Polizei

Sparkassensheriffs

d'Lëtzebuerger Land du 24.02.2011

Heute loben wir die Straßentheatertruppe der Polizei. Wir dürfen uns glücklich schätzen. Der Staat schützt unser Geld mit vorbildlicher Energie. Droht zum Beispiel ein verwirrter Mensch, die Escher Staatssparkassenfiliale zu sprengen, wird sofort mit großem Aufwand durchgegriffen. Es könnte ja sein, dass der potenzielle Bommeleeër tatsächlich ein paar prall gefüllte Geldschränke pulverisiert und sogar die schönen Goldreserven auf Nimmerwiedersehen in die Escher Dachrinnen katapultiert.

Eine solche Geldvernichtungsaktion sollte man nie und nimmer einem Laien überlassen. Für diese Spezialität hat die Bank ihre eigenen Sprengmeister. Es knallt nicht mal, wenn die Finanzherrschaften selber im großen Stil Geld kaputtmachen. Dynamit ist in diesen Kreisen verpönt. Man arbeitet dort einzig und allein mit dem kleinen Finger, elegant und dezent. Und wenn es der Bank einfällt, sich selber in die Luft zu jagen, kommt auch nicht die Polizei.

Weil verwirrte Menschen sich beim Banksprengen aber ungleich stümperhafter anlegen als die Bankherren selbst, haben sie sofort ein Anrecht auf einen Auftritt der polizeilichen Straßentheatertruppe namens „Spezialeinheit“. Dieser legendäre Komödiantenverein, der zuvor schon bei zahlreichen Anlässen seine schauspielerische Kompetenz unter Beweis gestellt hat, bot der Escher Bevölkerung ohne viel Federlesens ein ganzvolles Bauerntheaterspektakel. Da die Bühne für ihren Auftritt nie gewaltig genug sein kann, riegelten die Komödianten zunächst einmal weiträumig den gesamten Stadthausplatz ab. Hinter den Absperrungen drängten sich gespannt die Schaulustigen. Ihre hochgesteckten Erwartungen sollten nicht enttäuscht werden.

Die Theaterkritiker aus dem Tageblatt schildern den spektakulären Auftakt der Vorstellung wie folgt : „Eine schwarze Limousine mit getönten Scheiben fährt am Parkhaus-Lifthäuschen vor. Vier Maskierte mit Helmen, schusssicheren Westen und Schnellfeuerwaffen steigen aus und gehen in Position.“ Ja, der Regisseur hatte den Maskierten wohl geflüstert, soeben sei der Dritte Weltkrieg ausgebrochen. Das beste Stichwort zum Warmlaufen. Entsprechend heftig chargierten die vermummten Künstler beim Bespielen ihrer Bühne unter freiem Himmel. Sie robbten effektvoll über den winterkalten Platzbelag und zielten immer wieder mit ihren scharfen Schießprügeln auf den Sparkasseneingang. Applaus, Applaus! Da fehlte eigentlich nur noch ein zackiger Auftritt der Militärkapelle als martialische Zwischeneinlage. Sowas mag das Volk: Malerisches Kriegstheater in der City, wenn es den Bankherren mal mulmig wird. Der Escher Theaterdirektor wird wohl vor Neid in seine Stuhllehne gebissen haben.

Wir möchten der Straßentheatertruppe aber unbedingt ein fettes Kompliment aussprechen. Im Vergleich zu ihren früheren Auftritten haben die Action-Athleten ihre Theaterkunst geradezu revolutioniert. Sie binden ihr Publikum neuerdings unmittelbar in das Bühnengeschehen ein. Geben wir noch einmal den Tageblatt-Theaterkritikern das Wort: „Ein Mann taucht plötzlich auf den Stufen vor der Bank auf. Mit erhobenen Händen. ‚Avancez, avancez… par terre, par terre‘, hallt es über den menschenleeren Rathausplatz. Der Mann –sichtlich verängstigt- befolgt die Befehle der Beamten der Spezialeinheit der Polizei sofort und wird in Windeseile überwältigt, in Handschellen gelegt und im Laufschritt abgeführt.“

Das ist einfach eine bestechende Dramaturgie, edles Theater vom Allerfeinsten. Zwar war der unsanft Überwältigte nur ein ahnungsloser, unschuldiger Passant, der rein zufällig in die Theateraufführung hineingeraten war, aber entscheidend ist, wie außerordentlich geschickt die Schauspieler alle Grenzen zwischen Bühnenraum und Zuschauerbereich aufhoben. Jeder von uns hat künftig die Chance, bei einer öffentlichen Aufführung der Maskierten aktiv mitzuwirken. Wer hätte nicht schon davon geträumt, einmal von vier starken, jungen, waffenstarrenden Schauspielern kunstvoll aufs Kreuz gelegt zu werden? Plötzlich war der Unbeteiligte dank großer Schauspielkunst im Handumdrehen Teil eines Banküberfalls. Noch als greiser Mann wird er seinen Urenkeln mit feuchten Augen erzählen können: „Kinder, ich war dabei!“

Was sich unterdessen im Innern der Sparkassenfiliale abspielte, war ein tragisches Kammerspiel, das von Absturz und persönlichem Elend erzählte. Wenn wir es genau betrachten, haben Polizisten bei einem Drama dieser Art rein gar nichts verloren. Für menschliche Tragödien sind diese Waffenkasperl nicht zuständig. Da sind schon Hilfskräfte erfordert, die weder maskiert noch theaterversessen sind. Für die schmerzhaften Fälle wünschen wir der Polizei eine stille Truppe, die mit dröhnenden Dorfbühnenspektakeln nichts am Hut hat. Und die Schnellfeuerwaffen nicht für taugliche Instrumente der Psychiatrie hält.

Immerhin, das Geld der Banken genießt den vollen Polizeischutz. Kein Safe kam zu Schaden. Keine Ambulanz musste eine schwerverletzte Geldkassette abtransportieren. Aber das Theater war toll.

Guy Rewenig
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