa zu München, wo in den Siebzigerjahren in Deutschland Carsharing auf Vereinsbasis seinen Anfang nahm. Oder verglichen mit dem Großraum Boston, wo im Jahr 2000 Zipcar gegründet wurde, das heute weltweit größte Carsharing-Unternehmen. Und ist nicht Carsharing eigentlich eine Auto-Vermietung?

Im Grunde ja, sagt Jean-Paul Moes, stellvertretender Direktor von Europcar Luxemburg. Er verfolgt die Pläne der Hauptstadt aufmerksam, denn womöglich könnte die Gemeinde das Carsharing ausschreiben. Doch Europcar International in Paris, von dem die Luxemburger Firma nur Franchise-Nehmerin ist, habe schon abgewinkt: Sowas mache man als Pilotprojekte in größeren Städten, in Hamburg und in Wien zum Beispiel.

„Bei uns wird es nicht auf Gewinne ankommen“, hält François Bausch dagegen. „Es wird reichen, wenn das Carsharing kostendeckend ist.“ Details kann er noch keine nennen, weil der Schöffenrat das Thema noch nicht diskutiert hat. Der Schöffenrat wird auch entscheiden, ob das Projekt ausgeschrieben oder eine eigene Gesellschaft gegründet wird. Bausch persönlich wäre Letzteres am Liebsten: eine S.A. mit kommunaler Mehrheit, an der sich Partner beteiligen. „Kein Autohändler, aber die CFL beispielsweise.“

Der Vorschlag zum Geschäftsmodell scheint durchaus ein paar Finessen zu enthalten. Ein Massenverleih winziger Elektromobile wie in Paris und quasi als Pendant zum Vel’oh-System ist nicht angedacht. Stattdessen könnten „in jedem Quartier der Stadt zehn bis 20 Autos auf reservierten Plätzen“ zur Verfügung stehen – vom Kleinwagen bis zum Familienmobil, und vielleicht auch Kleintransporter. Damit es rentabler wird, könnte die Gemeinde Teile ihres Fuhrparks einbringen, sagt Bausch, der auch Finanzschöffe ist: „Da sparen wir viel Geld, denn unsere Autos werden längst nicht ständig genutzt.“ Ein Teil der Beamtenschaft erhielte dann statt Dienstwagen eine Car-sharing-Magnetkarte.

Ob es möglich sein wird, ein Auto etwa in Bonneweg zu entnehmen und in Belair abzustellen, sei noch zu klären, sagt Bausch. Die Tarife für die Dienstleistung würden nach Ausleihdauer und Kilometern gestaffelt. Man werde sie „in etwa vergleichen“ können mit denen der belgischen Car-sharing-Firma Cambio.

Ein Blick in die Tarife unter cambio.be aber zeigt: Preiswert kommen da nur Kurzmieter weg. Je nach Fahrzeugklasse liegt der Stundentarif bei zwei bis 4,20 Euro, der Kilometertarif bis 100 Kilometer zwischen 35 und 43 Cent und darüber bei 23 bis 28 Cent. Einen Kleinwagen zwei Stunden zu leihen und 50 Kilometer zu fahren, kostet 21,50 Euro, Sprit inklusive. Tagesausflüge werden teurer: Dann gelten pauschal 23 Euro in der kleinsten und 42 Euro in der größten Wagenklasse, plus Kilometergeld. Ein Trip nach Brüssel im VW Polo käme über 120 Euro zu stehen. Die meisten Autovermieter dürften da attraktiver sein, auch wenn Sprit extra kostet.

So sei das auch gedacht, sagt Bausch: „Carsharing wird interessant, wenn man stundenweise mietet.“ Und für den Tagesausflug sei vielleicht die Bahn am besten. Vor diese Wahl würde gestellt, wer den eigenen Wagen aufgibt und nur noch auf Carsharing, Vermieter und den öffentlichen Transport setzt. Bausch hofft, es werden viele Stater Bürger sein. In der Befragung letztes Jahr hatten 45 Prozent der Teilnehmer erklärt, gäbe es Carsharing in der Stadt, würden sie ihr Auto glatt verkaufen.

Peter Feist
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