Auch hier stellen die Menschen sich komische Fragen

Land der Denker_innen

d'Lëtzebuerger Land vom 24.06.2016

Wer sind wir, und warum, und wieso? Seit einiger Zeit stellen sich die Menschen auch hier komische Fragen, es werden sogar welche dafür bezahlt, sich solche Fragen zu stellen.

Schon vor dem Referendum fing die Grübelei an. Fausti hat Protestsongs geschrieben, alle wurden immer durcheinanderer. Warum das Ganze, Identität und so, das hat doch vorher auch niemand interessiert, kann man sich dafür ein Auto kaufen?

Lange brauchte man so etwas hier gar nicht, man lebte ganz gut ohne. Resistent reagierte man auf allzu komplexe und verwirrende Fragestellungen. Die überließ man denen in den Nachbarländern, in dem behäbigen Idiom, in dem man vorzüglich fluchen kann, lässt sich schwer tief schürfen. Wozu auch, wenn man im Weltall schürfen kann, nach Gold! Instinktiv erkannten die Insass_innen des beschränkten Territoriums, dass Gedankengut nicht allzu viel einbringt. Zugleich terre-à-terre und hoch hinaus, war eine unschlagbare Mischung, das reichte vollkommen.

Und jetzt? Komisch, nach Jahrzehnten zwischen Autobahnen, Shoppingzentren und Banken buddeln die Einheimischen in den Maismonokultursteppen plötzlich nach ihren Wurzeln. Die werden dann am Stammeltisch beschnüffelt. Einer knurrt bedrohlich, jeder solle auf seinem Mist bleiben. Ein Fass Dikkrecher hilft aber meistens über so eine Identitätskrise hinweg, gell du Svetlana.

Aber die Menschen, die dafür bezahlt werden, herauszufinden, was das für ein Land ist, unseres, um es Menschen mit Geschmack, nein, mit Geld möglichst schmackhaft zu machen, sollen ja was Tolles rausfinden, das ist ihr Job. Etwas Positives oder etwas rasend Interessantes, etwas was sonst niemand hat oder ist, aber was man haben wollen oder sein wollen würde, unbedingt.

Aber auch Beruhigendes, Unspektakuläres kann in einer so aufgewühlten Welt punkten, also dass meistens nicht so viel passiert, jedenfalls nicht an der Oberfläche. Die Menschen draußen haben ja ein komisches Bild von uns, ein total verzerrtes, niemand verbindet uns mit Amore oder mit Oper oder etwas Gutem zum Essen, also mit dem, was das Menschsein ausmacht. Oder wenigstens mit Schwindel erregenden Landschaften oder mit melancholischen Tänzen oder ausgestorbenen Tieren. Song Contest, Fußball, da wo die Welt zuschaut, also unsere Welt, da spielen wir ja leider auch nie mit, wie soll da eine_r uns kennen?

Weltoffen sind wir jedenfalls. Verkehrsadern sorgen für frisches Blut, der freie Markt schwemmt Arbeitskräfte ins Land, die bauen Autobahnen und dem Sohn das Haus, am Feierabend. Ein stabiles Land auch, heimelig, der Palast, Großherzogs, die im Ausland professionell lächeln, die Kirche noch dekorativ im Dorf. Man schafft auf der Bank oder beim Staat. Im Oktober zwängt man sich ins Dirndl oder in die Lederhose, Zlatko macht den Garten, Fatme tupft die Hämorrhoi-den, für Speis und Trank ist gesorgt. Man lässt Gottes Regenwasser über Gottes Land laufen. Das mit Gott ist aber nicht mehr so ernst, höchstens Gott light, fürs Feeling. Die Portugiesen pflegen das Kulturgut, laufen durch die Wiltzer Kultstätte und winken dem Großherzog, der großzügig zurückwinkt. Eigentlich alles wunderbar, es gibt Entenwettrennen, rote Löwen, die aber nicht beißen.

Kulturschaffende und Kreative stürmen ihr Gehirn, was könnten wir denn noch alles sein, wem fällt was ein? Natürlich etwas, was man an den Mann bringen kann oder an die chinesische Frau. Essen kommt global gut an, Kultur auch, die Scheichs und die Russenmafiosi hängen sich gern was an die Wand, es soll ein bisschen aus dem Rahmen fallen, aber nicht zu sehr. Kunst gibt es jedenfalls genug hier, mehr Au!-Tor_innen als Autos, sie sind aber schwerer absetzbar. Darstellende Kunst ist leichter vermittelbar, sie ist global verständlich, manchmal wird sie missverstanden. Eine Künstlerin hat zum Beispiel keine Flausen im Kopf, sondern eine woanders, die zeigt sie gern her. Vielleicht ist dieser ausgestellte Körperteil, den es zum Teil ja gar nicht gibt, aber nichts spezifisch Luxemburgisches?

Überlass das Denken den Pferden, die haben größere Köpfe!, hat ein weiser Vorfahr die Zeitzeugin ermahnt. Das war mal ein guter Spruch, mit dem sind wir hierzulande lange gut gefahren, sogar Auto.

Bevor das mit dem Denken anfing.

Michèle Thoma
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