Kleine Zeitzeugin

Jammern ist ein Menschenrecht!

d'Lëtzebuerger Land vom 11.08.2017

Jammererinnen sind out, sie haben keine Lobby, sie passen nicht mehr in unsere Welt. Ihr Ruf ist schlecht, keine will so ein herunter ziehendes Wesen sein, das es nicht und nicht schafft, sich selbst zu optimieren. Wenn schon sonst nichts. Jammern ist nicht sexy, Geld kommt damit nicht aufs Konto, wegen der Ausstrahlung. Steht in jedem Ausstrahlungsratgeber. Sogar BettlerInnen müssen positiv drauf sein, vor der totalen Jammergestalt weichen alle zurück. Jammerer sind unattraktiv, etwas Schmieriges, Klebriges geht von ihnen aus, in dem sie selber kleben. Karma, Scheiße, murmelt Jämmerling, das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Dass alles sich gegen einen verschworen hat, Chefin, Gepaxter, Hund, das Unkraut, das einem über den Kopf wächst, die Eltern sowieso, dann ist auch noch die Pizza beschissen.

Jammer nicht so! wird Mensch, der zu tristen Tiraden neigt, in denen er die Hauptrolle innehat, eine ohne jeden Glanz, zum Schweigen gebracht. Wer will schon ein Jammerlappen sein? Hiob kann sich an die höchste Instanz wenden, ansonsten gibt es staatliche Stellen, bitte schön, und professionelle Hilfe. Die Nachbarin in der Schürze, die es nicht mehr gibt, die einer auflauert, um sie mit unattraktiven News zu versorgen, Stützstrümpfe, Nacktschnecken, die Ausländer, bitte an eine Betreuungsstelle weiter reichen. Oder ihr Facebook empfehlen. Der Freund, der immer das Gleiche lallt, er will sich ja gar nicht helfen lassen, lautet die Diagnose der Alltagsgerüsteten. Weil es so gemütlich ist im Jammersumpf, im Jammersud, wie schön kann man doch darin versinken und sich betrinken. Freundlich wird er an eine dafür zuständige Stelle verwiesen.

Was, klar, sehr oft sehr richtig ist, bekanntlich tritt die perfide Depression in den lustigsten und profansten Maskierungen auf. Ein paar Liebesschwingungen, gratis, sind trotzdem gut, für den, der immer wieder abprallt an der Glätte der allgemein kompatiblen Kommunikation.

Ich rede hier von der banalen Variante, die dem Ich-bin-gut-drauf-bis-ich-draufgehe-Mensch nicht mehr unterlaufen soll. Es ist einfach unappetitlich, einen Stoßseufzer auszustoßen, ein bisschen zu ächzen, etwas Negatives abzusondern, was alles so Scheiße läuft momentan. Ein Verhalten, das angeblich nichts bringt, unproduktiv, kindisch, Realität und Verantwortung verweigernd. Ich rede vom sich Beschweren und sich so Erleichtern. Egoistisch? Bitte, reich mit deine Plage gegen meine Klage, das ist doch ein fairer Tausch, man nennt es sich Austauschen.

Lösungsorientiert denken! Dein Problem! Deine Geschichte! Die Kommunikationsprofis grenzen sich ab, sich Abgrenzen ist das Allerwichtigste, lernt mittlerweile jeder Lebensanfänger.

Nicht mal die edle Schwester des Jammerns und des Sichbeklagens, das Klagen, wird noch hinreichend geachtet. Auf der Seufzerbrücke in Venedig wird höchstens geseufzt, weil zu viele Seufzerbrückenabklappererinnen einem auf die Zehen treten. Wo ist in unserer funktionstüchtigen Kultur der Ort, an dem Wehklagen noch gepflegt wird? Im Katholizismus wird nur die Selbstanklage masochistisch kultiviert. Für Klageweiber, meinetwegen auch Klagemänner, falls sie die Eignung aufbringen, gibt es null Jobangebote. Warum hat nicht jede Stadt eine Klagemauer, einen zentralen Platz, einen Tiefpunkt, an dem Mensch sich rituell erleichtern kann? Warum hat Luxemburg keinen Klagefelsen? Statt nur Brücken, auf denen Menschen sich selber entsorgen, hopp und ex, nur keine Umstände machen.

Tratsch, Klatsch und auch das übel beleumundete Jammern sind in die diversen Foren ausgewandert. Hier hat der Beschwerdechor noch Mitglieder. Hier, vor einem beinahe anonymen Kollek-tief, kann Mensch sich noch ausweinen, ausgreinen.

So, geneigte Leserin, gebeugter Leser ... genug gejammert! Für heute.

Michèle Thoma
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