Irgend etwas ist geschehen

Wo ist mein Lobbyist?

d'Lëtzebuerger Land vom 04.04.2014

Es ist noch nicht lange her, da glaubte ich vieles, beinahe alles. Ich war ein sehr unmisstrauischer Mensch. Ich glaubte an Gott, den Teufel, den Menschen, an mich, an den netten Onkel Doktor und die Pflänzlein, die im Frühling auf Kommando aus der Erde schießen. Nicht nur an das Gute im Hund. Es wird schon seinen Sinn haben, alles, dachte ich, irgendwie. Ich las Artikel und nahm sie häufig ernst, oder sah Reportagen und hörte Politikern zu und meinte manchmal, sie würden es gut meinen, eigentlich.

Wenn ich pharmazeutische oder antipharmazeutische Studien las, ging ich davon aus, dass sie das Wohl der Menschheit im Auge hatten, selbst wenn sie jeweils zu entgegengesetzten Ergebnissen gelangten. Wenn die Lichtesserfraktion, also die Nichtesserfraktion, ihre Botschaften ins All sandte, freute ich mich über den Erleuchtungsgrad mancher Menschen, auch wenn ich ihm nicht nacheiferte. Ich dachte, wir wären alle unterwegs mit der Mission, Licht ins Dunkel zu bringen, wir würden uns dabei zwar andauernd verirren und vieles miteinander verwechseln, auch uns selber, aber eigentlich wären wir guten Willens. Nur unser Fleisch wäre manchmal schwach, oder unser Geist.

Irgend etwas ist geschehen, ich frag mich was, das macht, dass ich neuerdings ausgiebig das Haupt schüttele oder mich vor Lachen ausschütte, sobald ein Politiker den Mund aufmacht. Das haben sie ja auch nicht verdient. Oder wenn die Expert_innen reden. Ist es mein Alter, vielleicht? Oder das Alter der Welt? Weltklima, Genmais, Wirtschaftsentwicklung in der Ukraine oder in Luxemburg, Tram, pränatale Depression, Windmühlen, sieben Mal am Tag Obst statt fünf Mal, Ritalin für alle. Oder wenn ein neuer Virus vorgestellt wird, im Abendprogramm. Oder ein neuer Krieg.

Lobbyisten huschen durchs Bild, wahrscheinlich bilde ich sie mir ein, sie tuscheln fleißig. Dann lachen sie laut auf und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter, während wir alle Blutdrucksenker und Stimmungsheber schlucken. In Koffer gepackte Geldscheine werden äußerst diskret überreicht. Oder Geldströme fließen durch Kontinente auf Konten, Goldbarren werden durch die Slums gekarrt, während wir Volk befragt werden, ob wir verkehrsberuhigte Zonen wollen oder Ausländer.

Irgendetwas ist geschehen, ist das jetzt ein kosmischer Quantensprung, Herr_in Hellseher_in? Hat es mit dem Weltuntergang von neulich zu tun, der ja verschoben wurde? Ja, blöd, Ihnen glaube ich ja auch nicht mehr. Und der Frau Relativitätstheoretikerin auch nicht. Wer weiß, wer diese Relativitätstheorie in Auftrag gegeben hat, welcher Lobbyist. Ich hätte gern eine absolute Theorie. Eine, die mich nicht im Weltall allein lässt mit NSA und Srel, und meiner Daten-DNA, huch, wo ist sie?

Das gehört natürlich dazu zu so einer Demokratie, die ist mit allem, auch mit Lobby, natürlich. Lobbyist ist übrigens ein Beruf, das kann Ihr Kind werden, oder Sie, das ist ein Studium, neben der IT- Branche vielleicht eines der wenigen zielführenden heutzutage.

Eine offene Gesellschaft, offen für alles. Alle werden abgehört, besser als abgeknallt, also die, die etwas zu sagen haben, Fuck Europe! zum Beispiel oder Ich knall den Russen ab! Und das müssen wir uns dann anhören. Und noch mal und noch mal. Jeder hört jeden ab, jeder beobachtet jeden, jeder lässt sich beobachten, will unbedingt beobachtet werden, noch schnell ein Selfie für euch Lieben. Früher war es nur Gott, der einen im Auge hatte.

Du kannst also nachher nicht sagen, mündiger Mensch, sage ich zu mir, du hättest nichts gewusst. Es ist alles da, mehr als alles. Du kannst es jederzeit abrufen. Du kannst dann nicht mehr kindisch daher kommen und sagen, du glaubst an nichts mehr.

Es ist ein bisschen viel alles da, antworte ich mir. Ich werde auf Facebook eine Schlüsselblume posten, oder meine Katze, die Yoga macht. Mir reicht es.

Wenn es so weiter geht, muss ich gläubig werden.

Michèle Thoma
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