Reform des Sekundarunterrichts

Power(point)-Reform

d'Lëtzebuerger Land vom 04.03.2010

Großer Andrang herrschte am Dienstagnachmittag im Forum Geesseknäppchen. Das Unterrichtsministerium hatte Schuldirektionen, Vorsitzende der Programmkommissionen und an den Vorarbeiten beteiligte Lehrer eingeladen, um die großen Linien der geplanten Sekundarschulreform vorzustellen. Schriftliches bekamen die Teilnehmer nicht in die Hand, dafür eilten die Redner des Ministeriums von einer Powerpoint-Präsentation zur nächsten. Hätte es Noten für die didaktische Darstellung gegeben, wären die meisten durchgefallen, lästerten Beobachter später.

Auf eng beschriebenen Slides befand sich die für Februar versprochene Synthese jener Arbeitspapiere, welche die Lyzeen auf Aufforderung des Ministeriums bis Januar vorgelegt hatten und in denen sie sich über Vor- und Nachteile des bestehenden Systems sowie möglichen Verbesserungen äußern sollten. Das taten die Schulen auch, wenngleich mehr oder weniger ausführlich und mehr oder weniger konstruktiv. Allgemeine Einigkeit bestand darin, dass die Motivation vieler Schüler zu wünschen übrig lässt, dass die Orientierung sowohl im klassischen wie im technischen Sekundarschulunterricht (ES und EST) oftmals ungünstig verläuft, wofür im EST zu lasche Promotionskriterien verantwortlich gemacht werden.

Auf die Promotionskriterien, allgemeiner Stein des Anstoßes, ging die Ministerin Beobachtern zufolge nicht weiter ein, da-für stellte Script-Direktor und Koordinator Jos Bertemes sechs Schlüsselpunkte vor, die den Mittelpunkt der Reform bilden sollen: die Vorbereitung der Schüler auf weiterführende Studien, die Allgemeinbildung, die Spezialisierung in den Zweigen ES und EST, die Sprachen, die Mathematik und das Examen. Ziel ist es, durch eine bessere Allgemeinbildung und eine spätere Spezialisierung sowie differenzierte Sprachanforderungen mehr Mädchen und Jungen den Weg an die Uni zu ebnen.

So soll beispielsweise eine Projekt-arbeit (travail d’envergure) in der 2e Schüler dazu befähigen, selbststän-dig zu recherchieren und kritisch zu analysieren, eine Schlüsselkompetenz, die Unis heutzutage verlangen. Eine fächerübergreifende Zusammenarbeit der Lehrer einer Jahrgangsstufe und ein Tutoratssystem, ähnlich jenem im Neie Lycée, soll eine bessere Betreuung der Schüler erlauben.

Geht es nach dem Ministerium, würden beide Schulzweige neu strukturiert. Nach dem unteren Zyklus des EST (cycle inférieur), der landesweit nach Proci-Vorbild organisiert würde (mit Tutorat, Kompetenzsockeln, integrierten Klassen, ohne Sitzenbleiben) sollen sich Schüler Ende der 9e zwischen den Schwerpunkten „sciences et technologies“ oder „commerce/administration et communication“ oder „professions de santé et sociales“ entscheiden können. In jenen Bereichen wären, je nach Anforderung und Kompetenzen, Schwerpunktfächer zu belegen. Die Sprachniveaus würden den beruflichen Anforderungen angepasst, entsprechend einem Vorschlag des Ministeriums von vor gut einem Jahr. Die Technikerausbildung zählt seit der Reform zur Berufsausbildung.

Auch im klassischen Zweig würde die Spezialisierung zurückgefahren: Schüler der 4e müssten entlang ihren Stärken zwischen Französisch und/oder Mathe als „matière d’excellence“ wählen. In der 3e hätten sie die Wahl zwischen den Sektionen „langues et sciences humaines“ oder „sciences naturelles et mathématique“, wobei in Wahl- und Pflichtfächern unterschieden würde. Das Examen selbst würde statt in allen Fächern in sechs Kernfächern erfolgen, die sich aus der jeweils gewählten Spezialisierung ergeben. Viele interessante Ansätze also, aber wo bleiben Strukturreformen? Wo-her sollen die von Korrektur- und Prüfungsarbeit oft überlasteten Lehrer die Zeit nehmen, um Projektarbeiten zu betreuen, Portfolios zu bewerten, sich mit Kollegen zu beraten oder Tutanden zu begleiten? Ohne schlankere Programme und ohne eine Revision der Schulorganisation – Semester statt Trimester, um die Anzahl der Prüfungen zu verringern, weniger Klassen pro Lehrer und dafür vielleicht ein Unterrichtsfach mehr sowie mehr Präsenzzeit in der Schule – dürften die Reformziele schwer zu erreichen sein.

Kaum erörtert wurde zudem die Frage der Autonomie. Die zentral geplanten Reformen würden für alle Schulen gleichermaßen gelten, wo aber ist die Idee geblieben, den Schulen mehr pädagogische Freiheit zuzugestehen? Am Dienstag war das kein Thema. Das lag vielleicht daran, dass kaum Zeit für Fragen oder Einwände vorgesehen war. Die werden aber sicher noch kommen: An diesem Freitag bekommen die Lehrer den ministeriellen Vorschlag zu-geschickt, am Montag erfolgt die Vorstellung für die Presse.

Ines Kurschat
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