Der neue Premier liebt die Leute

Prinz der Herzen

d'Lëtzebuerger Land vom 11.04.2014

Der funkelnagelneue Premier mit dem jetzt schon legendären Charme, „moien, äddi, alles an der Rei?“, der die Damen in der Großgasse bezirzt, neuer Stil, sitzt vor seinen selbst beschafften Bildern, keine Festungs-Ölschinken, poppige, witzige Bilder, und trinkt vier oder fünf Tassen Kaffee. So genau haben die Biografen das noch nicht erforscht. Ausländische Expert/innen analysieren und kommentieren seinen Stil, der sehr stilvoll ist. Sie stellen einen eindeutigen Charmefaktor fest. Dem alten, knurrigen Premier weinen nur noch zynische, sentimentale, antike Zeitzeug/innen ein paar Zähren hinterher, besser, keiner sieht sie. In der Verbannung, in einer hässlichen Berliner Halle vor hartäugigen Deutschen, hält der eine Rede und glüht europäisch mit luxemburgischem Akzent, dass einer gleich ganz warm ums Herz wird.

Der gut gelaunte, neue Premier liebt die Leute, er kann gar nicht anders, die lieben zurück. Obschon er ihnen schreckliche Dinge erzählt, noch schrecklichere als der alte, schlecht gelaunte Premier. Aber man kann ihm nicht böse sein. Er hat einen treuherzig-schelmischen Blick, mit dem er jede(n) in die Tasche steckt. Da kann er egal was erzählen, mit seiner vor-witzigen, ein bisschen an Tim- und -Struppi-Tim gemahnenden Frisur, elegant gedämpftem Sturm- und -Drang, seinem wehenden Schal. Sein bübisch-bezauberndes Lachen entwaffnet die böseste Krisenhexe, ganz bestimmt. Er ist auch ein proaktiver Küsser, wie der alte, grantige auch ein Küsser war. Aber der war eher ein internationaler Küsser. Daheim war er schlecht gelaunt, die Familie ging ihm auf die Nerven mit ihrem Kleinkram und ihrem ewigen Rumgenörgele. Der neue Premier hat hingegen Nerven wie Tramschienen. Auch wenn er so oft betont, wie quirlig er sei, ist er vielleicht AHDS-Lobbyist? Egal, meist sitzt er brav am Schreibtisch und liest seine Akten durch.

Er will so ziemlich alles anders machen wie der Alte, was genau und wie, weiß er noch nicht so, und wir auch nicht. Lasst euch überraschen! sagt er, und Volk freut sich auf das Überraschungsei. Sicher mit einer schönen Schleife. Sicher ein teures. Er macht auch keine Versprechungen, die er dann sowieso nicht hält. Kompetitiv ist eins seiner Lieblingsworte, und Selbstverantwortung. Nicht alle selbstverständlich sind seinem Charme erlegen, es gibt kritische Stimmen, wie sich das für eine Demokratie gehört. Sofort gibt es wieder Experten, die warnen.

Aber wie er herumwirbelt und überall den Staub aufwirbelt, die Fenster aufreißt, raus mit dem Muff, dem Puff, dem Suff. Dass es saukalt wird, kalt ums Herz. Aber das ist ja kontraproduktives, herunterziehendes Geschwafel, ziehen Sie sich warm an, ausgestorbene Genossin, bleiben Sie nicht den alten Mustern verhaftet! Lösen Sie sich, los! Hier verstehen sich alle gut, hier kommt kein griesgrämiger Patriarch reingeschlurft, der düstere Orakel zum Besten gibt, hier sind drei Freunde am Werk. Wie viel jetzt gelacht wird, in der Chamber, und überhaupt! Aus offener Kehle, aus freiem Herzen. Ein freies Lachen, das Leben ist eine Freude, die Arbeit auch. Es macht Spaß! Hier sind alle bei der Sache, die Ärmel werden aufgekrempelt, los geht’s, schon wieder ist eine Schlackenhalde gerutscht, lauter Altlasten. Hier sind keine Sozialromantiker oder Urchristen am Werk, sondern Menschen, die in die Hände spucken. Wir müssen Häuser bauen, jede Menge, sofort. Und die Familien werden wir auch noch evaluieren. Packen Sie Ihren altbackenen Zynismus ein, er ist nicht mehr gefragt. Er verkauft sich nicht mehr.

Eine neue Zeit bricht an, Herren mit Schal fahren im Tram, und das ist gut so. Es wird alles anders, jetzt. Neu und nachhaltig zugleich. Wenn sogar schon Banken ganzheitliche Konzepte vertreten! Vielleicht werden sie sogar achtsam. Logisch. Bei einem Premier, der so gut drauf ist wie der Dalai Lama. Mindestens.

Michèle Thoma
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