Die kleine Zeitzeugin

Besuch von der
Wespe

d'Lëtzebuerger Land du 01.09.2017

Setting: Balkon, Mohntorte, ich. Besuch: die Wespe.

Okay die Mohntorte ist groß und du bist klein, du wirst mir was übrig lassen, also bitte schön, tu dich gütlich! Dann kann ich naturvolkstudieren, wieviel Mohn in eine Wespe geht, wie das dann mit dem Fliegen geht, auch noch mit Opiat als Treibstoff. So hat jede was von dem Deal, Win-Win. Bald ist mein Besuch total voll, die Torte noch da. Aber jetzt sind auch die anderen da! Die Freund_innen, Nachbar_innen, Verwandten, die Großfamilie. Einerseits fair, mein Besuch denkt nicht nur an sich, lädt alle ein. Aber mir gegenüber unfair, so war das nicht ausgemacht! Mit Naturvölkern kann man nicht dealen, und überhaupt, das hat man davon. Eine Guter-Mensch-von-Sezuan-Verbitterung stellt sich ein.

Setting: Jogurt, Erdbeermarmelade, ich. Plot: Jogurtbecher öffnen, Marmeladenglasdeckel aufdrehen, dunkelrote Klümpchen verrühren, minutiös, kurz von Wespenwesenvisionen gestreift. Unmöglich! Dann aufzucken, taumeln, spucken, sie liegt vor mir, zerrupft, in einem Jogurtbrei. Panikhechten zum Onkel Doktor, die Moritaten von den Opfern dieses Sommers, Menschen, die an einem schönen Sommertag

an etwas nippten, arglos, summen in meinem Kopf herum. Ich habe einen Feuerklumpen im Maul. Der gute Onkel Doktor zückt eine tolle Spritze, her mit dem Stachel! Es ist eine Anti-Allergiespritze. Was ist, wenn ich anti-allergiespritzenallergisch bin?, frage ich beklommen, doch der Onkel Doktor verabschiebt mich freundlich, aber bestimmt. Er bestellt nicht mal den Rettungs- oder Leichenwagen.

Zuhause erwartet sie mich im Jogurtbrei. Sie schaut erbärmlich aus. Nicht mal zerbissen. So klein und verschrumpelt zusammengezogen, mit angezogenen Beinchen. Du bist zu weit gegangen! Bis in die Höhle des Mundes. Musste das denn sein? Nach allem, was ich für euch tue, vor allem, was ich euch nicht antue? Wie ich zivilisiert das Feld räume und es euch überlasse, wenn ihr in Geschwadern anrückt. Euch nicht den Krieg erkläre, keine Vernichtungsfeldzüge plane und euch nicht einfach routiniert beiläufig totschlage. Dabei die weltwachsamste Esserin und Trinkerin bin, auch zu eurem Besten, bitte! Jedes Glas bedecke, den Inhalt von vergessenen Kaffeetassen sorgfältig filtere. Wie hast du es also bei deinem Selbstmordanschlag unter mein scharf bewachtes Palais geschafft? Und wie soll die Nahrungsaufnahme in Zukunft vonstatten gehen, wenn wir nicht aussterben wollen wie die Bienen, eure braven Schwestern? Ihr denkt nicht daran auszusterben! Und wie, frage ich mich und euch, sollen blinde Menschen einen Wespensommer überleben? Euch ist das wahrscheinlich egal.

Dieses sinnlose Sterben. Oder hat es einen Sinn, immerhin bist du durch mich gestorben? Vielleicht sogar für mich? Ich beuge mich über den winzigen Corpus in seinem Sträflingsdress. Wespenorakel, was wolltest du mir sagen, was war deine Todschaft an diesem himmlisch schönen Erdentag? Als letzte Stündchenangst mein Herz tot schlug, beinahe, bevor ich unter Schutzengelflügelgeknatter von der Schaufel sprang, Warum hast du, himmlische Kriegerin in unscheinbarer Aufmachung, deinen Stachel in meine spitzzüngige Zungenspitze gebohrt ?Vielleicht, um mir den golddurchwobenen, blau flammend schönen Tag mit deinem Stachel einzubrennen, mich von Grübelgram und Alltagskrämerei zu heilen? Carpe diem, profan gesagt.

Vielleicht lachst du posthum über mich kranke Katholikin, Gelegenheitsesoterikerin, der die Sinnsuche in der Birne summt? Und über meine antropozentrischen Auslegungen lacht deine Sippe, die Fischstäbchen lachen, Harvey lacht, und ich stehe da mit dem Katafalk. Wohin mit deiner irdischen Hülle?

Erdbestattung auf dem Balkon, ein Gotteswespenäckerchen? Vielleicht verfolgst du mich dann, ich buddele deine Mumie aus wenn, ich einen Samen einbetten will. Vielleicht wächst dein Stachel nach und es wachsen Stachelbeeren aus deinem Überrestlein?

Ich entscheide mich für eine praktische Wasserbestattung, ein Wasserfall spült dich ins unterbewusste Unterirdische und dann in den Strom des Lebens. Mehr kann ich jetzt nicht tun.

Michèle Thoma
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