Leiharbeit am Bau

Engpässe oder Unterbesetzung?

d'Lëtzebuerger Land vom 17.02.2012

Als das statistische Amt Statec im Regards 03 sur le travail intérimaire im Januar meldete, knapp unter 30 Prozent der Zeitarbeiter in Luxemburg arbeiteten auf dem Bau, konnte das vielleicht ein wenig überraschen. Denn ist der Einsatz von Leiharbeitern in anderen Branchen mit nur sehr kurzfristig vorhersehbarer Aktivitätsentwicklung – wie beispielsweise im viel polemisierten Fall des Cargocenters in Findel – eventuell nachvollziehbar, arbeitet die Baubranche unter völlig anderen Bedingungen. Ihre Auftragsbücher sind Monate im Voraus gefüllt, und damit müsste der Bedarf an Mitarbeitern für die Personalabteilungen im Bauwesen eigentlich überschau- und planbar sein.

Dennoch waren 2010 von den 6 878 in Luxemburg gemeldeten Leiharbeitern über 2 000 im Bauwesen aktiv. Ob und weshalb die Branche massiv auf Leiharbeit zurückgreift, darüber gehen die Meinungen auseinander. Patrick Koehnen von der Handwerkskammer beschwichtigt, so planbar, wie es auf den ersten Blick scheine, sei auch die Aktivität auf dem Bau nicht. Oft würden Projekte verschoben, komme es zu Verspätungen. Wenn Mannschaften, die man für die nächste Baustelle eingeteilt habe, die Arbeit auf der vorherigen noch nicht abgeschlossen hätten, gerate die Personalplanung durcheinander, und es komme zu Engpässen, die durch Leiharbeiter ausgeglichen würden.

Auch über die Ursachen dafür, dass die Leiharbeit im Bauwesen im Krisenjahr 2009, wie vom Statec beobachtet, nicht im gleichem Maße einbrach wie in der Industrie, gibt es unterschiedliche Meinungen. Fabrice Ponce, Direktor der Luxemburger Filiale der Leiharbeitsfirma Adecco, glaubt, durch die Krise seien die Arbeitgeber in der Branche vorsichtiger geworden. Sie hätten den Personalbestand reduziert und in der Folge vermehrt auf Leiharbeiter zurückgegriffen, um ihre Aufträge zu erfüllen. Kleinere Stammbelegschaften, mehr Zeitarbeit, so die Logik. „Es kommt auch vor, dass ausländische Firmen sich an Ausschreibungen beteiligen und, wenn sie den Zuschlag erhalten, die Aufträge zum großen Teil mit Leiharbeitern ausführen, statt viele eigene Mitarbeiter zu entsenden“, bebachtet Ponce.

An die Theorie der kleineren Stammbelegschaften glaubt Jean-Luc De Matteis, zuständiger Gewerkschaftssekretär beim OGBL, nicht. „Der Bau hat doch überhaupt keine Krise erlebt“, hält er entgegen. Vielmehr würden die Betriebe Aufträge annehmen, obwohl sie von vornherein nicht über ausreichend Personal für die Ausführung verfügten. Die würde dann über Leiharbeiter abgesichert. „Wir sehen Betriebe, in denen die Stammbelegschaft 150 Mitarbeiter zählt, die aber langfristig 100 Leiharbeiter beschäftigen“, beschreibt er das Phänomen. Um den Stellenwert der Leiharbeit zu bewerten, müsse man auch die Entwicklung der Beschäftigung des Sektors insgesamt im Auge haben, gibt De Matteis zu bedenken. Und die sei auch in den vergangenen Jahren durchweg positiv gewesen.

Dabei haben wohl beide, Ponce und De Matteis, ein wenig Recht. Denn aus den Konjunkturdaten der vergangenen Jahre geht hervor, dass der Bausektor in Luxemburg der Krise gut trotzte, vor allem in Punkto Aktivität. Die Wertschöpfung hingegen ging in den Krisenjahren 2008-2009 zurück. Beschäftigte die Branche Ende 2007 rund 36 600 Mitarbeiter, waren es Ende 2008 37 760, Ende 2009 37 605, Ende 2010 37 928, und Anfang 2011 37 664. Aber wer weiß, ob die Arbeitgeber nicht noch mehr eingestellt hätten, wären die Margen nicht gesunken?

Dabei muss man sich fragen, inwieweit die Leiharbeit selbst auf die Rentabilität der Baufirmen drückt. „Bei uns beschweren sich die Arbeitgeber, dass es teuer ist“, berichtet De Matteis, zwischen 20 und 40 Prozent teurer komme die „geliehene“ Arbeitsstunde, im Vergleich zu einer „Angestelltenstunde“ zu stehen. Doch, so erklärt Ponce, die Betriebe sparen viel ein, indem sie die Arbeiter nur für die Stunden bezahlen, die tatsächlich gearbeitet werden. In der Tat sinken die Beschäftigungszahlen am Bau, saisonal im ersten Quartal um mehrere hundert Einheiten. Die Leiharbeiter hingegen, die von Woche zu Woche „auf Mission“ geschickt werden, erhalten für die Dauer der Bauferien im Sommer und Winter überhaupt keine Verträge, wodurch der Arbeitgeber sich ungefähr sechs Wochen Gehalt jährlich spart. Und auch, wenn es wie in den vergangenen Wochen zu kalt zum Arbeiten ist, sitzen die Leiharbeiter auf dem Trockenen, erklärt Ponce. Ohne Mission, kein Gehalt, und die Bau-firmen müssen noch nicht mal die ersten beiden Tage Schlechtwetterschutz bezahlen, wie sie es bei den eigenen Mitarbeitern tun.

Dabei, sagt Ponce, ist die Leiharbeit am Bau für die Zeitarbeitsfirmen kein besonders lukratives Geschäft. „Die Margen sind minimal. Dabei müsste es genau andersrum sein“, so Ponce, wegen der höheren Kosten und Risiken. Da ist einerseits die Ausstattung mit Sicherheitskleidung, die der Leiharbeitsfirma obliegt. Zum anderen gebe esin keiner anderen Branche höhere Abwesenheitsraten als auf dem Bau, wodurch ebenfalls Kosten, zum Beispiel für die Präsenzkontrolle, entstünden. „Es gibt keine volatilere Belegschaft als die Bauarbeiter“, fügt er hinzu. „Ein Leiharbeiter auf dem Bau ist bereit, für zehn Cent die Stunde die Firma zu wechseln.“ In der Folge heißt das aber, dass sie bei jedem Firmenwechsel einen Termin beim Arbeitsmediziner brauchen, ohne dessen Untersuchung sie im Prinzip nicht arbeiten dürfen. Doch Termine beim Arbeitsmediziner gibt es nicht genug, kritisiert Ponce einerseits, der deswegen andererseits bezweifelt, dass alle Leiharbeitsfirmen ihrer Verpflichtung nachkommen, die Arbeiter vor ihrem Einsatz zum Gesundheitscheck zu schicken.

Das allein erklärt nicht, warum die Preise niedrig und die Margen klein sein sollen. Viele Leiharbeitsfirmen, soweit sind sich die Statistiker vom Statec und Fabrice Ponce einig, waren vor 2010 groß im Entsendegeschäft aktiv. 2009, so der Statec, war einer von vier Leiharbeitern auf eine Stelle im Ausland entsandt. Die Arbeiter wurden wegen der niedrigen Lohnnebenkosten in Luxemburg angemeldet und zurück in ihre Heimatländer depeschiert. Doch eine Gesetzesänderung von 2010 lässt das nicht mehr zu.

Darauf reagierten die Firmen auf unterschiedliche Weise, so Ponces Analyse. Weil sie händeringend nach Kunden suchten, um den Wegfall des Entsendegeschäfts zu kompensieren, senkten manche die Preise – bis Aufträge am Bau kaum noch rentabel seien. Andere, sagt Ponce, der Vorsitzender des Branchenverbandes der Leiharbeitsfirmen Uledi ist, darauf habe man die Inspection du travail et des mines schon hingewiesen, würden ganz einfach falsche Angeben machen. Das heißt, auch wenn die Arbeiter beispielsweise auf einer Baustelle in Frankreich seien, als Arbeitsort Luxemburg angeben. „Das ist vor allem ein Problem für die Arbeiter, die riskieren ihre Sozialversicherung zu verlieren“, erklärt er. Aber natürlich auch für die Konkurrenten, die von solchen Praktiken absehen und preislich nicht mithalten können.

Michèle Sinner
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