Öffentliche Bibliotheken

Hoffnungslos unterentwickelt

d'Lëtzebuerger Land du 29.11.2001

Fangen wir an mit einer guten und einer schlechten Nachricht. Die gute zuerst: Dem luxemburgischen Bibliothekswesen geht es hervorragend. Die schlechte: Es stimmt nicht! Das Wort "Mangel" nicht in den Mund zu nehmen, ist einfach angesichts der aktuellen Situation unvermeidbar. Und dies macht eine klare Differenzierung der nationalen Bibliothekslandschaft schwierig. Nun besitzt normalerweise jedes zivilisierte Land auf Erden ein kohärentes System an Bibliothekstypen, die sich gegenseitig ergänzen oder miteinander kooperieren. Luxemburg leider nicht.

 

Welche Bibliotheken fehlen?

 

Es gibt hierzulande acht öffentliche Bibliotheken, d.h. die kommunalen Bibliotheken und deren Mischformen, einige mehr tote als aktive Pfarrbibliotheken und zwei Fahrbibliotheken (Bitte missbrauchen Sie den Bücherbus hier nicht als Alibi für flächendeckende Literaturversorgung!) für den allgemeinen Literaturbedarf der Bevölkerung. Schon ziemlich jämmerlich für ein im Ausland für seinen Reichtum bekanntes Land. Schwer verständlich für Bibliothekare auf den anderen Seiten der Grenzen. Man würde sich mindestens eine einzige gut ausgestattete Großstadtbibliothek mit mehreren Zweigstellen erhoffen. In Luxemburg leider totale Fehlanzeige! Also fragen Sie ja nicht in Ihrer Stadtbibliothek nach populärwissenschaftlicher Literatur in einem spezialisierten Fach - Sie werden furchtbar enttäuscht werden. Aber es bleiben ja noch die wissenschaftlichen Bibliotheken, wie z.B. die Nationalbibliothek, der Centre universitaire (Ausleihe ist in letzterer nicht erlaubt!) usw. Doch versuchen Sie in diesen Einrichtungen einmal, etwas leicht Verständliches für die Hausarbeit Ihres Sohnes oder Ihrer Tochter zu finden. Die müssen schließlich die Pflichten einer richtigen Universitätsbibliothek irgendwie wahrnehmen. Was die Leistungsfähigkeit unserer wissenschaftlichen Bibliotheken anbelangt, da würde unsere zukünftige luxemburgische Universität zur Illustration ein schönes Beispiel abgeben: eine deutsche Universitätsbibliothek spricht ab einem Bestand von Minimum 1.500.000 Medien von einem Grundbestand für anständige Forschungsbedingungen. Und dann müsste ja der ganze Bestand hierzulande auch noch mehrsprachig sein. Da muss noch viel, sehr viel, nachgeholt werden. Erwähnen wir trotzdem auch noch die minimal spezialisierten Bibliotheken mit ihren kleinen Beständen (Dokumentationszentren), ebenso wie wissenschaftliche und ausländische Kultur- oder sonstige Institute in öffentlicher oder privater Hand, verstreut übers Land aufzufinden. Die Zugänglichkeit für Normalsterbliche ist jedoch von Institution zu Institution verschieden. Die gut ausgestatteten europäischen Bibliotheken z.B. sind - außer einer Ausnahme - der luxemburgischen Bevölkerung verschlossen. Wenn das luxemburgische Bibliothekswesen aus diesem Blickwinkel heraus betrachtet wird, würde wohl jeder Besucher einer Großnation unser Land als eine Art Bibliosibirsk oder bibliothekarische Pampa bezeichnen. Bewußt ausgeklammert wurden alle Schulbibliotheken (Grundschule bis Gymnasium), da sich hier alles um den allgemeinen Literaturbedarf der Ottonormalverbraucher dreht. Und ein solcher wird nun einmal nicht primär in einer Schulbibliothek gestillt. Ein Grund, warum in internationalen Publikationen diese Bibliotheken nicht mitberücksichtigt werden. Herausfallen tun ebenfalls alle hierzulande seltenen Spezialbibliotheken, die nur bestimmte Benutzergruppen versorgen, wie z.B. Blindenbibliotheken, Altersheimbibliotheken, Patientenbibliotheken (d.h. Krankenhausbibliotheken; hierzulande: Bücherschränke) und Gefängnisbibliotheken.

 

Unterversorgte Altersstufen

 

Den Altersstufen, die die luxemburgischen Bibliotheken zu versorgen haben, nach zu urteilen, werden zuerst die Vorschulkinder ausgelassen. Dabei sollte bei denen doch mit der Leseerziehung oder -motivation am ehesten begonnen werden und mit Bilder-, Knautsch- und Kaubüchern schon einmal auf das Lesemedium Buch vorbereitet werden (siehe Angewöhnungsmodelle in Frankreich). Dann folgen die Jugendlichen, denen sowohl audiovisuelle Medien, wie (teure) Zeitschriftenangebote fehlen. Wenn die Bibliothek dann diese Leser nicht schon verloren haben sollte, verliert sie viele Erwachsene durch den Mangel an Fachmedien für alle kritischen Lebenslagen. Mit Unterhaltungsliteratur versucht die traditionelle luxemburgische Bibliothek schließlich die restlichen Leser bei Laune zu halten. Doch zusehends mit dem Altern nimmt die Sehschwäche ab. Großdruckbücher sind selten, und Geräte zur optischen Vergrößerung von Medien kennt man in Luxemburg noch nicht. Die luxemburgische Bevölkerung scheint wohl, entgegen anderen industriell hochentwickelten Ländern, nicht zu altern. Toll! Das erspart manches. Auch Bibliotheken. Dabei hätte der Autor an dieser Stelle eine Prophezeiung gewagt: Wetten, dass in der Zukunft Bücher mit Titeln wie Das Leben in und nach der Rente, Shopping-Tips für Pensionäre oder Rentenüberschüsse richtig anlegen bestimmt zu Bestsellern werden. In Großdruck, versteht sich. Aber wer ist bei den zukünftigen Rentnergenerationen dann überhaupt noch des Lesens mächtig? Die Mittel zum Ausprobieren standen ja nie zur Verfügung...

 

Zahlenvergleich mit dem nahen Ausland

 

Öffentliche Bibliotheken sind nun einmal ein Steckenpferd des Autors. Nicht zu unrecht, wie ihre herausragende Stellung im Bibliothekswesen (im Idealfall) zeigt. Hilfe benötigen sie allerdings überall immer am meisten. Statistiken können manches verdeutlichen (als Grundlagen dienten u.a. die letzt erschienenen Bibliotheksführer der jeweiligen angrenzenden Regionen): In Luxemburg stehen heute mit acht öffentlichen Bibliotheken (zwei Vereinsbibliotheken inbegriffen! - im Ausland werden solche Mischformen nicht mitgezählt), mit insgesamt ca. 200.000 Medien bei ca. 430.000 Einwohnern (2 586 km2), 0,46 Medien pro Kopf (eine Bibliothek für 55.000 Einwohner) zur Verfügung - in den anglo-amerikanischen Ländern drei pro Einwohner. Internationale Standards gehen bei entwickelten Ländern normalerweise von zwei bis drei Medien pro Einwohner aus. 200.000 Medien entsprechen übrigens dem alleinigen Bestand der Stadtbibliothek Saarbrücken (Personal: 42 Stellen / 350.000 Einwohner). Das Saarland (1.100.000 Einwohner / 2 570 km2) verfügt über insgesamt 22 öffentliche Bibliotheken (zusammen 1.020.000 Medien / 0,92 Medien pro Einwohner / eine Bibliothek für 50.000 Einwohner), das Département de la Moselle (1.050.000 Einwohner / 6 216 km2) über insgesamt 135 öffentliche Bibliotheken (ohne die Zweigstellen mitzurechnen! / Bestände insgesamt geschätzt: 2.000.000 Medien / ca. 1,9 Medien pro Einwohner / eine Bibliothek für 7.700 Einwohner). Die Bibliothèque-Médiathèque du Pontiffroy in Metz als Beispiel besitzt 300.000 Medien (Personal: 110 Stellen, mit Zweigstellen / 200.000 Einwohner) - Luxemburg-Stadt 55.000 Medien (Personal: sechs Stellen / 80.000 Einwohner). Saarbrücken und Metz verfügen über eigene Bibliotheksgebäude. Da sowohl das Saarland als auch das Département de la Moselle (auch in den anderen Départements) ihre regionalen Fahrbibliotheken abgeschafft haben, wurde der luxemburgische Bücherbus nicht in diese Berechnungen miteinbezogen, jedoch die Ergänzungsbibliotheken der jeweiligen Fachstellen, sogenannten Bibliotheken für Bibliotheken. Die Provinz Luxemburg in Belgien, mit ihren ca. 250.000 Einwohnern (4.418 km2), besitzt 33 öffentliche Bibliotheken (zusammen 550.000 Medien / 2,2 Medien pro Einwohner / eine Bibliothek für 7.500 Einwohner) und verfügt noch zusätzlich über zwei regionale Fahrbibliotheken. Fazit: Luxemburg bietet nicht einmal ein halbes Buch pro Einwohner, das Saarland fast ein ganzes, Lothringen fast zwei ganze und die belgische Provinz Luxemburg über zwei ganze Medien. Welches Luxemburg ist jetzt eigentlich "Provinz"? Und welche Region ist die reichste und welche die anscheinend unterentwickelte? Die Antwort kennen wir. Als Bibliotheksentwicklungsland kann man nur sagen: Liebes Großherzogtum Luxemburg, leiste Entwicklungshilfe! Gründe Bibliotheken! Auf eigenem Territorium. Du hast es bitter nötig.

 

Dossier Bibliotheken

 

 

 

Jean-Marie Reding
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