Immobilienmarkt

Kirche zu verkaufen

d'Lëtzebuerger Land vom 25.02.2010

Wenige Tage vor Weihnachten war während der Haushaltsdebatten im Gemeinderat von Simmern die Idee aufgekommen war, die kaum noch genutzte Kapelle von Roodt an der Eisch entweihen zu lassen und zu verkaufen, um nicht für die drohenden Reno­vierungskosten aufkommen zu müssen. Durch einen fleißigen Lokalberichterstatter war die Nachricht aus der kleinen Westgemeinde groß im kircheneigenen Luxemburger Wort zur Geltung gekommen. Doch im inzwischen erschienenen Gemeindeblatt geht keine Rede von der Diskussion, und Bürgermeisterin Marie-Josée Gressnich, Hausfrau in Simmern, bemüht sich hartnäckig, alles zu dementieren. Trotzdem überreichten vor drei Wochen Gemeindeeinwohner dem verärgerten Schöffenrat eine Liste mit 305 Unterschriften, damit den Roodter ihre Kirche erhalten bleibt. Kurz zuvor hatte sich der CSV-Abgeordnete Gilles Roth schon mit einer parlamentarischen Anfrage an Innenminister Jean-Marie Halsdorf (CSV) gewandt, der die Nachricht von der Immobilientransak­tion zwar nicht bestätigen konnte, aber meinte: „Es gibt keinen Präzedenzfall des Verkaufs einer Kirche durch eine Gemeindebehörde.“

Doch selbst wenn die Kapelle in Roodt im Gemeindebesitz bleibt, stellt sich die Frage, ob nicht in absehbarer Zeit auch hierzulande Kirchenbauten auf dem Immobilienmarkt auftauchen. Denn durch die Säkularisierung der Gesellschaft nimmt die Nutzung der Gebäude rasch ab. Der Priestermangel trägt dazu bei, dass Pfarreien zu Pfarr-verbänden und damit auch die Kirchenfabriken zusammenge-schlossen werden, so dass die verbliebenen Gläubigen manch-mal dem Geistlichen Sonntag für Sonntag von einem Dorf ins ande-re nachfahren, um an der Messe teilzunehmen. Auch die Gemeinde-fusionen, durch die öffentliche Ein-richtungen, von Schulen bis Sport-hallen, zusammengelegt werden, dürften dazu beitragen, dass sich Gemeinden mit knappen Finanzen die Frage stellen, wie lange sie noch für den Unterhalt unausgelasteter Kirchen aufkommen sollen, wenn es bald nicht einmal mehr ein Postamt im Dorf oder im Viertel gibt. Die Entwicklung dürfte nur dem Trend in den Nachbarländern folgen, wo bereits hunderte von Kirchengebäuden verkauft oder dem Verfall überlassen wurden.

Der Verkauf einer in Gemeindebesitz befindlichen Kirche unterliegt ähnlichen Bestimmungen wie der Verkauf anderer Immobilien der Kirchenfabriken, leer stehender Pfarrhäuser, testamentarisch geschenkter Wohnhäuser oder Grundstücke, die öfters veräußert werden. Das heißt der Gemeinderat befindet darüber und muss laut Artikel 106 des Gemeindegesetzes die Zustimmungen des Innenministers einholen, wenn der Preis mehr als 7 500 Euro beträgt oder die Nutznießung geändert wird. Über den Verkauf muss laut Artikel 37 und 62 des Dekrets über die Kirchenfabriken vom 30. Dezember 1809 auch der Rat der Kirchenfabrik unverbindlich urteilen, der Bischof ein unverbindliches Gutachten abgeben und die Regierungsbehörde ihr Einverständnis geben.

Erster Interessent beim Verkauf einer Kirche wäre selbstverständlich das Erzbistum. Aber dieses dürfte sich hüten, eine Kirche zu kaufen, aus Angst vor einem großen Kirchenausverkauf, bei dem sich sämtliche Gemeinden im Land auf diese Weise ihrer Kirchen entledigten und sie zu Geld machten. So dass es am Ende die Entweihung vorziehen dürfte, die in Form einer letzten Messe vollzogen wird, an deren Schluss die Kultgegenstände entfernt werden und der Priester die Kirche hinter sich zusperrt.

Wie alte Industriearchitektur und andere umgewidmete Nutzbauten werden auch Kirchen meist für kulturelle Zwecke profan genutzt, als Konzert-, Ausstellungs- und Versammlungsgebäude – bekanntestes Beispiel ist das Kapuzinertheater in der ehemaligen Kirche des hauptstädtischen Kapuzinerklosters. Für Wohnzwecke sind sie wegen ihrer ungünstigen Lichtverhältnisse und der schlechten Heizmöglichkeiten kaum geeignet. Und vor einer gewerblichen Nutzung schrecken Geschäftsleute wohl aus Angst zurück, die religiösen Gefühle mancher Kunden zu verletzen.

Romain Hilgert
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