Stabilitätspolitik

Das sündhafte Sich-gehen-Lassen

d'Lëtzebuerger Land du 10.06.2016

Das statistische Amt Statec meldete diese Woche, dass die Inflationsrate im Mai 0,0 Prozent ausmachte. Diese Rate ist aufgerundet, denn im Vergleich zum Mai vergangenen Jahres sanken die Verbraucherpreise um 0,03 Prozent. Die homöopathische Deflation oder besser die Preisstagnation ereignet sich zu einem Zeitpunkt, da die Volkswirtschaft eine Hochkonjunktur erlebt, wie sie manche nach der Krise von 2008 nicht mehr für möglich gehalten hatten. Seit bald drei Jahren, seit Beginn der Legislaturperiode, mussten die Löhne nicht mehr an die Inflation angepasst werden.

Gemessen am Unterschied zwischen Wachstums- und Inflationsrate findet hierzulande mehr noch als in manchen anderen europäischen Ländern das Gegenteil jener Stagflation statt, die in den Siebzigerjahren für Ratlosigkeit sorgte, aber bis heute noch nicht einmal ein Antonym hat. Hatte in den Siebzigerjahren der Anstieg der Erdölpreise einen wesentlichen Anteil am allgemeinen Preisanstieg, so ist diesmal der Rückgang der Erdölpreise eine der Ursachen für den allgemeinen Preisverfall. Aber selbst die stattdessen oft beschworene „versteckte“ oder „hausgemachte“ Inflation, die seit Jahresanfang bei einem Prozent liegende Inflationsrate ohne Erdölprodukte, steht in keinem Verhältnis zum Wirtschaftswachstum. Denn in der Vergangenheit führte die Hochkonjunktur fast mechanisch zu einer vermehrten Nachfrage nach Rohstoffen, Investitions- und Konsumgütern sowie Arbeitskräften und trieb so deren Preise in die Höhe. Das führte manchmal zu dem heftig beklagten Umstand, dass in Luxemburg die Inflationsrate höher war als in anderen Ländern mit einer niedrigeren Wachstumsrate.

Vielleicht erklärt sich das derzeitige Paradox nicht zuletzt mit dem Sieg der deutschen Exportindustrie, die einen „Maastrichter Stabilitätskriterien“ genannten Verzicht auf die Nachfrage in Europa durchsetzen konnte, die die Preise in die Höhe treiben würde, während das überdurchschnittliche Luxemburger Wachstum zu einem guten Teil vom Finanzplatz getrieben ist, dessen Nachfrage sich kaum in den Verbraucherpreisen widerspiegelt. Unterdessen kämpft am Abgrund zur Deflation, in den Luxemburg zuletzt Ende 1930 stürzte, die Europäische Zentralbank mit niedrigen Zinsen gegen die saudi-arabischen Freunde mit hohen Förderquoten.

Weil die Luxemburger Exportindustrie vom politischen Erfolg der deutschen Exportindustrie mitprofitiert – auch wenn sie sich einen lebhafteren deutschen Markt wünschte, aber man kann nicht alles haben –, wird hierzulande kaum ein Wort darüber verloren, dass Luxemburg bei hohem Wirtschaftswachstum am Rand zur Defla­tion steht. Dabei ist die Inflationsrate wie kein anderer Wirtschaftsindikator, mehr als Bruttoinlandsprodukt, Arbeitslosenrate oder Zahlungsbilanz, die Panikzahl, die Politiker, Berufsverbände und Presse seit Jahrzehnten in regelmäßige Aufruhr versetzt.

Diese Fixierung auf die Inflationsrate als die angeblich größte Feindin aller ehrbaren Berufstätigen, Betriebe, Rentner und Sparer hat selbstverständlich mit dem in der Europäischen Zentralbank gipfelnden Triumpf des monetaristischen Dogmas unter Ökonomen zu tun, in dessen volkstümlichen Variante Politiker Inflation als Ausdruck eines sündhaften Sich-gehen-Lassens verteufeln. Doch mehr noch als anderswo sind der Kampf gegen die Inflation und das Schüren von Inflationsängsten wichtige Mittel zur Verhinderung von Lohnerhöhungen, weil es durch die nicht grundlos heftig umkämpfte Lohnindexierung eine automatische Verbindung zwischen ihnen gibt. Weil dank des Index Inflation immer als Synonym für zu hohe Löhne dargestellt wird, wird die simple aber gewagte Überzeugung unterhalten, dass die Inflation immer zu hoch und nie zu niedrig ist.

Romain Hilgert
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