Bald ist wieder Muttertag

Elternteiltag

d'Lëtzebuerger Land vom 10.06.2016

Bald ist es wieder so weit: Der komische Tag ist da, an dem Frau Mutter verehrt wird, die das Leben gespendet hat und hoffentlich auch sonst noch was spendet; Großmuttereinsätze, eine saftige Erbschaft, und Anteilnahme, aber nur bei Bedarf. Also, ohne Stress zu machen.

Eines der neurotischen Feste des Abendlands, wenngleich nicht ganz so schlimm wie Weihnachten. Ein Teil der Bevölkerung – der, der sich nicht ins Nichts-wie-raus-Land gerettet hat – stürmt last last minute ein Blumengeschäft oder eine Parfümerie, wo Betreuerinnen ihnen ein Päckchen mit Schleife in die Hand drücken. Mütterchen werden aus Pflegeheimbetten gehievt und ans Licht der Welt geschoben, vielleicht sogar an einen reich gedeckten Tisch, an dem ihnen Unbekannte zulächeln. Aber Mütterchen ist ein dankbares Wesen, es freut sich quasi immer. Auch wenn die Blumen leichenblass sind und im besten Fall nach nichts riechen und das Parfüm nach etwas Falschem. Von den Kindern! Ein bisschen Beachtung, und Mütterchen schwebt im Siebenten Mütterchenhimmel.

Eines der schizophrenen Feste des Abendlands. Altachtundsechzigerinnen und moderne Frauen, wie man das früher nannte, redeten einst von US-amerikanischem Konsumterror, von Mutterkreuz und dass sie so einen Bullshit nicht mehr mitmachen wollten. Mütterchen mit den Schwielen an den Händen war doch längst ausgestorben!

Aber dann kam das Leben, kamen die Kinder und die Kindergärten, kamen die Gedichte, die Bastelarbeiten – vergoldete Spiralnudeln als Fotorahmen und das Foto zeigt ein Kind, das Mütterchen kaum erkennt. Aber schon purzelt eine Träne auf den mütterlichen Busen, die vergoldeten Spiralnudeln werden sie ins Seniorinnenheim begleiten. Sie wird sich die tonnenschwere Kette aus vom Kind selbstbemalten Klötzchen um den Hals hängen. Zum Muttertag! Sie wird all die kettenlosen Frauen bedauern, wie lang muss ein Leben ohne all das sein, ohne Windeln und diese allwissenden Wesen, die das alte Geschöpf mitleidig betrachten. Und wenn die Nachkommen irgendwann dann doch die immer wieder mal abgesonderte Message gecheckt haben, was für ein reaktionäres, überflüssiges Ding dieser Muttertag ist, und Mutter hat ihren Tag und niemand drückt ihr eine Schachtel Merci! in die Hand, und niemand schreit „Alles Gute!“ ins Handy, könnte sie sehr, sehr melancholisch werden. Warum trägt sie auch kein Kopftuch und eine Schwiegertochter wäscht ihr die Füße?

Natürlich ist heutzutage alles wesentlich entspannter. Die Mütter müssen nicht mehr im Muttertagsdress, im Muttertagsstress auf die Marie Astrid verfrachtet werden. Heute schreibt man: „Liebe Mutter, wir sind gerade im Guggenheim-Museum, hier ein Posting, nur für dich.“ Die liebe Mutter ist vielleicht selber ins Guggenheim-Museum geflüchtet, oder sitzt im Irgendwo und lässt die Seele baumeln, und die Beine, von einem Barhocker.

Alles ist flexibler geworden, es gibt jetzt so viele Muttersorten; manche Newcomer haben gleich zwei davon. Alle möglichen Elternteile beteiligen sich an der Aufzucht. Auch Herren können schließlich durch den Veganshop streifen mit einem Sprössling, leider keinem Sojasprössling. Sie können All-Terrain-Kinderwagen mit Outdoor-Spirit oder Allradantrieb steuern.

Männer sind sowieso die besseren Mütter, die besseren Väter anscheinend auch. Sie spielen mit den Kindern! Es gibt Tagesmütter und Leihmütter, die einem ein Kind nicht nur leihen, es ist Haalerches. Umtausch geht nicht, Rückgabe nur bei nachgewiesenen und von der Produktionskraft verursachten Qualitätsmängeln. Es gibt Eimütter, die fern von dem perfekten Ei auf den perfekten Sperminator warten, auf den perfekten Augenblick, auf das perfekte Kind. Es gibt Teenager-Mütter, die vor der Kamera gebären und sich mit dem dreizehnjährigen Erzeuger zanken, der grad mal um den Block muss, wie vor tausend Jahren.

Es gibt Greisinnenmütter. Beklommen sieht frau zwei Jahre in die Zukunft, wie Greisin dem oder den Mini-Turboterroristen, gern einem ganzen Wurf, hinterher röchelt. Aus irgendeinem Grund werden uns die Fortsetzungsgeschichten vorenthalten, die Geburt ist das Happy End.

Und es gibt natürlich Großmütter, diese großmütigen, weisen Wesen, vor Lob und Liebe strotzend. Gratis, immer, einfach so. Es gibt sie immer noch, anscheinend sterben sie nicht aus.

Wann ist Großmuttertag?

Michèle Thoma
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