Die kleine Zeitzeugin

Kneipenleben

d'Lëtzebuerger Land du 11.05.2018

Nicht nur die Bienen und die Menschen sterben, sondern auch die Kneipen. Seit 50 Jahren geht das, jetzt hat die Betroffenheit die Politik erreicht. Zuerst waren nur ein paar Jengien betroffen, ein paar Mennien und auch ein paar Jennien, wirklich betroffen, ihr Bistro hat nicht mehr offen. Es ist zu. Es gibt es nicht mehr. Der Wirt tot, die Wirtin in der Algarve, die Nachkommen tun sich das nicht mehr an.

Die Mischung von Altenpflege und Heim für Vereinsamte. Ihr Bistro an der Ecke, an dem sie an der Theke standen und schwiegen. Sich aus- und anschwiegen. Schwer, tief, ab und zu seufzte eine. Ab und zu schob sich einer und ging wie auf Langlaufschiern Richtung WC. Die Zeit war lang. Ab und zu knurrte einer was, der Wirt schob was rüber. Der eine oder andere knurrte zurück.

GeduGeduMajo, es wurde in Minimallyrik kommuniziert. Einer hockte an der Ecke eines Tisches und schaute Richtung Fernseher, aber er sah nicht fern. Egal, es lief was, es lief immer was, und er war da. Und das Bistro auch. Irgendwann rappelten sie sich auf, einer nach dem anderen, grummelten was und schlurften raus. Morgen war wieder eine Nacht.

In der guten alten Zeit signalisierten Kneipenschilder landauf, landab: Hier ist eine Oase, ein Hafen zum Abstürzen, hier kann man auf Hockern hocken und allerhand verzapfen, während der Wirt, gern ein grimmiger Geselle, einen zapft. Manchmal, wenn der oder die Richtige auftauchte, kam Leben in die Bude – es ging um Gott und die Welt und um Mann und Frau. Männer bekamen öfter welche auf die Pfoten, wenn sie sich benahmen wie Idioten, Me Too war noch nicht erfunden. Oft musste die Wirtin, die meist eine handfeste war, schlichten, hin und wieder fiel einer vom Hocker.

Man konnte flippern oder fünf Franken in den Juke-Box-Schlitz schieben, dann mussten alle mit nach „Nights in White Satin“ oder nach „Ne me quitte pas“. Es gab nur ein Programm für alle, niemand war zugestöpselt oder hing an Kabeln, alle gingen im gleichen Boot unter. Und es gab sogar noch welche, die Karten spielten, immer am gleichen Tisch.

Die Misthaufen verschwanden und die Krämerläden und das Wirtshaus bei der Kirche, die Kirche ist zwar noch im Dorf, aber nur noch als ein sich in der Mitte eines steril schmucken Ortskerns langweilendes Kulturdenkmal. Wer soll also nach der Messe ins Wirtshaus gehen, wenn es keine Messe mehr gibt?

Der Untergang des Katholizismus ist auch der Untergang der Dorfkneipenkultur. Der Untergang des rituellen, patriarchalen Suffs. Was nicht so schlimm ist, das Matriarchat kann auch saufen, oder einen Brennnessel-Smoothie zu sich nehmen. Oder das demokratische Kollektiv, aber dieses Kollektiv ist viel zu volatil, um Stammtische zu besiedeln, wir sind alle volatil geworden, deshalb gibt es keine Dorfwirtshäuser mehr. Das Dorf ist volatil geworden, egal wieviel Beton da steht, es gibt das Dorf gar nicht mehr. Nur noch Ansiedlungen, Wucherungen von Einzelkojen oder Kleinfamilienbunkern, jeder dieser Siedler in seiner eigenen Lebenswelt, die mit der des Nachbarn kaum was gemeinsam hat. Außer dass man auf die gleiche Häuserzeile oder Baumreihe glotzt.

Außerdem hat man dem Laster so lange den Garaus gemacht, jetzt möchte man es künstlich beleben. Jetzt, wo alle joggen und bloggen, wo Anti-Alkohol-Kampagnen im großen Stil den Lebensstil des Abendlands, das es nicht gibt, bedrohen, wo der Glimmstängel längst verpönt ist, nur noch prolo, asozial oder kamikaze-intellektuell, wo das Jammern keine Lobby mehr hat und jeder, der sich ausweinen will, freundlich, aber bestimmt an die Therapeutin verwiesen wird – das ist, bitte, dein Problem!

Nun kommt die Politik drauf, dass das Wirtshaus nicht nur Kulturerbe, sondern auch soziales Zentrum ist. Oder auch asoziales, je nachdem.
Jetzt soll das Laster wieder angesiedelt werden in den besiedelten Gebieten, es soll zurück kommen wie der Wolf. Laster light. Ein „Wellkomm- Label“ soll Qualität, Service, Gastfreundschaft, Hygiene, Lebensmittelsicherheit und Nachhaltigkeit garantieren. All das klingt nicht direkt nach wildem Wirtshaussuff, alle sollen miteinander kommunizieren und sich spieltherapeutisch beschäftigen. Das vorgeschlagene Spiel heißt „Up & Down“.

Michèle Thoma
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