Heiliger Vater

Vaterschaftstest

d'Lëtzebuerger Land vom 18.03.2010

Heute loben wir den Heiligen Vater. Hoppla, schon haben wir ein Problem. „Heilig“ heißt ja immer auch vorbildlich. Wir beschäftigen uns also mit einem vorbildlichen Vater. Inwiefern ist der heilige Herr denn ein Vater? Hat er Kinder? Ist er zeugungsbereit? Oder maßt er sich nur einen Titel an, der ihm gar nicht zusteht? Würden Sie einem Heiligen Tennisspieler trauen, der noch nie einen Tennisschläger in die Hand genommen hat? Uns beschleicht ein teuflischer Zweifel: Sind wir an einen Heiligen Etikettenschwindler geraten?

Der Heilige Vater repräsentiert ja – falls unser kleiner Verstand diese großen Dinge überhaupt richtig erfasst – das genaue Gegenteil der Vaterschaft. Er lehnt es kategorisch ab, zum Vater zu werden. Mit seinem höchst salbungsvollen Vokabular drückt er seine feindliche Einstellung zur Vaterschaft so aus: „Der Heilige Zölibat ist ein kostbares Geschenk, ein Zeichen der vollständigen Hingabe an Gott.“ Nanu? Auch der Zölibat, also die Ablehnung der Vaterschaft, ist heilig! Jetzt wird es langsam kompliziert. Der Heilige Vater verordnet den Heiligen Zölibat. Wie geht denn das zusammen? Entweder ist der Vater heilig, oder der Anti-Vater. Aber nicht beide zugleich. Könnten uns die Heiligen Theologen hier vielleicht mal auf die Sprünge helfen?

Nein, könnten sie nicht. Denn sie begreifen ja selber den Heiligen Wahnwitz nicht. Sie plappern nur treu und ergeben nach, was in ihrem Heiligen Vorschriftsbüchlein steht. Der Heilige Zölibat ist also ein kostbares Geschenk. Das kriegt wohl nicht jeder. Wer schenkt denn da? Vermutlich der Heilige Gottvater. Jetzt fragen wir uns, was der Heilige Vater eigentlich unter „vollständiger Hingabe“ versteht? Hingabe ist was Schönes, das wissen wir aus eigener Erfahrung. Da kribbelt’s, da geht’s ganz schön stürmisch zur Sache. Wie aber will ein Zolibatär sich hingeben? Nur in Gedanken? Und nicht in Worten und Werken? Heiliger Bimbam, es wird immer komplizierter. Wenn ein Heiliger Vater sich einem Heiligen Gottvater vollständig hingibt, müssen wir dann nicht unbedingt von gleichgeschlechtlicher Liebe sprechen? Oh Horror, oh Graus! Zwei Väter auf dem platonischen Liebeslager! Heilige Inquisition, hilf!

Der Zölibat – diesen Verdacht hatten wir schon immer – ist nichts anderes als eine frauenverachtende Männererfindung. Die Frauen halten die gesalbten Gottesdiener von der vollständigen Hingabe an Gott ab. Wo eine Frau im Spiel ist, flutscht es nicht mehr so richtig zwischen all den Heiligen Vätern. Können Sie uns noch folgen in unserem kleinen, theologischen Irrgarten? Wirklich? Dann kommt jetzt mal wieder ein dialektischer Sprung auf Sie zu. Diese Väter, die gar keine Väter sind, entwickeln leider manchmal eine übertriebene Zuneigung zu Kindern, die aber tatsächlich Kinder sind. Dann hören wir von ganz und gar unzölibatären Heiligen Fummlern, die – sagen wir es mild – unbefugt die Zeugungsorgane von Schutzbefohlenen erkunden.

Doch der Heilige Vater ist ein geübter Katastrophenmanager. Er hat seinen Bischöfen befohlen, „eine Kontaktperson einzusetzen“ und „eine multidisziplinäre Arbeitsgruppe zur Betreuung nachträglich auftretender Opfer“. Schon die schwülstige Sprache sagt, dass es sich hier nur um eine äußerst intelligente Idee handeln kann. „Liebes Opfer, komm zu Daddy!“, lautet die Botschaft. Und zwar zum Daddy, der dich zuvor vergewaltigt hat. Daddy wird dich schon weiter betreuen. Und zwar diesmal echt multidisziplinär. Wir wissen ja inzwischen, was dieser Missbrauchsjargon zu bedeuten hat.

Nehmen wir mal an, es handelt sich bei dieser kriminellen Geschichte nicht um die katholische Kirche, sondern um die Mafia. Die Mafia sagt also ihren Opfern: „Ihr dürft euch vertrauensvoll an uns wenden, wir versprechen eine wirksame Nachbereitung unserer Untaten, denn wir sind höchst sachkundige Verbrecher.“ Und jetzt dürfen wir wieder denken: Es handelt sich ja nicht um die Mafia, sondern um die katholische Kirche. Nur mal ganz nebenbei: Ist die Justiz inzwischen abgeschafft?

Vielleicht hilft es, wenn wir jetzt flugs ein Bittbrieflein an den Obersten Wahnwitzbold schreiben: „Lieber Gott! Könntest du nicht wenigstens deine Herren Zölibatäre ohne Geschlechtsapparatur zur Welt kommen lassen? Warum stattest du sie mit Instrumenten aus, die sie gar nicht gebrauchen dürfen? Da ist doch irgendwo ein Systemfehler in deinem Schöpfungsplan. Amputiere den Zölibatären doch einfach die fatale Libido. Damit sie nicht zwanghaft wehrlose Kinder betatschen und begrapschen müssen. Gestalte ihre frommen Finger so, dass nur mehr Gebetbücher und Rosenkränze dazwischen passen. Und halte sie bitte endlich fern von unseren Schulen, vor allem den öffentlichen. Auch wenn hier eine Heilige Unterrichtsministerin am Werk ist, die unsere Schulen mit einem Pfaffenexerzierfeld verwechselt. Megageilen Dank an dich, lieber Gott!“

Guy Rewenig
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