Brexit

Familienaufstellung

d'Lëtzebuerger Land vom 01.07.2016

Cameron ist zum Abendmahl geladen, nicht mal eine Henkersmahlzeit wird ihm gegönnt. Rosinenpickerei hat die mächtigste Hausfrau der Welt ausgeschlossen, von Granitbeißerei war die Rede. Anschließend muss er gehen, er wird auf eine Insel verbannt. Nach einer langen, möglicherweise umnachteten Nacht, die Meinungen darüber gehen auseinander, reibt sich die Welt die Augen. Alles ist plötzlich anders. Die Erdachse hat sich verschoben, wohin nur? War die Nacht vielleicht gar der Beginn einer Dämmerung? Und welcher?

Dawn, sagt Farrage ekstatisch und hebt den Blick himmelwärts. Kelten und Schottinnen und Affenfelsen, welch ein Durcheinander. Und Stadt und Land und jung und alt und dick und doof, sie alle können nicht mehr miteinander, sie leben auf anderen Planeten und Inseln und Kontinenten, sie wissen nichts voneinander und wollen auch nichts voneinander wissen. Spaltung, nennen das die Expert_innen. Einer vor allem scheint an allem schuld zu sein, der alte, weiße Mann, das Schreckgespenst des aufgeklärten Menschen. Er checkt zwar nix mehr, schafft es aber noch zur Wahlurne, um damit dem jungen, gebildeten Menschen die Zukunft zu vermasseln. Beinahe tut er der alten, beigen Frau leid: Dürfen nicht alle divers und besonders sein, mit Einschränkungen und Beschränkungen und Originalitäten?

Nur das alte männliche Bleichgesicht hat keine Lobby.Während sie noch darüber nach grübelt, sieht sie einen alten, grauen Mann. Er ist andauernd im Fernsehen, er droht mit dem Finger oder er küsst jemand, oder er gibt jemand einen kleinen Klaps, wie einem Hund, oder der Jemand kriegt einen Kuss und einen Klaps, in Kombi. Er ist sehr ein mächtiger europäischer Politiker, nur sehr Mächtige können sich so gehen lassen. Er kann auch sagen, was ihm einfällt, er ist so frei. Wenn welche nicht parieren, da ist die Tür! Es gibt keine Milde, verlorener Sohn ist verlorener Sohn. Irgendwer muss das Sagen haben, Mutti kann sich nicht um alles kümmern.

Es geht ja auch alles drunter und drüber in der Bude, früher nannte man es liebevoll europäisches Haus, dann wurde es nur noch als seelenloses Konstrukt irgendwo in einem Fantombrüssel hingestellt. Jetzt wollen immer mehr raus, sie wollen wieder ein Eigenheim. Junge, starke Männer und Frauen stehen auf und klopfen starke, schwachsinnige Sprüche. Der Engländer, dessen größter Traum in der eventuell umnachteten Nacht in Erfüllung ging, sagt, früher hätten alle ihn ausgelacht. Jetzt würden sie nicht mehr lachen. Ein Armes-freches-Kind-Flair geht von ihm aus, obschon er kein armes Kind war, jedenfalls nicht materiell arm. Er ist der freche, kleine Junge, der charmante kleine Schlingel, der die Kindergartenpädagogin zum Wahnsinn treibt. Er will endlich ernst genommen werden; es ist ihm gelungen, jetzt. Es ist jetzt wirklich ernst. Seine blonde Soul Sister aus Frankreich steht auf, sie will auch alles kaputt machen. Das kommt jetzt gut an. Der Patriarch schaut jedenfalls schon kaputt drein. Dennoch hört er nicht auf, er hat die ärgsten Pläne. Europa vertiefen, sicher eine Herausforderung. Boxen auch noch, Ceta durchboxen.

Der luxemburgische Premier hingegen hat herausgefunden, dass Brüssel nicht Facebook ist. Schade, auf Facebook hätte man sich längst entfreundet. Der luxemburgische Premier ist sehr aufgewühlt, Scheidung oder Ehe, sehr leidenschaftlich. Wenigstens sagt er nichts Trostloses à la gute Freunde bleiben. Alle gebärden sich so bedrohlich familiär, dauernd werden Schultern geklopft, es wird sich um die mächtigste Glucke der Welt geschart. Der Patriarch schwitzt, die wachsen ihm über den Kopf. Gruppentherapie, nennt es der frisch gebackene österreichische Kanzler. Hanni Hüsch steht für die ARD in einem weißgetupften, roten Mäntlein, im Marienkäferlook, vor der Londonkulisse. Hanni Hüsch schaut exakt aus, wie man sich Hanni Hüsch vorstellt. Sie ist die Wohnwagennachbarin von Angela Merkel, beim Bienenstich tauschen sie Putzmitteltipps aus. So lange Hanni Hüsch die Befunde durchgibt, kann es nicht so schlimm stehen um den englischen Patienten. Sie hat dieses Aufmunternde.

Michèle Thoma
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