Liebe zu Gastarbeitern

Fußknabberfische

d'Lëtzebuerger Land du 24.02.2012

Heute loben wir die Liebe zu den Gastarbeitern. Sie haben sehr exotische Namen: „Garra Rufa“, oder „Cyprinion Macrostomus“, gelegentlich auch „Discognathus Lamta“. Das klingt ausgesprochen fremdländisch. Ja, es stimmt, wir scheuen weder Kosten noch Mühen, um unsere Gastarbeiter aus den entferntesten Weltregionen einzufliegen. Bei uns ist Platz für die krassesten Außenseiter. Wir hegen und pflegen sie nach allen Regeln der Freundschaftskunst. Hier in Luxemburg dürfen sie sofort eine exklusive Karriere anstreben, und zwar im so genannten Wellness-Bereich. Sie arbeiten also auf der allerhöchsten Ebene unserer Wohlstandsgesellschaft. Da sage noch einer, wir hätten nichts übrig für bedürftige Exoten.

Sie können von Glück reden, dass wir ihnen großzügig unseren Arbeitsmarkt öffnen. Denn allein ihre Herkunft lässt nichts Gutes ahnen. Sie stammen aus der Türkei, aus Syrien, dem Iran und dem Irak. In diesen explosiven Gefilden sind die Bedingungen für eine gelungene Selbstverwirklichung sehr schlecht. Ständig braut sich was zusammen, bei Tag und Nacht drohen aufwändige Rebellionen. Da wir humanitär gut drauf sind, betätigen wir uns als eine Art Fluchthelfer für verschreckte Arbeitskräfte aus dem Mittleren Osten. Und wir sind gar nicht kleinlich. Zu Abertausenden gewähren wir ihnen Asyl in unseren schönsten Luxuseinrichtungen.

Ihre Arbeit ist nicht mal beschwerlich. Wir erwarten lediglich von ihnen, dass sie unseren Dreck wegmachen. Unsere Gegenleistung kann sich sehen lassen. All diese Exoten verfügen über ihren eigenen swimming pool. Sie leben buchstäblich im gut geheizten Becken, nie sinkt die Temperatur unter 28 Grad. Diese Gastarbeiter tummeln sich allesamt gutgelaunt in unseren besten Wellness-Oasen.

Da sie von Natur aus auffällig winzig sind, stellen sie uns nicht vor logistische Herausforderungen. Wir müssen ihretwegen nicht unseren Wohnungsmarkt umkrempeln oder unsere Campingplätze zweckentfremden. Diese Gastarbeiter verbinden Kost und Logis auf geradezu verblüffende Weise. Sie ernähren sich buchstäblich über der Arbeit. Das heißt, sie kombinieren Produktivität und Konsum und ihre Kompetitivität lässt nimmer nach. Sie sind mit sehr wenig zufrieden und haben nicht den Drang, in den heiligen Reservaten der Einheimischen zu wildern. Sie beschränken sich auf die saubere Ausführung ihrer Dienstleistung. Insofern sind sie einfach die idealen Gastarbeiter.

Ihr Pensum ist zielgerichtet und überschaubar. Sie sind darauf spezialisiert, abgestorbene Hautreste wegzufressen. Das geht so: der gastarbeiterfreundliche Luxemburger steckt seinen nackten Fuß in ein mit Wasser gefülltes Behältnis, und sofort legt die Gastarbeiterkolonne los. In Nullkommanix haben die 250 Exoten alle Hautunreinheiten beseitigt. Der Fuß glänzt wie neu, die Gastarbeiter sind satt und zufrieden, denn abgestorbene Hautreste sind sozusagen ihre Leibspeise. Der gastarbeiterfreundliche Luxemburger darf sich ebenfalls einer tiefen Genugtuung erfreuen, denn er hat den teuren Hautarzt gespart und zudem 250 Lebewesen mit Migrationshintergrund eine leckere Mahlzeit gespendet. So macht das fruchtbare Zusammenleben von Eingeborenen und Gastarbeitern wirklich Spaß.

„Die besondere Pediküre des wundersamen Kangal-Fisches“, wie ein Tageblatt-Journalist schwärmerisch das neue Gastarbeiter-Elysium umschreibt, ist übrigens ein Vorbild für unsere künftige Arbeitsmarktpolitik. Über ihre Laufbahn lesen wir nämlich folgendes: „Wenn die Fischlein eine gewisse Größe erreicht haben, werden sie in den Ruhestand entlassen. Sie landen keineswegs auf dem Speiseplan von Restaurants, sondern kommen in eine Spezialeinrichtung nach Deutschland, wo sie dann fachgerecht entsorgt werden“ (Tageblatt, 15.02.2012).

Dürfen wir hoffen, dass es sich bei der deutschen Spezialeinrichtung nicht um ein Altersheim handelt? Ansonsten ist das Modell vorbildlich: wenn die kleinen Fische dazu tendieren, sich den größeren Fischen anzugleichen, werden sie in den Ruhestand entlassen, und wir schaffen uns wieder echt kleine Fische an, die dann wieder tatkräftig auf ihren Ruhestand hinarbeiten dürfen. So wächst keiner über sein eigenes Maß hinaus, keiner wird üppig und keiner erhebt unverschämte Ansprüche. Wir können hier mit Fug und Recht von der bewährten Kangal-Variante des wundersamen Raubtierkapitalismus reden.

Die politische Pointe aber liegt im Detail. Der Ruhestand ist nämlich gleichbedeutend mit „fachgerechter Entsorgung“. Auf eine derart einfache und einleuchtende Lösung ist unsere Regierung noch gar nicht gekommen. Die gesamte Pensionsreform wäre auf einen Schlag Makulatur. Alle kleinen Fische verschwinden im Orkus, der Staat saniert seine Finanzen in Windeseile. Wir sehen der Zukunft jedenfalls voller Optimismus entgegen. Es soll schon durchtrainierte Kangal-Fische geben, die nicht nur abgestorbene Hautreste, sondern auch abgestorbene Hirnzellen wegfressen. Da eröffnet sich ein weites Feld. Wir werden demnächst wohl das gastarbeiterfreundlichste Land der Welt sein.

Guy Rewenig
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