Mononukleotid-Polymorphismen

Relativ relativ

d'Lëtzebuerger Land vom 22.03.2013

Gentests, die nach Mononukleotid-Polymorphismen forschen, sind ein Kompromiss an Aufwand und Aussagekraft. Dabei wird nicht etwa das gesamte Genom eines Menschen sequenziert und interpretiert, denn das kostet nach wie vor ein Vermögen. Zwar sind die Kosten dafür dramatisch gefallen. Die allererste Komplettsequenzierung kostete 2,7 Milliarden US-Dollar und es dauerte 13 Jahre, bis sie im Jahr 2000 abgeschlossen war. Heute erledigen das spezialisierte Labors innerhalb von Stunden und zu Preisen, die in der Regel im fünfstelligen, manchmal aber auch nur im vierstelligen Bereich liegen. Trotzdem ist der mit zehn Millionen Dollar dotierte Archon X Prize noch immer nicht vergeben. Er winkt dem Team, dem es gelingt, innerhalb von zehn Tagen hundert menschliche Genome mit einer „noch nicht erreichten Genauigkeit“ zu sequenzieren. Genauigkeit aber ist verlangt, wenn Genomsequenzierungen klinisch relevant werden sollen. Dafür sind Mehrfachlesungen und Re-Interpretationen nötig. Was Kosten und Zeitaufwand für die Sequenzierungen dann noch wieder steigert.

Um dieses Problem zu umgehen, wird in der Praxis häufig nur der Teil des Genoms sequenziert, der die Gene enthält, die Kodes zur Herstellung von Proteinen repräsentieren. Oder es wird nach „bekannten“ Abweichungen auf DNA-Abschnitten gefahndet, den Mononukleotid-Polymorphismen. Solche Abweichungen sind normal und machen die Individualität des Menschen aus. Weshalb sich aus seiner „genotypischen“ Beschaffenheit auch „phänotypische“ Merkmale wie die Körpergröße oder die Augenfarbe ergeben. Und eine Prädisposition, die einen Ausbruch der einen Krankheit irgendwann im Leben wahrscheinlicher werden lässt als das Risiko, von einer anderen befallen zu werden.

Doch die exakte Zuordnung von Genotyp zu Phänotyp ist ein Work in progress. Zwar existiert dafür schon seit längerem eine Art Kartografie. Doch mit jeder Komplettsequenzierung eines Genoms werden nicht nur neue Mononukleotid-Polymorphismen entdeckt, sondern viele genetische Schreibfehler. Als der amerikanische Genomik-Pionier Craig Venter 2007 sein Genom sequenzieren ließ, wies es über vier Millionen Abweichungen vom „Referenz-Genom“ auf, das im National Center for Biotechnology Information in Bethesda (Maryland) aufbewahrt wird – rund 30 Prozent davon waren neu für die Wissenschaft.

Und nicht nur das: Die meisten dieser Abweichungen waren Mononukleotid-Polymorphismen, ein Fünftel aber betrafen größere Hinzufügungen, Löschungen oder Neuanordnungen in der DNA. So etwas tritt ebenfalls in jedem Menschen auf und es hat Folgen. Allerdings weiß man noch kaum, welche. Und Gentests, die nach Mononukleotid-Polymorphismen suchen, erfassen diese Art von Abweichungen ohnehin nicht. Was die sowieso nur relativen Angaben über mögliche Erkrankungsrisiken aus den vereinfachten Tests noch weiter relativiert. Peter Feist

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