Kino

Aufschrei gegen Aids, Ode an das Leben

d'Lëtzebuerger Land du 01.09.2017

Die Einstellungen des bedeutungsschweren Dramas Philadelphia (1993) mit Tom Hanks als dahinsiechendem Aids-kranken Homosexuellen kleben noch immer an einem. Pathos hing in dem Hollywood-Drama in nahezu jeder Szene in der Luft. Und doch markierte der Film eine Zäsur, wurde doch erstmals das Tabu um den tödlichen Virus gebrochen, kam die gesellschaftliche Diskriminierung Homosexueller ans Licht. Manchmal braucht es offenbar 25 Jahre, bis der richtige Ton, die richtigen Bilder gefunden werden.

Robert Campillo gelingt es mit 120 battements par minute jedenfalls für die Krankheit zu sensibilisieren, wenngleich der Rahmen auf den ersten Blick etwas einfallslos daherkommt: auf der einen Seite Act Up, eine Gruppe furioser Aktivisten, die mit spektakulären Aktionen die Öffentlichkeit aufrütteln wollen, auf der anderen Seite der böse Pharmakonzern Melton Pharm, der bewusst einen Wirkstoff unter Verschluss hält, der den Verlauf der Krankheit verzögern könnte.

Und doch ist Campillos Drama, das bei den Filmfestspielen in Cannes als Favorit des diesjährigen Jury-Direktors Pedro Almodovar galt, aber keine der begehrten Palmen, sondern den Grand Prix gewann, ein durch und durch gelungener Film, der das Leben ohne Larmoyanz und falsches Pathos feiert.

Von Beginn an folgt die Kamera den symbolträchtigen Aktionen der militanten Gruppe Act Up. Man sieht ihre Mitglieder in einem großen Hörsaal über Formen des Protests, geeignete Plakate und Flyer erhitzt diskutieren; man sieht sie zornig in Schulklassen stürmen und Flyer und Kondome verteilen. Stille Aktionen, mit schwarzen Kreuzen am Boden liegend, gehören genauso zum Repertoire von Act Up wie Märsche im Gedenken an verstorbene Kameraden oder Flashmobs, wie das Hineinplatzen in Versammlungen des Pharmakonzerns: Blutrote Wasserluftballons klatschen an die Konzernzentrale und zerlaufen über dem Logo der Firma; die Botschaft: „Ihr habt Blut an den Händen!“ wird unmissverständlich transportiert. Dass die Proteste von Act Up nie gekünstelt wirken, mag auch daran liegen, dass Campillo das Drehbuch zum Film gemeinsam mit Philippe Mangeot, von 1997-1999 Präsident von Act Up, geschrieben hat.

Mit Adèle Haenel (der Hauptfigur in La fille inconnue, dem letzten Film der Dardenne-Brüder) erlebt man eine überzeugende militante Kämpferin, der die Rolle auf den Leib geschrieben scheint. Und natürlich kommt der Film nicht ohne eine intime Liebesgeschichte aus. „Was machst du eigentlich so im Leben?“, wird Nathan (Arnaud Valois) Sean (Nahuel Pérez Biscayart) verträumt in einer der Versammlungen fragen. Dessen lakonische Antwort: „Ich bin im Leben HIV-positiv“, bevor man beider Beziehung in einfühlsamen Einstellungen folgen kann. Sex, Intimität und Solidarität bis in den Tod zeigt Campillo in meist ausdrucksstarken Bildern – wenngleich nicht gänzlich kitschfrei. Die blutrote Seine, Wellen am Meer und Sonnenuntergänge laden das Drama an manchen Stellen unnötig auf.

Und doch ist 120 battements par minute ein Film, der wirklich aufwühlt und trotz seiner 142 Minuten keinerlei Längen hat. Zu den schrillen Tönen und Beats von Jimmy Somervilles’ Smalltown Boy, „ein emotionaler Schrei“, wie der Glasgower Sänger selbst über sein Lied sagte, das zu dem Song der Schwulenbewegung der Achtzigerjahre werden sollte, sieht man die jugendlichen Aktivisten von Act Up tanzen, ungezügelten Safer-Sex haben, demonstrieren und dem Virus trotzen, einem filmischen Aufschrei gleich; raus aus dem stigmatisierten Schattendasein, rein ins Leben.

Genau darin liegt das Unglaubliche dieses Films, dass er es schafft, eine lebensfrohe Botschaft zu transportieren. Es ist, als würde Campillo einem durch seine mutigen AktivistInnen zurufen: Feiert das Leben, habt Sex und tanzt, bis es zu früh zu Ende ist!

Anina Valle Thiele
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