Beim Weiterbildungsinstitut in Mersch können Lehrer auch von anderen Lehrern lernen. Das Interesse wächst von Jahr zu Jahr

Zugeschaut, abgeguckt

d'Lëtzebuerger Land du 25.04.2014

„Ich habe gedacht, dass es spannender wird. Und es war anders als in der Spielschule“, findet Toni, die vergangenes Jahr von ersten in den zweiten Zyklus wechselte. Ihr Videointerview ist eines von mehreren, die dem diesjährigen nationalen Austauschtag ein Gesicht geben sollen. Zugegeben, der Titel mag ein wenig spröde klingen. „Übergänge gestalten“ lautet das Leitmotiv des Weiterbildungstags, den das Institut de formation des Service de Coordination de la recherche et de l‘innovation pédagogiques et technologiques an diesem 26. April in der ehemaligen Erzieherschule in Mersch organisiert. Eingeladen sind Lehrer, Eltern, aber auch Erzieher, um sich über Chancen und Schwierigkeiten bei Übergängen im schulischen System auszutauschen. „Wir verstehen den Tag als ein Angebot, verschiedene Akteure der Schule zusammenzubringen“, erklärt Camille Peping, Leiter des Weiterbildungsinstituts.

Übergänge gibt es in der Schule viele: von einem Grundschulzyklus in den anderen beispielsweise, von der Grundschule in die Sekundarschule, oder von der Maison relais in die Schule. Oft sind diese Wechsel mit Herausforderungen verbunden: für den Schüler, der sich neu in eine Klasse eingewöhnen muss, alte Freunde aufgibt und neue findet. Aber auch für den Lehrer, auf dessen Urteil es bei der Orientierung ankommt, der den Schüler bei seinem Wechsel begleitet.

„Wir bieten den Tag an, damit sich Lehrer verschiedene gute Praktiken anschauen können“, sagt Carmen Schürnbrand. Die ausgebildete Pädagogin ist zuständig für die Koordination und inhaltliche Konzeptualisierung des Austauschstages. Es ist das zweite Mal, dass dieser Tag stattfindet. Im vergangenen Jahr trafen sich, ebenfalls unter Anleitung des Weiterbildungsinstituts, Lehrer, Inspektoren und Instituteurs de ressource, um über Hospitationen zu diskutieren. Was damals als Versuch begann, Netzwerke zwischen interessierten Schulen aufzubauen, etabliert sich mehr und mehr als fester Kontaktpunkt für innovative Projekte vor allem im Grundschulwesen. Auch dieses Jahr haben sich über hundert Teilnehmer aus allen Teilen des Landes angemeldet.

Der Name „Austauschtag“ verrät es schon: Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Gespräch, geladene Experten geben Tipps, aber auch Lehrer können von ihren Kollegen lernen, was in einem Fall im Unterricht gut oder in einem anderen vielleicht weniger gut geklappt hat. Ob über Vortrag oder in Workshops oder mittels origineller Videos: Was für Outsider vielleicht spröde klingt, ist für die Teilnehmer eine große Chance – hier können sie Gleichgesinnte treffen, sie können Hilfen finden und Anregungen bekommen. Hier ist auch der Ort, wo sich selbst für Außenstehende unschwer erkennen lässt, dass mit der Grundschulreform doch einiges in Luxemburgs Schulen in Bewegung geraten ist.

Was mit dem per Gesetz von 2009 eingeführten Schulentwicklungsplan (plan réussite scolaire, PRS) bürokratisch behäbig startete, beginnt konkrete Früchte zu tragen: Die Schulen erstellen mit Hilfe der Agence pour le développement de la qualité scolaire Analysen zu ihrer Schülerpopulation, Besonderheiten und Herausforderungen, lernen pädagogischen Entwicklungsbedarf erkennen und bestimmen dann im Entwicklungsplan Schwerpunkte, auf denen die Schule als Gemeinschaft arbeiten will.

Es ist der Austausch von Ideen mit anderen, der Schulen auf ihrem Weg zu mehr Qualität, mehr Miteinander hilft. Dem Weiterbildungsinstitut in Mersch kommt dabei, neben der Agence pour le développement de la qualité scolaire eine Schlüsselrolle zu: Hier können Schulen melden, wenn sie konkreten Weiterbildungsbedarf für ihre Lehrer sehen, können Dokumentationen und Schulmaterialien anfragen, wodurch sie ihren Unterricht abwechslungsreicher gestalten können, können Filme in der Mediathek ausborgen, und anderes mehr. Seit der Grundschulreform ist das Weiterbildungsangebot immer umfassender geworden, seit 2007 hat es sich mehr als verdoppelt. Allein im vergangenen Jahr gab es mehr als 22 000 Anmeldungen der Luxemburger Lehrer auf mindestens eine der 1 083 Fortbildungen.

„Wir stellen fest, dass die Schulen inzwischen immer besser wissen, was sie brauchen, um ihre selbst gesteckten Ziele zu erreichen“, sagt Camille Peping. Das geht freilich nicht von einem Tag auf den anderen. Während viele Schulen bei der Erstellung des ersten PRS noch ihre liebe Mühe hatten, das Instrument selbst auf viel Kritik stieß, weil die Lehrer noch nicht wussten, was sie genau damit anfangen sollten, klappt über die Jahre immer besser. „Eine wichtige Aufgabe übernehmen die Instituteurs de ressource“, weiß Carmen Schürnbrand. Das sind Lehrer mit pädagogisch-didaktischen Zusatzausbildungen, die Schulen, die dies wünschen, mit ihrer Expertise zur Seite stehen, ihnen helfen, zusätzliche Kompetenzen zu entwickeln. Das kann ein stärker differenzierter Unterricht sein, oder der Aufbau von mehr Demokratie im Klassenzimmer, um das Schulklima zu verbessern, so wie es für die Schule am besten passt.

Ganz allmählich entsteht so, was auch die Idee der Grundschulreform war: dass Schulen ihre eigene Stärken und Schwächen besser kennenlernen und sich Instrumente an die Hand geben, den Unterricht und das Schulklima zu verbessern. Eben das, was die Bildungspolitik allgemein unter Schulentwicklung versteht. Die Impulse des Weiterbildungsinstituts reichen dabei von organisierten zielgerichteten Fortbildungen, Wochenendseminaren oder aber dem koordinierten Austausch mit anderen gleichgesinnten Schulen.

Das Institut stand Pate für die erste Plattform von Hospitationen. Was zunächst als eine lose Initiative einer Handvoll Schulen entstand, sich gegenseitig zu besuchen und über Lehreraustausch neue Unterrichtsformen und Schulprojekte zu entwickeln, ist inzwischen zu einem offiziellen Netzwerk mit 22 Schulen herangewachsen. Sie öffnen ihre Türen für andere Kollegen aus dem ganzen Land, die vor Ort am konkreten Beispiel erfahren können, wie ihre Kollegen mit Wochenplänen unterrichten, wie sie starke Schüler einspannen, um schwache Schüler zu fördern und gleichzeitig die soziale Kompetenz zu stärken. Als Gegenleistung stellen die Besucher Fragen, geben Feedback und üben konstruktive Kritik unter Freunden. Weil es keine Zauberformel im Umgang mit heterogenen Klassen gibt, Schulen in regionalen Randgebieten teils mit anderen Problemen zu kämpfen haben als städtische, sind die Partnerschaften entsprechend bunt. „Vielen ist gar nicht bewusst, wie viel sie in den Jahren seit der Reform geleistet und umgesetzt haben“, beobachtet Camille Peping. Für den einzelnen Lehrer, der sich im Unterricht bemüht, erschließt sich nicht immer, wie sich die Schule als Ganzes entwickelt. Da hilft der freundschaftliche Blick von außen.

Auch die Koordination hat sich entwickelt: Waren beim ersten Plan de réussite scolaire noch viele Fragen offen, die Schulen zum Teil durch die schiere Flut an Formularen überfordert, wurde die Prozedur gestrafft. Inzwischen füllen Schulen für den zweiten PRS direkt einen Antrag aus, in dem sie angeben, was sie an Weiterbildung oder Input wünschen, um ihre Entwicklungsziele zu erreichen. Das Institut versucht diese aufzugreifen: in Form von maßgeschneiderten Weiterbildungen, oftmals in enger Zusammenarbeit mit Inspektoren und Instituteurs de ressource erstellt, oder als Angebot im regulären Weiterbildungsprogramm, wenn das Thema auf ein breiteres Interesse stößt. Die bessere Koordination bedeutet aber auch, dass immer mehr Schulen von dem Angebot Gebrauch machen. Für die 2,5 Personen, die konkret die Lehrerweiterbildung koordinieren, ist das Arbeitspensum seit der Grundschulreform enorm gewachsen. „Wir arbeiten am Limit“, sagt Camille Peping. Insgesamt verfügt das Institut über 16 Mitarbeiter, davon aber sind nur 11,5 Vollzeitstellen, von denen vier allein in der Verwaltung arbeiten, um die oft hunderte von An- und Abmeldungen zu koordinieren.

Nichtsdestotrotz hat sich das Angebot in den vergangenen Jahren immer weiter ausgedehnt: Dank der Feedbacks der Lehrer, die systematisch nach den Weiterbildungen abgefragt werden, aber auch dank der Anregungen von Eltern, Ministerialbeamten, der Uni und so weiter. Neuerdings können Interessierte die Ergebnisse der vielen Initiativen und die Best practises einiger Schulen auf der hauseigenen Webseite des Instituts unter www.formation-continue.lu nachlesen.

Hinter der nüchternen Word-Tabelle verbergen sich viele kleine und größere Erfolsgeschichten, von dene jene einzelne es wert wäre, erzählt zu werden. Für Lehrer, die nach Ideen und Impulsen suchen, eine wahre Fundgrube. Da ist die Grundschule in Waldbillig, die ihre Schüler über ein selbst gewähltes Parlament in demokratischer Früherziehung schult und so hofft, das Schulklima zu verbessern. Oder die Grundschule in Goesdorf, die mittels Leitfaden, die Hausaufgabenhilfe in der Maison relais besser an die Anforderungen der Schule anpassen will. Oder die Rosdorfer Grundschule, die eigenes didaktisches Material für denFranzösischunterricht zusammengestellt hat. Oft folgt eine kurze Projektbeschreibung. Wer dann noch weitere Informationen wünscht, kann den Ansprechpartner der Schule direkt kontaktieren oder über das Weiterbildungsinstitut weitere Details erhalten. „Viele Lehrer machen an ihren Schulen tolle Projekte. Jetzt müssen sich die guten Ideen nur noch herumsprechen“, hofft Carmen Schürnbrand.

Ines Kurschat
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