Guten Appetit, Brüder und Schwestern

Gute Wölfe, guter Hirt

d'Lëtzebuerger Land du 22.03.2013

Der Papst fährt U-Bahn. Die ganze Zeit fährt er auf allen Sendern U-Bahn, dann tanzt er wieder Tango, in den Favelas, vielleicht mit Maria Magdalena, oder wäscht Füße, er kann nicht anders. Darauf hat die Kirche gewartet und die Welt mit den bösen Banker-Bonzen: auf die Demut, den sanften Blick. Er bergpredigt ein bisschen, nicht zu viel; die Medien haben es immer eilig, sie gehen nicht zu Fuß den Ölberg hinauf. Einen kleinen Scherz schickt er hintendrein, den kann man immer gut gebrauchen in diesen Zeiten. Guten Appetit, Brüder und Schwestern, kommt an die Tafel des Herrn, alle. Franziskus, sind die anderen Geschlechter auch erlaubt, wenn sie brav sind?

Berlusconi, Ätschbätsch! Das hast du jetzt davon, von deiner traurigen Haarplantage, deinem einoperierten Siegergrinsen. Die Zeit der Zweimeterblondinen in deinen multiplen Fernsehstationen, die sich liebevoll auf die Glatzen greiser Gnome stützen, dabei lüstern Nüstern blähen, voluminöse Lippen schürzen, ist vorbei. Gier, Wollust, Eitelkeit, ihr Todsünden, ihr könnt einpacken, keiner kauft euch mehr! Ein Lendenschurz, ein paar Jesuslatschen, dazu ein wackliges Brillengestell tun es auch schon. Nur der Teufel trägt Prada-Pantöffelchen.

Wir wollen jetzt lieber wieder gut sein, es ist viel schöner, gut zu sein. Es ist so eine Sehnsucht unter dem Menschen. Das sagen auch die Experten, auf allen Kanälen. Wer sich mit dem Parfum Egoiste besprüht hat, kann gleich verduften. Es kommt eine neue Zeit, jetzt. Als sie zur letzten Wintersonnenwende aus den Schweizer Bunkern krochen und vom Pyrenäenberg runter krabbelten, rieben sie sich die Augen, und siehe, es ward Licht. Und überall war Energie, und Spirit, sie tanzten im Dschungel, die Indianer lächelten. Schwingungen vom Feinsten, gratis, für euch, für uns, man muss sich nur einschwingen. Kriechen nicht überall jetzt die Menschen aus ihren Höhlen und Reihenhäuschen, um sich zu empören, wenigstens ein bisschen, und posten sie nicht überall allerhand Verdammenswürdiges, was dann auch gleich ganz viele verdammen? Über die Banker zum Beispiel, die kaum je ein Like bekommen und denen man nur Mali an den Hals wünscht, nicht gerade christlich. Sind die Banker überhaupt im Schöpfungsplan vorgesehen, Franziskus?

Aber dann bekennen sich die aufgewachten Menschen wieder zu einem guten Gedanken, zu etwas, was der Dalai Lama gesagt hat. Oder jetzt vielleicht der Papst.

Die empfindsamen Menschen liken Tiere mit Säbelzähnen und Stacheln und streicheln Wolfshaie. Sie sind nett zu Wölfen, die gar nicht groß und böse sind, das war reine Diskriminierung. Da muss ein Wolf schon sehr hungrig sein, dass er Sie verspeist, zum Brunch, wenn Sie vorbei joggen, an einem hiesigen, diesigen Frühlingsmorgen. Sie müssen ja nicht unbedingt nackt vollmondjoggen. Dann brauchen Sie sich nämlich nicht zu wundern, Fräulein, wenn der Wolf auf komische Gedanken kommt. Rotkäppchen, Bambi, Häschen in der Grube, ihr könnt auch gern eine Demo machen oder eine Selbsthilfegruppe gründen, das sei euch unbenommen, alle dürfen mittun, wir sind das Volk.

Man muss die alten Muster hinter sich lassen. Die empfindsamen Menschen spüren das. Sie radeln bleich durch die coolen Gettos in Geschäfte, in denen sie ihre in flexiblen Kreativjobs ergatterten Hungerlöhne gegen Bleiches, aber auch Grünes eintauschen, in dem garantiert nichts Animalisches drin ist. Die Allerfortgeschrittensten ernähren sich von Licht und werden immer erleuchteter. Die, die noch nicht so weit sind, suchen Tauschgruppen auf und tauschen sich dort aus. Ich lese dir ein tolles Gedicht vor, es ist einen Kilometer lang, krieg’ ich dafür ein Mammutschnitzel? Oder wenigstens eine Bockshornkleefrikadelle? Tauschen ist manchmal etwas umständlich, die bleichen, aber zähen Menschen radeln etwas weiter zum regionalen Währungskreis, der eine wirklich realistische Alternative ist. Ein zehenloser, chinesischer Knoblauch kommt mir sowieso nicht an den Herd, der hat Hausverbot! Aber ist das nicht wieder eine Diskriminierung, sogar zwei??

Wie schwierig ist das mit dem Gutsein, früher nannte man das politisch korrekt.

Michèle Thoma
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