Jeder Fünfte glaubt an die Hölle

Vernünftige politische Entscheidungen

d'Lëtzebuerger Land vom 17.02.2011

Die Aufstände in Tunesien und Ägypten gaben der Diskussion neue Nahrung, ob Muselmanen nicht zu sehr in ihrem religiösen Glauben gefangen seien, um autonome politische Subjekte und damit reif für die parlamentarische Demokratie zu sein. Sie ist eine Fortsetzung der auch hierzulande lange und emsig verbreiteten Darstellung, dass Ko­lonialvölker zumindest bis zur Erleuchtung durch die Missionierung Opfer ihres finsteren Aberglaubens und damit für ihre politische Selbstbestimmung ungeeignet seien.

Wären tatsächlich allgemeine, freie und geheime Wahlen nicht ohne das Erbe der europäischen Aufklärung möglich, stellte sich die Frage, ob hierzulande genügend Wähler in der Lage sind, von der Vernunft geleitete politische Entscheidungen zu treffen. Denn weit über die Hälfte der Leute und wohl auch der Wahlberechtigten glaubt an das Irrationale und Übernatürliche.

Laut der 2008 europaweit durchgeführten und nun vom Ceps Kapitel für Kapitel veröffentlichten Euro­pean Values Study glauben 28 Prozent der in Luxemburg befragten Personen an die Existenz eines persönlichen Gottes, das heißt einer allmächtigen und allwissenden Autorität, wie der im Himmel thronende Patriarch der Bibel und der griechischen Mythologie.

Weitere 36 Prozent glauben an die Existenz eines abstrakteren Gottes in Form eines Geistes oder einer lebensspendenden Kraft. Diese Vorstellung aus primitiven Schöpfungsmythen und asiatischen Religionen wurde wieder durch New-Age-Mystik und Fantasy-Literatur populär. Eine modische Variante ist der ökologische Animismus, der die Natur oder die Erde als Organismus deutet, der mit Trauer oder Rache auf die Umweltverschmutzung reagiert.

Ein weiteres Fünftel aller Befragten ist sich nicht sicher, ob und wie es sich Gott vorzustellen hat. Was bedeutet, dass es ihn lieber für ein sein Verständnis übersteigendes Myste­rium hält, als seine Existenz zu bestreiten. Ein Teil dieser Zweifler nennt sich wohl Agnostiker, weil dies für eine versöhnlichere Variante des oft streitbaren Atheismus gehalten wird.

Unter dem Strich glauben also zwei von drei Befragten an Gott als übernatürliche Person oder Geist und ein weiteres Fünftel will seine Existenz nicht ausschließen. Fast zwei Drittel erklären, täglich, häufig oder manchmal zu beten, also mit einem unsichtbaren, übernatürlichen Wesen zu sprechen.

41 Prozent der Befragten glauben an ein Leben nach dem Tod, etwa in Form einer dem Körper eines Toten entweichenden und fortbestehenden Seele. Weitere 22 Prozent an eine Reinkarnation, das heißt eine Wiedergeburt durch den Übergang der Seele eines Verstorbenen in einen neuen Menschen oder ein anderes Lebewesen. Zwei von drei Befragten meinen also, dass sie nach dem Tod in einer Geisterwelt fortbestehen.

Jeder Vierte glaubt an die Existenz des Paradieses, eines unsichtbaren Ortes, der die Toten nach einem gemäß den religiösen Geboten geführten Leben aufnimmt. 18 Prozent der Befragten glauben an die Existenz der Hölle, wo die Toten bestraft werden, die zeitlebens gegen die re­li­giö­sen Gebote verstießen. Nach dem Glauben an die Existenz des in der katholischen Theologie an Bedeutung verlierenden Teufels hatte die European Values Study nicht gefragt.

Jeder Fünfte glaubt an die übernatürliche Wirkung von Amuletten und anderen angeblich mit einem Schutzzauber behafteten Glücksbringern, Maskotten und Talismanen. Nicht gefragt worden war nach dem weit verbreiteten Glauben an Astrologie und Horoskope, die hierzulande selbst sich für aufgeklärt haltende Zeitungen täglich abdrucken.

Laut der Wahlanalyse Les élections législatives et européeennes de 2009 au Grand-Duché de Luxembourg (d‘Land, 4.2.11) ist beispielsweise die CSV die Partei mit dem höchsten Anteil katholischer und die Lénk die Partei mit dem höchsten Anteil buddhistischer Wähler. Doch über solche parteipolitischen Loyalitäten hinaus hat der Glaube an das Irrationale eine politische Dimension. Denn wer an übernatürliche Mächte glaubt, glaubt auch an eine mystische Vorbestimmung und an ein Schicksal, dem er die Verantwortung für das eigene Tun und dasjenige anderer ganz oder teilweise überträgt.

Vertraut man den Umfrageergebnissen der European Values Study, dann könnte mehr als die Hälfte der Bevölkerung und wohl auch der Wähler Behauptungen bejahen wie: „Wissenschaft hat ihren Platz, aber es gibt viele wichtige Dinge, die der menschliche Geist nie verstehen kann.“ Oder: „Eines Tages wird sich wahrscheinlich herausstellen, dass die Astrologie viele Dinge erklären kann.“ Oder gar: „Kriege und so­ziale Unruhen werden vielleicht eines Tages durch ein Erdbeben oder eine Flut beendet, welche die ganze Welt zerstört.“ Sie gehören zu den 30 Sätzen in der berühmtenF-Skala, mit der Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson und Sanford nach der Niederschlagung des Faschismus The Autho­ri­ta­rian Persona­lity zu ermitteln versuchten.

Monique Borsenberger, Paul Dickes, Religions au Luxembourg. Quelle évolution entre 1999-2008 ? Cahier du Ceps 2001-02, www.ceps.lu
Romain Hilgert
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