Lebensgefühl

Erzähl mal was Schönes!

d'Lëtzebuerger Land vom 10.03.2011

Heute loben wir das positive Lebensgefühl. Überall nur mehr Mord und Totschlag, Katastrophen und Gewalt, Aufruhr und Umsturz: das zerschleißt in Windeseile unser Nervenkostüm, das halten wir bald im Kopf nicht mehr aus, da geht unser seelisches Gleichgewicht mit Caracho den Bach runter. Auch das unablässige Meckern, Kritisieren, Lamentieren, Polemisieren ist aus medizinischer Sicht äußerst heikel. Höchste Zeit also für eine kleine Gemütsaufhellung. Wir haben demnach beschlossen, heute nur schöne, liebe, lebensbejahende, sentimentale, antidepressive Geschichten aufzutischen. Richtig romantische Rührstücke aus dem idyllischen Alltag. Das Erstaunlichste ist: Wir mussten gar nicht lange suchen. Der Friede und die Freude, mit oder ohne Eierkuchen, lauern buchstäblich an jeder Straßenecke.

Die Gattin des Großherzogs hat die Kinderklinik besucht. Sie ging effektvoll in die Hocke und bezirzte auf Augenhöhe die kranken Kleinen. Als sie sich wieder erhob und die Klinik verließ, waren alle Kinder auf einen Schlag geheilt. Bass erstaunt jubelten Ärzte und Pflegepersonal ihr hinterher: Vive eis Kronndüschass! Somit wäre die Unverzichtbarkeit der Monarchie bewiesen. Es fragt sich zwar, ob diese großherzogliche Gesundheitspolitik auf Dauer in Ärztekreisen Zustimmung findet. Überall, wo die mildtätige Dame auftaucht, sind plötzlich alle Probleme bereinigt. Das ist nicht unbedingt im Sinne der Kompetitivität (beziehungsweise der „Komwitéit“, wie ein bekannter Industrieller mit Hang zum Komprimieren sich ausdrückt).

Wir aber freuen uns schon auf den nächsten offiziellen Auftritt von Frau Maria Teresa. Vor dem Länderspiel Luxemburg-Frankreich wird sie unsere Fußballnationalmannschaft in den Kabinen besuchen. Sie wird effektvoll in die Hocke gehen und die vergrämten Kleinen bezirzen. Das Resultat der anschließenden sportlichen Begegnung wird in die Fußballgeschichtsbücher eingehen als das „Wunder von Miami“.

Bleiben wir noch ein bisschen in den erfreulichen Gefilden des Sports. Die Gebrüder Schleck haben eine Pressekonferenz einberufen, und die berufene Presse eilte sozusagen mam décke Braquet herbei. Was war Weltbewegendes zu vermelden? Frank und Andy stellten ihr neues Trikot vor. Allein dies ist schon eine Sensation. Ein neues Trikot! Aber das Beste kommt erst: auf diesem Trikot ist nun endlich das Enovos-Logo deutlich zu erkennen. Jetzt sind alle Enovos-Kunden, also praktisch das gesamte Volk, in die nächste Tour de France eingebunden. Jedes Mal, wenn wir zu Hause den Lichtschalter umlegen, oder unsere Kochplatte in Betrieb nehmen, oder uns vor den Fernseher lümmeln, verpasst das dynamische Enovos-Logo auf dem Trikot den beiden Schleck-Brüdern einen kleinen, höchst anregenden elektrischen Schlag. Wie von der Tarantel gestochen werden sie die Alpen und Pyrenäen hinauffliegen. Völlig elektrisiert werden wir ihre Heldentaten verfolgen. Womit bewiesen wäre, dass der halbstaatliche Betrieb Enovos nicht nur eine lichtspendende, sondern auch eine volksfreundliche Firma ist.

Weil es so schön ist, erzählen wir gleich noch eine Bizziklettegeschicht. Die Stadt Luxemburg, urban auf Draht wie immer, ließ den Schöffenrat aufmarschieren, um einen „Bike Counter“ einzuweihen. Wer also mit dem Bike über die Al Bréck fährt, wird ab jetzt gecountet. Er muss sich nur an den Befehl des fuß- und zehenfreundlichen Slogans „Pédalez, vous êtes comptés“ halten. Biker, die nicht so blue eyed und green minded sind und aus private reasons nicht gecountet werden möchten, verweist der Schöffenrat ersatzweise an seinen hoch populären, nagelneuen hauptstädtischen „Crémant Counter“.

Dieser Automat zählt bei den zahllosen City Parties alle Kippercher, die über dem walking dinner sooner oder later die Gurgel der special guests hinabwandern. Die Crémant-Verzehrer müssen sich nur an den feuchten Slogan „Sauft, dir gitt gezielt“ halten. Mit der zahlenmäßigen Ausbeute seines „Crémant Counter“ wird der Schöffenrat noch in diesem Jahr beweisen, dass die ganze Hauptstadt mittlerweile ein einziger virtueller Weinberg ist. Also eine vollends ökologische Metropole. Auch der „Bike Counter“ dient übrigens nur dem Nachweis der sanften Mobilität, also der ökologischen Exzellenz. Kurz vor den Gemeinderatswahlen wird im Stadthaus der „Hot Air Counter“ eingeweiht. Auch heiße Luft ist ein wichtiger Faktor der ökologischen Politik. Sie ist jedenfalls sehr schadstoffarm. So steigen die Chancen der Stadt Luxemburg zum heißen Luftkurort.

Die schönste Geschichte kommt naturgemäß zum Schluss. Nach einem Treffen mit Juncker in Berlin sagte Bundeskanzlerin Merkel in makellosem Deutsch: „Es kommt in Europa weniger darauf an, was wir beschließen, sondern dass wir das, was wir beschließen, auch wirklich machen.“ So umfassend und stichhaltig wurde Europa schon lange nicht mehr beschrieben. Wir beschließen egal wat, aber es kommt darauf an, dass wir, wenn wir egal wat beschließen, auch wirklich egal wat machen. Jetzt kann der Frühling kommen.

Guy Rewenig
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