Wenn ich Fußball-EM schaue

Heile Islandwelt

d'Lëtzebuerger Land du 08.07.2016

Es war in einem anderen Jahrtausend. Unterwegs auf der legendären Luxemburg-New York-Strecke landete ich auf dem Flughafen von Reykjavik. Es war grauwolkig, ich sah ein paar graue Häuserblöcke, ein kleines Rollfeld. Aha, Island. Das Flugzeug wurde gewartet, dann ging es weiter, endlich. Island war eine Tankstelle.

Keine innere Stimme hatte mir zugeraunt, an welch besonderem Ort ich mich befand. Viele Jahrzehnte später, nachdem blasse Buben mit Hörnern die Herzen erobert hatten, werden wir mit hymnischen Berichten über diese Insel, ihre Bewohner_innen, die irdischen und die noch irdischeren, über die Sitten und Gebräuche überschwemmt. Helden, mit Hörnern! Noch dazu welche, die nicht mal tot sind.

Nicht mal siegreich. Aber sie haben präzise geschnittene Bleichgesichter, sie schauen unerschrocken. Und dann natürlich das Kriegsgeheul. Und die Namen. Wenn Gudmundsson und Sigfusson und Sigurdsson angestürmt kommen, magisch behütet und beflügelt von den Namen der Väter, müssen doch sämtliche Gegner erstarren. Beziehungsweise, müssten.

Sehnsüchtig richtet sich der Blick der alten, kaputten, verwirrten Europäer_innen auf dieses Eiland. Es muss schön dort sein, es geht anscheinend geordnet dort zu und zugleich urwüchsig, vertraut und exotisch. Die Leute da glauben an Feen, aber auch an den Christengott, ein Punk wird Bürgermeister, Schwule und Lesben heiraten, aber sie müssen nicht. Arbeitslos ist man kaum, es gibt mehr Schafe als Einwohner. Dichter_innen in rauen Mengen. Sie schreiben Kilometer lange Werke, und es gibt wirklich welche, die sie lesen. Sogar kaufen. Eine Banki hat eine Krise, sie kriegt keine Depression, sie überwindet sie. Während der Kochtopfrevolution landet kein Schwein im Kochtopf. Es scheint eine Art Paradies zu sein, ein vernünftiges Paradies, eins nach menschlichem Maßstab, was allerdings wie ein Paradiesparadoxon klingt. Jedenfalls keins wegen dem Mann sich in die Luft sprengen oder kasteien würde, man pflegt es eher, fegt die Asche weg, wenn ein Vulkan speit, was häufig vorkommt. So kommt keine Langeweile auf.

Keinesfalls eine Idylle, aber die Menschen scheinen ihre Angelegenheiten mit Vernunft zu regeln. Elfenbeauftragte versuchen zum Beispiel, die Interessen aller Inselbewohner zu berücksichtigen, das scheint allen gut zu bekommen. Ein freundliches, zukunftsweisendes Gesellschaftsmodell, mit Hammelhoden.

Die werden dort gern verdrückt, wie verweste Haie, oder Hummerschwänze, oder Walfische. Zwar eine zum Teil politisch unkorrekte Ernährung, was in der momentanen Verliebtheit kaum erwähnt wird, sie macht die Isländerinnen jedenfalls bärinnenstark. Wie alle wirklich Starken scheinen sie friedlicher Wesensart zu sein. Geschossen wird nur zu Silvester, wo sie den Weltrekord im Böllerschießen innehaben, natürlich geht der Erlös an karitative Institutionen. Alle duzen sich, im Telefonbuch stehen nur Vornamen. Es gibt kein Militär, eine Nato zwar schon, alles kann man nicht nicht haben. Es gibt nur ein Gefängnis mit nur einem einzigen Justizwachebeamten, ziemlich sicher schreibt der einzige Häftling einen Roman, einen nobelpreiswürdigen. Der Panamapapierpremier ist nicht hier, er lässt sich entschuldigen, er ist gerade off shore.

Aussteiger vom europäischen Kontinent, die dort traditionell gern Schafe halten oder Vulkanschlünde spähen, wissen Erstaunliches zu berichten, Unglaubliches. Alle würden allen helfen. Wie eine einzige große Familie. Überall Söne und Dottirs! Was den einen oder die andere der sehnsüchtigen, individualistischen, sozialphobischen Europäer_innen vielleicht doch noch ins Grübeln bringt. Wenn der Nachbar mich jetzt dauernd zum Trottellummenbraten einlädt! Wenn ich jetzt schon wieder dran bin mit dem Walfischfischen, mit dem Aschewegwischen!

Es kommt aber noch besser, alle seien gleich, schwärmen sie. Ärzt_innen und Arbeiter_innen, alle würden gleich behandelt. Sogar Schriftstellerinnen. Wie im Kommunismus, aber es ist kein Kommunismus, das ist das Tolle.

Und ich schaute damals nur blasiert auf das Rollfeldchen.

Michèle Thoma
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