Die Wonnen der Feigheit

Facebookfiasko

d'Lëtzebuerger Land vom 11.03.2010

Heute loben wir die Wonnen der Feigheit. „Commentaire ofginn? Hei klicken!“, lockt das RTL-Internetforum die Wutentbrannten aller Klassen. Der neue Volkssport heißt „folgenlose Erregung“. Man kultiviert den Sturm im Wasserglas. Rasant nehmen die Wassergläser zu. Die entsprechen­den Stürmchen auch. Zwei, drei Tage lang tobt die Empörung mit Orkanstärke. Jedes Wort eine Granate, jeder Satz ein Flächenbombardement. Und dann plötzlich: völlige Windstille. Man braucht eine neue Gefühlswallung. Schon braust das nächste Sturmtief über die Forumseiten. Die aufgebrachten Kämpen des gesunden Volksempfindens masturbieren längst wieder vor einer anderen Kulisse. Heftiger Wutorgamus – und erneute Flaute. Wie im richtigen Leben.

Mit wenigen Ausnahmen melden sich die wackeren Internet-Kombattanten unter falschem Namen. Je heftiger die Attacke, umso blumiger das Pseudonym. Je leerer der Kopf, umso praller die fiktive Signatur. Die meisten erfundenen Namen klingen sehr gefährlich. Sie sollen wohl die Adressaten der Wutkaskaden das Fürchten lehren. Ein sogenanntes satirisches Faltblatt namens Äschekëscht (Pseudonym) hat längst das anonyme Anrempeln zum System erhoben. Aus dieser vorzüglichen Schule stammen die zahllosen Edelfeiglinge. Feiges Herummeckern ist die neue Form der postmodernen Zivilcourage.

Vor zwei Jahren schrieb ein sehr antiquierter Schriftsteller namens Lambert Schlechter (doch, doch, den Namen gibt es !) auf www.sokrates.lu : „L’anonymat est lâche [&] inutile. Dis ce que tu penses – et dis que c’est toi qui le penses.“ Und er fügte hinzu: „Alors aujourd’hui, ne serait-ce que par hommage à ces pionniers du droit inaliénable à la pensée, ayons le courage de nos idées [&] convictions – et quand nous les publions, faisons-le ouvertement, avec franchise sinon fierté, en signant de notre nom.“ Mit den „Pionieren“ meinte er all jene, die unter extrem riskan­ten Bedingungen, etwa Diktatu­ren jeder Couleur, offen ihre Ansichten und Überzeugungen vertraten und somit Gefahr liefen, liquidiert zu werden.

Lambert Schlechter hat wohl nicht verstanden, dass Feigheit auf fun und thrill reimt. Man fällt munter dem Nachbarn in den Rücken und lacht sich ins Fäustchen. Das ist wunderbar für den Adrenalinspiegel. Denn der Nachbar kann sich ja nicht wehren. Herr Luc Frieden hat nun das perverse Spielchen auf die Spitze getrieben mit seinem Vorhaben, vor Gericht anonyme Zeugen zuzulassen. Hier wird dem Spaß auch noch eine juristische Bühne gebaut. Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Jetzt dürfen wir jeden, mit dem wir immer schon ein Hühnchen zu rupfen hatten, ungestraft in die Pfanne hauen. Der Herr Minister segnet die Beschuldigungsterroristen. Und er befördert ganz nebenbei das feige Anonymat in allen Gesellschaftsbereichen.

Schön ist nur, dass die anonymen Feiglinge in der Regel fulminant auf die Schnauze fallen. Wer den lautstarken Aufstand der Patrioten gegen Robert Goebbels auf dem RTL-Forum verfolgte, musste sich buchstäblich auf ein demokratisches Erdbeben einstellen. Da wurde feierlich geschworen, die geplante Entführung der Gëlle Fra mit allen Mitteln zu verhindern. Anketten wollten sich die anonymen Helden, mit Baggern und Mistgabeln anrücken, Blockaden und Barrikaden inszenieren, den Bösewicht Goebbels zum Teufel jagen und überhaupt alle miserablen Politiker des Landes verweisen. Und was geschah? Gar nichts. Am Tag der Demontage wehte nicht mal ein laues Lüftchen der Kontestation. Déi mat den décke Baken hatten sich in ihrem virtuellen Kriegsquartier regelrecht verkrümelt. Soviel zum Patriotismus und zur heldenhaften Resistenz à la luxembourgeoise.

Und jetzt kommt das Lob. Ist es nicht weit ökonomischer, seine Empörung mit ein paar Parolen auf dem Internet-Forum abzuhaken, statt der Wut auch noch praktisches Handeln folgen zu lassen? Handeln ist anstrengend, widerborstig und zeitraubend. Ein wildes Sätzlein dagegen ist schnell geschrieben. Ist es nicht eine Errungenschaft all dieser elektronischen Wundermaschinen, dass man einem echten oder vermeintlichen Widersacher ins Gesicht spucken kann, wobei der Angespuckte gar nicht weiß, woher die Spucke rührt? Richtig traurig ist eigentlich nur, dass sich all diese kühnen Schreihälse nicht von ihresgleichen öffentlich feiern lassen können. Denn sie sind ja leider anonym.

Auf Facebook, der weltweit ulkigsten Demokratiesimulation, wird gelegentlich zu einer spektakulären Aktion eingeladen, die flash mob heißt. Möglichst viele Teilnehmer versammeln sich an einem bestimmten Ort, um auf ein diskretes Signal hin für ein paar Minuten kollektiv zu erstarren. Hier erreicht das sogenannte „soziale Netzwerk“ seinen dynamischen Höhepunkt: alles steht still. Ein frappierendes Bild für die gähnende Leere der neuen fast-food-Polemiken. Vielleicht schafft es die mobbing community ja demnächst, aus den paar Minuten Immobilismus eine kleine Ewigkeit zu machen. Wir würden die Herrschaften bewundern und loben für ihren lähmenden Mut.

Guy Rewenig
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